Inhalt:


Verdammte Sucht
Der neue Nachbar
Unterschätzt
Stehauf-Mädchen
Nachholbedarf
Der alte Mann und das Mädchen
Kaffeeflirt
Der Rosengarten


Verdammte Sucht.

Leise brodelt die Kaffeemaschine in der Küche und verströmt einen aromatischen Duft. Mit zittrigen Händen greift Christiane nach einer Schachtel, die in ihrer Hosentasche steckt. Beim öffnen der Packung, grinsen sie zwei blütenweiße Zigaretten an. Harmlos sehen sie aus, so unschuldig und rein, doch Christiane ist ihnen verfallen. Wütend wirft sie die Schachtel auf den Tisch und füllt sich eine Tasse mit dem fertig gebrühten Getränk.    

Auf dem Stuhl sitzend geniest sie jeden Schluck ihres Kaffees. Den Blick starr auf die Packung gerichtet, kreisen ihre Gedanken ständig um das Gleiche.

„Nur noch zwei Stück, wie lange halte ich das aus?“

In der Nähe ist ein Kiosk, dort könnte sie sich Nachschub holen, doch ihr Innerstes schreit „Nein!

Seit mehreren Tagen wird sie von Hustenanfällen heimgesucht. Im Taschentuch sind graue Spuren sichtbar, wenn sie es sich vor den Mund hält. Allein das ist schon erschreckend genug, doch am schlimmsten sind ihre Nächte.     

Mitten im Schlaf bleibt ihr die Luft weg. Wie ein Astmahtiker ringt sie dann um freies Atmen, immer begleitet von einem hellen Pfeifton.   

Christiane leidet nicht an Astmah. Hat es nie gehabt und ist auch von ihrer Familie her nicht mit dieser Krankheit vorbelastet.

„Ich muss aufhören zu rauchen, jetzt und sofort. Solche Horrornächte sind ein Warnschuss vorm Bug. Nikotinpflaster? Ha, dass ich nicht lache! So was ist doch Kinderkacke.“

Ihre Gedanken schweifen zu jener Zeit zurück, als sie noch zur Schule ging.

„Warum hatte ich nur angefangen?

Jeder vernünftige Mensch sagte mir:

„Lass die Finger vom Rauchen. Es stinkt, ist teuer, wie Hund und ruiniert Deine Gesundheit.“

Aber ich konnte es ja nicht lassen. – Fühlte mich erwachsen, wollte dazu gehören und sterben muss doch sowieso jeder irgendwann. Ist doch egal, an was. Genau so dachte ich.

Jugendlicher Leichtsinn. Ja, der wird auch dahinter gesteckt haben.

Sie erinnert sich noch gut an die ersten Züge ihres Lebens.

Mann oh Mann, war mir schlecht geworden. Und husten musste ich. Hab mir fast die Seele aus dem Leib gehustet.

„Das gibt’s doch nicht. Was die Anderen können, das kann ich auch.“

War ich blöd damals. Genauso blöd, wie meine Freundinnen. Ob die immer noch rauchen? Weiß nicht. Hab sie aus den Augen verloren.

Ab morgen ist Schluss damit! Erst wasche ich alle Gardinen und dann wird gründlich der Hausputz erledigt. Arbeit lenkt ab. Kaugummis muss ich mir noch kaufen, die beruhigen. Ich werde es schaffen aufzuhören, ganz bestimmt.   

 

 

 

Der neue Nachbar

Lange hatte das Ehepaar Roth nach einem neuen Heim gesucht bis endlich feststand, dass sie dieses und kein anderes Hauses kaufen wollten.
Es schien perfekt zu sein.
Weitläufige Räume mit großen Glasflächen vermittelten einen Eindruck von Freiheit innerhalb des Gebäudes. Ein Wintergarten, der im Frühjahr erste Sonnenstrahlen einfing, erweiterte das Wohnzimmer vorteilhaft.
Eva strahlte ihren Mann an. Ein Traum war in Erfüllung gegangen.
Auch die Umgebung des Hauses entsprach ihren Vorstellungen.
In der Nachbarschaft standen schmucke Bungalows, die von gepflegten Gärten umrandet waren.

„Hier werden wir uns wohl fühlen“, versicherten sie sich gegenseitig mit einer innigen Umarmung.

Der Einzug lief reibungslos ab.
Die Küche stand schon, auch der Salon war fast eingerichtet gewesen. Erschöpft ließ sich Jan auf seinen Lieblingssessel fallen.
„Du Evchen, wir haben gar nichts zum Essen im Haus. Gehst du schnell einkaufen? Vom Ein- und Auspacken bin ich ganz geschafft.“

„Das könnte dir so passen. Ich hab genauso viel getan wie du. Heute Abend bleibt die Küche kalt. Pizza kann ich uns besorgen, mehr nicht.“

„Bring ne Flasche Rotwein mit. Den ersten Abend im neuen Heim wollen wir doch anständig begießen.“

Als Eva mit Speis und Trank zurück kam, machte sie ein besorgtes Gesicht.
In der Pizzeria hatte sie sich als neue Einwohnerin vorgestellt. Nachdem sie Straße und Hausnummer genannt hatte, wurde sie von mehreren Ortsansässigen vorgewarnt. Ihr Nachbar sei ein merkwürdiger Mensch, mit dem niemand etwas zu tun haben möchte. Einzelheiten teilte niemand mit, nur mitleidige Blicke streiften sie.

„Mach dir mal keine Sorgen, wer weiß, was an den Gerüchten dran ist. Geredet wird viel, wir sollten nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen“, sprach Jan. Doch seine Stimme klang nicht sehr überzeugend.
Der Garten verunzierte eine hässliche Mauer, die auf dem anschließenden Grundstück stand. Ein Maschendrahtzaun würde genügen. Er wollte bei der nächsten Gelegenheit mit dem Nachbarn darüber reden.

Das Ehepaar hatte sich schnell eingelebt. Ihr offenes und herzliches Wesen fand im ganzen Ort Anklang.
Alles hätte so schön sein können, wenn das Haus nebenan keine düstere Stimmung ausstrahlen würde. Es war bewohnt, unverkennbare Geräusche drangen aus dem Gebäude. Doch niemals sahen sie eine Person, die sie begrüßen konnten.

Zwei Monate lang wartete Eva darauf, ihrem Nachbarn zu begegnen. Dann hielt sie es nicht mehr aus.
Ihr Mann arbeitete Schicht, er würde sehr spät nach Hause kommen.
Beherzt ging sie rüber und drückte auf den Klingelknopf. In der Hand hielt sie einen frisch gebackenen Kuchen.
Schlurfende Schritte verrieten, dass jemand zu Hause war. Mit leisem Knirschen öffnete sich ein kleiner Spalt.

„Was wollen sie, ich kaufe nichts.“

Bevor die Tür wieder ins Schloss fallen konnte, erwiderte Eva.

„Ich bin nebenan eingezogen und möchte mich vorstellen. Ein kleines Präsent habe ich auch mitgebracht. Bitte nehmen Sie sich etwas Zeit, damit wir uns kennen lernen können.“
„Und was habe ich davon?“
„Na ja, wenigstens diesen leckeren Kuchen da.“
Eva hielt ihre verführerisch duftende Rhabarbertorte unter die Nase des Fremden.
„Selbstgemacht?“
„Ehrenwort.“
Kurz darauf hörte sie das Entfernen der Sicherheitskette. In dem weit geöffneten Portal stand ein älterer Herr von kleiner Statur. Er trug einen Anzug dem man ansah, dass er eine Menge Geld kostete. Schneeweiße Strähnen fielen auf die Stirn. Er hatte feingeschnittene Gesichtszüge, die von einer goldumrandeten Brille unterstrichen wurden.
Wie immer sich Eva ihren Nachbarn vorgestellt haben mag, so jedenfalls nicht.

„Entschuldigen Sie meine Unhöflichkeit, aber man weiß nie, wer sich hier rumtreibt.“
Mit einer angedeuteten Verbeugung bat der Hausherr die junge Frau ins Haus.
Formvollendet stellte er sich vor. Alles an und um ihn herum strahlte Noblesse aus. Nur eine Kleinigkeit passte nicht ins Gesamtbild hinein.
Wie ein Kind schien er sich über den Kuchen zu freuen.
„Mit Speck fängt man Mäuse“, dachte Eva und schmunzelte im Verborgenen.

Sie blieb nicht länger als nötig und sprach nicht mehr, als beim ersten Treffen angebracht war. Eva wusste auch, wie man sich benimmt.
Vier Tage später lag eine Einladungskarte in ihrem Briefkasten.

„Mensch, bei dem hast du aber mächtigen Eindruck gemacht, wenn das nur so bleibt“.
„Lass Mal, so übel ist der gar nicht. Die Einsamkeit macht ihm schwer zu schaffen. Er ist sehr gebildet und kann überflüssiges Geschwätz nicht ausstehen. Gebe dich so, wie du bist. Selten sind die Leute ehrlich zu ihm. Deshalb hat er sich auch von der Gesellschaft zurückgezogen. Zu oft wurde er enttäuscht.

„Er soll arrogant sein“.
„Das würde ich nicht behaupten. Ist es überheblich, wenn man auf gute Umgangsformen achtet?
Sein Benehmen ist Niveauvoll und das verstehen die Leute eben nicht.“
Eva erzählte, wie Herr Maienberg sich über den Kuchen gefreut hatte und des Lobes voll gewesen sei.
„Du siehst, er ist ein ganz normaler Mann. Wenn wir ihm nicht allzu stark auf die Pelle rücken, dann werden wir bestimmt gut mit ihm auskommen.“

Jan begleitete seine Frau bei ihrem nächsten Besuch.
Als er das Haus betrat, beeindruckte ihn die gut gefüllte Bücherwand im Wohnzimmer.

„Haben Sie die alle gelesen?“
„Na ja, mit der Zeit kommt einiges zusammen.“
„Ich könnte das nicht, ist mir zu viel Theorie.“
„Mit irgendetwas muss ich mich ja befassen.“
„Arbeiten Sie nicht?“

Eva stupste Jan vorwurfsvoll an.

„Lassen Sie nur Frau Roth, die Frage ihres Mannes ist berechtigt“, zu Jan gewandt antwortete Herr Maienberg:
„Soziologische Abhandlungen zu verfassen, ist sehr aufwendig und anstrengend. So gesehen arbeite ich. – Mit dem Kopf, nicht mit den Händen.“
„Möchten Sie mal an der frischen Luft etwas tun, ich meine so richtig mit Schweiß auf der Stirn? Das wäre doch eine ganz neue Erfahrung für Sie. Ein neuer Standpunkt, der Ihnen ungeahnte Erkenntnisse verschafft.“

Eva hielt die Luft an. Sie rechnete damit, in den nächsten Minuten aus dem Haus geworfen zu werden.

„Interessanter Gedanke, aber wie stellen Sie sich das vor? Wer würde mich anstellen?“
„Sie müssen nicht für fremde Leute arbeiten. Ich habe eine ganz andere Idee.“
Jan ging mit dem Gastgeber in dessen Garten und deutete auf die Mauer. Ausblühendes Salpetersalz bildete schäbige Flecken auf den Steinen.
„Was halten Sie davon, wenn wir zusammen das scheußliche Ding abreißen? Sie wüssten wie körperliche Arbeit schmeckt und unsere Gärten würden viel schöner aussehen.“
„Ich werde es mir überlegen. Früher brauchte ich diese solide Barriere.“
Mehr wurde nicht darüber gesprochen.
Dass seine Nachbarn nicht nachfragten, warum er sich abgeschirmt hatte, empfand Herr Maienberg als wohltuend. Sie schienen ihn ohne Hintergedanken zu akzeptieren

Einen Monat später meldete sich Herr Maienberg zu einem Gegenbesuch an.
Eva war darüber erstaunt, denn sie dachte, dass dieser introvertierte Mann mit ihnen keinen weiteren Kontakt pflegen wollte.
Es war ein sonnenwarmer Samstag, als er kam. Das Wetter lud zum Verweilen im Freien ein. Eva hatte im Garten eine Kaffeetafel gedeckt.
Der Nachbar sah sich prüfend um.
„Von dieser Seite aus habe ich die Mauer noch nie gesehen. Sie ist hässlich und muss weg. Wann fangen wir an Herr Roth?“
„Wann immer Sie wollen, ich kann mir frei nehmen.“
„Das wäre mir unangenehm. Was halten Sie vom nächsten Wochenende?“
„Auch gut, das kommt mir gelegen. Meine Frau macht uns etwas anständiges zu essen und los geht’s.“
„Muss ich etwas Besonderes dafür kaufen?“
Jan grinste.
„Elegante Kleidung ist dann fehl am Platz. Sie müssten sich etwas einfacheres anziehen. Was wir sonst noch benötigen, bringe ich mit.“

Zum Glück hielt das Wetter.
Beim Abriss der Mauer kniete sich Jan richtig in die Arbeit rein. Herr Maienberg war zwar ungeübt, doch mit kräftigen Schlägen ließ er den schweren Vorschlaghammer gegen die Steine prallen, bis sie nachgaben. Mit jedem Anheben des Hammers schwand auch ein Teil seiner Vorurteile gegenüber Menschen, die jeden Tag schuften mussten. Bisher hatte keine Ahnung von deren Welt gehabt und wollte auch nicht wissen, wie sie leben.
Sein ganzer Körper schmerzte und plötzlich fing er an diese Leute zu respektieren. Verbissen arbeitete er weiter.
Nicht nur im Garten, auch in ihren Köpfen hatten beide Männer eine trennende Wand eingerissen.





Unterschätzt

Jedes der vier Karpfenbecken am Flussufer war so groß wie ein See. Mit großer Genugtuung überblickte Doris das Gelände der Fischweiher. Beinahe hätte sie ihr väterliches Erbe verloren, und wäre ruiniert gewesen. Mit Charme und Durchsetzungsvermögen gelang es ihr das Blatt wenden und trotz aller negativen Umstände, den Zuchtbetrieb in ein lohnendes Unternehmen zu verwandeln.

In Gedanken versunken erinnerte sich Doris daran, wie sie mit ihrem Mann vor zwölf Jahren bei ihrer Hausbank einen Kredit beantragt hatten, um sich selbstständig zu machen.
Er, studierter Betriebswirt und sie, eine junge Frau, die jahrelang als Sekretärin in einem großen Unternehmen tätig gewesen war.
Ihr gehörten mehrere Wiesen, durch deren Mitte ein kleiner Bach floss. Nach stark anhaltenden Regenfällen schwoll der Pegelstand dieses Rinnsals derart an, dass große Gebiete unter Wasser standen. Kein Bauer wollte das Land pachten. Grund und Boden wurden als wertlos erachtet.
Bis Joachim auf die Idee kam, das natürliche Überschwemmungsgebiet zu nutzen um Fischweiher anzulegen.
Mit frischem Wasser wurden die Teiche reichlich versorgt und das jährliche Hochwasser verlor seinen Schrecken.
Wie Joachim es gelernt hatte, legte er seiner Hausbank ein klares Konzept vor, mit Kosten – Nutzen – Rechnung und detaillierter Aufführung, welche Investitionen er zu welchem Zeitpunkt tätigen würde. Joachim sprach die gleiche Sprache, wie der Abteilungsleiter seiner Bank und so erhielt er ohne größere Schwierigkeiten den notwendigen Kredit zur Existenzgründung. Doris musste den Vertrag unterschreiben, weil ihr das Land gehörte und derer Besitz, als notwendige Sicherheit verlangt wurde.
"Das ist nur eine reine Formalität", redete Joachim ihr zu. "Du tust es doch für uns beide".
In der Handelskammer wurde auch nur ihr Name, als haftende Gesellschafterin eingetragen. Auch dies sei nur eine Formalität, versicherte ihr Mann. Das Geld, um eine GmbH zu gründen, investiere er lieber in den Ausbau der Teiche.
Warum Joachim unbedingt Karpfen züchten wollte, war und lieb ihr ein Rätsel.
"Lass mich nur machen. Ich weiß schon, was ich tue, versicherte er ihr mit optimistischem Lächeln."
Ihr Mann mochte es nicht besonders, wenn Doris ihm geschäftsrelevante Fragen stellte, weil er sich dann von seiner Frau kontrolliert vorkam.
Er machte auch die ganze Buchführung alleine und besprach mit Doris nur selten, wie es finanziell um ihren Betrieb stand.
Als Joachim von Tag zu Tag nervöser wurde und bei jeder Kleinigkeit aufbrauste, bekam sie es mit der Angst zu tun.
"Eines Abends fragte Doris besorgt: "Mit dir stimmt etwas nicht, hast du ein ernsthaftes Problem?"
"Lass mich in Ruhe. Durchs Schwätzen wird die Situation auch nicht besser." Sprachlos ließ Joachim seine Frau im Wohnzimmer alleine und legte sich ins Bett.
Wütend über sein Verhalten, ging Doris ins Büro, dass sich im gleichen Haus befand. Dort entdeckte sie einen Stapel unbezahlter Rechnungen und eine dringende Aufforderung, sich bei der Bank zu melden.
Doris war schockiert. Dass es so schlecht um den Betrieb stand, konnte sie kaum glauben. Wie ein Roboter, ohne jede Gefühlsregung, durchstöberte sie die Geschäftsbücher. Bald löste sich die Erstarrung auf und Tränen flossen über ihre Wagen.
Joachim hatte fein säuberlich jede Transaktion aufgelistet. Bis aufs kleinste Detail, konnte man zurückverfolgen, wohin jeder Cent hingeflossen war. Es bereitete ihr keine Schwierigkeiten, sich einen Überblick zu verschaffen. Dabei fiel ihr auf, dass Joachim in seiner Investitionswut, den Verkauf der Fische vernachlässigt hatte. So etwas dürfte ihm als Betriebswirt eigentlich nicht passieren, deshalb nahm Doris an, dass ihr Mann sich schämte, ihr die Wahrheit zu offenbaren. Karpfen wurden nur selten verlangt und wenn doch, dann gerade Mal zur Weihnachtszeit. Der Markt für diese Fische musste erst erschlossen werden. Wenn sie es schaffen würden, Karpfen als Besonderheit hinzustellen und mit leckeren Rezepten die Kunden neugierig machen könnte, dann würden sie auch aus den roten Zahlen herauskommen.
Die Lösung war so einfach, wenn Joachim nur vorher mit ihr geredet hätte, dann wäre ihnen vieles erspart geblieben.
Freudig ging Doris ins Schlafzimmer, um ihm mitzuteilen, welche Ideen ihr gerade gekommen waren, doch das Bett war leer.
Eine dunkle Vorahnung beschlich sie und als sie den Schrank öffnete, wurde diese bestätigt.
Joachim hatte sich heimlich aus dem Staub gemacht, ohne sich zu verabschieden. Kein Tschüss, noch nicht einmal ein kleiner Zettel, wo eine Entschuldigung oder Erklärung drauf stand, war sie ihm wert gewesen. Nichts dergleichen fand sie, nur die gähnende Leere seines Kleiderschrankes starrte die junge Frau an.
Das Leben musste weitergehen und Doris war nicht bereit, ihr Erbe kampflos aufzugeben. Sicher standen bei der Bank schon Investoren bereit, die sich das Gelände für einen Apfel und ein Ei unter den Nagel reißen wollten. Denen kamen die momentan finanziellen Schwierigkeiten gerade recht. Auf wertlosem Grund und Boden, hatte sich das Ehepaar einen modernen Fischzuchtsbetrieb aufgebaut, an dem einige Spekulanten sehr interessiert waren.
Doris war stolz auf das, was sie mit ihrem Mann durch Ausdauer und viel Arbeit vollbracht hatten. So kurz vor dem Ziel, durfte sie einfach nicht aufgeben.
Voller Tatendrang verabredete sie sich mit dem Filialleiter für den nächsten Vormittag.
Mit einem flauen Gefühl im Magen ging sie am darauf folgenden Tag in die Bankfiliale hinein. In ihrer Tasche hatte sie alle Unterlagen mitgebracht, die ihr nützlich erschienen.
Sie wurde bereits erwartet und in den hinteren Sitzungssaal geführt.
Drei Männer, deren ernste Miene nichts gutes verhieß, begrüßten sie höflich, aber distanziert.
"Frau Reinhardt, wenn sie heute nicht mindestens zehntausend Euro auf ihr Konto einzahlen können, dann sehen wir uns gezwungen, ihnen den Kredit zu kündigen. Was das bedeutet, müssen wir ihnen ja nicht erst sagen. Ihr Unternehmen ist pleite. Ein Konkursverfahren kann nicht vermieden werden."
"Sie wissen ganz genau, dass ich das Geld nicht habe, also was soll ihre Aufforderung?", antwortete Doris. "Geben sie mir noch drei Monate Zeit, dann werde ich meinen Verpflichtungen nachkommen können."
Ein belustigtes Räuspern war die Antwort
"Frau Reinhardt, wir haben schon viel zu lange gewartet. Ihr Betrieb muss endlich Gewinn abwerfen. Jeden Tag laufen ihnen die Zinsen davon. Wissen sie eigentlich, in welcher Lage sie sich befinden?", fragte der Bänker, den Doris als Einzigen der Herren kannte.
"Oh doch, das weiß ich ganz genau. Aber wie sieht das bei ihnen aus?"
Nach dieser Frage legte Doris mehrere Kopien auf den Tisch und ließ sie reihum gehen.
"Meine Herren. Wie sie aus der Korrespondenz zwischen meinem Mann und ihnen, Herr Kellermann sehen, wurde von ihrer Seite aus alles erdenkliche getan, um meinen Mann in Sicherheit zu wiegen und ihn zu Investitionen zu verleiten, ohne dass sie notwendig gewesen wären und ohne, dass die Vermarktung der Fische gesichert war. Jetzt steht der Betrieb da, ist mit allen Schikanen ausgestattet und die Karpfen haben genau die richtige Größe, doch niemand will sie haben. Sicher werden sie mir raten den Betrieb zu verkaufen, bevor ich Konkurs beantragen muss. Wie ich sie einschätze, haben sie schon längst einen interessierten Investor gefunden."
Die Gesichter der Bänker wurden bleich, sie fühlten sich ertappt.
"Geldgeschäfte sind keine Wohltätigkeitsveranstaltungen", sagte der Abteilungsleiter. "Ihr Mann musste wissen, worauf er sich einlässt. Wozu hat er Betriebswirtschaft studiert?"
"Und Banken sind nicht dazu da, ihre Kunden übers Ohr zu hauen. Es gibt Statuten, an denn auch sie gebunden sind", sagte Doris. "Gewähren sie mir noch die geforderten drei Monate und zusätzlich zehntausend Euro, damit ich mich frei bewegen kann. Der Wert meines Anwesens ist schließlich erheblich gestiegen, sie gehen also kein Risiko ein. Wenn alles so läuft, wie ich es mir denke, dann kann ich ihnen bald alles auf Heller und Pfennig zurückzahlen."
"Sie sind wohl nicht ganz bei Trost. Wir sollen gutes Geld, schlechtem hinterherwerfen?"
"Es ist ihre Entscheidung. Wenn sie meinen Vorschlag nicht annehmen, dann gehe ich mit den Briefen erst zur Bankenaufsicht und danach an die Presse. Die werden sich darauf freuen, wenn sie anhand dieses Schriftverkehrs beweisen können, wie ihr Institut seine Kunden reinlegt. Ich entfache einen Skandal, der sich gewaschen hat und in ihrer Hauptzentrale bestimmt nicht gerne gelesen wird. Glauben sie mir, nicht ich werde als Verlierer dastehen."
Erhobenen Hauptes ging Doris aus dem Gebäude. Sie wusste, dass sie das Geld bekommen würde. Die Bänker hatten gar keine andere Wahl, wenn sie ihren Posten behalten wollten.
Ihren Einsatz belohnte sie sich mit einem Besuch im Chinarestaurant. Auch dort wurden viele Fischgerichte angeboten, doch keine Karpfen. Etwas wunderte sie sich darüber, war doch der berühmte Koi nichts andres, als ein bunter Verwandter ihrer grauen Zuchtfische.
Doris machte dem Geschäftsführer ein Angebot, dass dieser hocherfreut annahm. In Windeseile sprach es sich herum, wo europäische Koi’s auf der Speisekarte standen. Das Restaurant wurde berühmt, weil es den Fisch Mal mit Sofasoße und Ingwer, aber auch mit Lebkuchen und Mandelsplitter gegart anbot, eine absolute Neuheit der Fischzubereitung, ungewöhnlich, exotisch und auch für den europäischen Gaumen sehr schmackhaft.
Die chinesischen Familienverbände sind weit verzweigt, deshalb dauerte es nicht lange, bis Doris sogar Bestellungen aus China erhielt.
Was keiner ihr zugetraut hatte, brachte sie fertig. Das Unternehmen boomte und sie konnte alle Zahlungsverpflichtungen einhalten.
Dies blieb auch Joachim nicht verborgen. Er hatte es sich einfacher vorgestellt, einen gut bezahlten Job zu bekommen. Betriebswirte gab es wie Sand am Meer. Da er keine wirtschaftlichen Erfolge nachweisen konnte, bevorzugten die Personalleiter lieber junge Studiums-Absolventen, die noch unverbraucht und enthusiastisch an die Arbeit gingen.
In einem langen Entschuldigungsschreiben wandte er sich an seine Frau und hoffte auf eine positive Antwort.
Als Doris den Brief las dachte sie nicht daran, Joachim zu verzeihen. Doch immer öfter träumte sie von ihm und wie leidenschaftlich er sie in die Arme genommen hatte. Jedes Mal, wenn sie danach aufwachte, wurde ihr Bewusst, wie sehr sie ihn vermisste und wie weh ihre Einsamkeit tat. Sein damaliges im Stich lassen, hatte sie ihm längst verziehen. Im Grunde genommen war es sogar gut gewesen, denn sonst wäre sie nie aus seinem Schatten getreten.
Sie verfasste einen langen Brief an ihren Mann, in dem stand, wie sehr sie ihn trotz allem noch liebe und wenn er versprach, den gleichen Fehler nicht noch einmal zu machen und ihr nichts mehr verheimlichen wollte, würde sie ihn ungeduldig erwarten
Zwei Tage danach erhielt Doris ein Telegramm.
Sie wusste bereits, was darin stand, noch bevor sie den Zettel auseinander rollte und seine Worte las: Ich komme nach Hause.


Stehauf-Mädchen


Helga war begeistertes Mitglied des Schülerchors und dies lag nicht zuletzt am Chorleiter, der immer wieder mit neuen Ideen die einstudierten Gesangesstücke der Öffentlichkeit präsentierte
Einmal ließ er zum Beispiel seine früheren Beziehungen spielen und erreichte, dass die Kinder gemeinsam mit professionellen Musikern auftreten konnten.
Diesen Musikern stand ein Honorar zu. Das Geld dafür ließ sich leicht mit dem Verkauf von Eintrittskarten erwerben.
Nach Abzug von Saalmiete, Heiz- und Stromkosten, nach dem Abzug der Reinigungskosten und den Aufwendungen für die Künstler, blieb immer noch etwas Geld übrig. Was sollte damit geschehen?
Der Chorleiter hielt Rücksprache mit dem Rektor der Schule. Beide einigten sich darauf mit den Kindern eine Tagsreise auf dem Vogelsberg zu unternehmen, wo die Ski-Saison gerade begonnen hatte. Busfahrt, Mittagessen im örtlichen Gasthaus und Leihgebühren für Sportgeräte waren inbegriffen, so hatten auch die Schüler etwas von ihrer Gesangesleistung. Den einen Tag schulfrei für jene, welche im Chor mitgesungen hatten, konnte der Rektor vertreten, dazu reichten seine Kompetenzen aus.
So kam es, dass Helga das erste mal in ihrem Leben auf Skiern stand. Sie hätte sich einen Schlitten ausleihen können, damit kannte sie sich aus, doch ihr juckte das Fell und sie wollte unbedingt etwas Neues ausprobieren.
Helga stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Eine Skiausrüstung, passende Kleidung, spezielle Schuhe oder gar Unterricht in dieser Sportart, war in dem schmalen Budget ihrer Eltern nicht drin.
Nun bot sich eine Gelegenheit diese Bretter auszuprobieren, so eine Chance ließ sich Helga nicht entgehen.
Die Stiefel, welche sie trug waren zwar nicht dazu geeignet in den Bindungen ausreichenden Halt zu finden, doch solche Kleinigkeiten ignorierte Helga.
Kaum war sie aus der Hütte, wo sie die Ski geliehen hatte, herausgetreten, ging es los.
Ein kleiner Abhang genügte schon um ins Rutschen zu kommen. Kerzengerade und steif wie ein Brett, versuchte sie mit Hilfe der Stöcke das Gleichgewicht zu halten, doch es gelang ihr nicht.
Wie ein Kleinkind zog Helga die Notbremse, ließ sich fallen und landete auf dem Hosenboden. Glücklicher Weise fiel sie weich, sie hatte sich nicht weh getan.
Doch nun musste sie ein anderes Problem lösen. Wie um alles in der Welt steht man auf, wenn Ski an den Füßen festgeschnallt sind?
Schon beim Versuch in die Höhe zu kommen, rutschten ihre Beine auseinander. Breitbeinig lag sie da und erinnerte an einen Frosch, der weder wusste wie er in diese missliche Lage kam, noch sich daraus befreien konnte. Sich umdrehen um mit den Knien besseren Halt zu haben konnte sie mit den Dingern an den Füßen vergessen. Sie sah nur einen Ausweg, die Skier mussten ausgezogen werden. Nur konnte sie wieder in die Senkrechte kommen. Helga löste die Bindung an ihrem rechten Fuß, doch so bald sie sich dem linken zuwendete, machte sich der losgelöste Ski selbstständig und rutschte zuerst im Zeitlupentempo, dann immer schneller werdend den Abhang hinunter.
Helga befreite sich vom linken Ski, sammelte die weggeworfenen Stöcke ein und folgte dem eigenständig gewordenen Brett.
"Na warte du Feigling, mit dir werde ich auch noch fertig, flüchten hilft dir gar nichts", murmelte sie vergnügt vor sich hin, denn trotz ihres Missgeschicks amüsierte sie sich prächtig.
Sobald ihre Ausrüstung eingesammelt war, stieg sie den Abhang hinauf und versuchte erneut ihr Glück.
Dieses mal dachte sie zuerst nach, bevor sie sich die Skier anschnallte. Im Fernsehen hatte sie schon oft gesehen, dass Skifahrer ihre Knie beugten, um elegant in die Kurve zu gehen und sich zum Abhang hin quer stellten, wenn sie anhielten. Gerade stehen bringt also nichts, sie musste die Sache lockerer angehen.
Helga versuchte während der nächsten Fahrt ihre Knie zu beugen, doch sie erreichte nur, dass ihre Beine auseinander drifteten, bis es weh tat. Mit beiden Armen rudernd, die Stöcke weit von sich werfend, tat sie ihr Möglichstes um stehen zu bleiben. Doch auch dieses mal blieb ihr die Hosenbodenbremse nicht erspart.
Die Zeit verging wie im Fluge und Helga musste sich beeilen, um nicht zu spät zum Mittagessen zu kommen.
Satt, ausgeruht und aufgewärmt stellte sie sich so oft auf die widerspenstigen Bretter, bis es ihr gelang, wenigstens ein paar Meter den Abhang hinunter zu gleiten ohne hinzufallen. Dieses Erfolgserlebnis konnte ihr niemand mehr nehmen.
Der Tag ging viel zu schnell vorbei. Sobald es dunkel wurde trat die Gruppe ihre Heimreise an. Unter ihnen befand sich eine, mit sich und der Welt zufriedene Helga, die großen Gefallen am Skisport gefunden hatte.



Nachholbedarf


Ich erwachte mit dem Gefühl, dass dies ein guter Tag werden wird.
Ein Blick aus dem Fenster bestätigte meinen Eindruck. Der Himmel sah in seinen sanften Pastelltönen wunderschön aus. Am Horizont leuchtete kräftiges Rosa, das ganz langsam in Blau überging. Ich erfreute mich am Anblick der Farben. Hellwach geworden trieb es mich aus dem Bett und ich freute mich auf ein gutes Frühstück.
Meine morgendliche Toilette erledigte ich mit routinierter Eile. Danach machte ich mich auf den Weg zum Bäcker. Beim Öffnen der Haustür strömte mir angenehm erfrischende Luft entgegen. Von den Bäumen abgestoßene Blätter, die gelb, rot, braun und manchmal auch noch leicht grüngefärbt waren, schwebten noch eine Weile in der Luft, bis sie niedersanken. Aufmerksam beobachtete ich das Naturschauspiel. Es erinnerten daran, wie gerne ich früher Drachen steigen ließ
"Einen wunderschönen guten Morgen Frau Lange", begrüßte ich die Verkäuferin hinter der Ladentheke. Der Duft frischer Backwaren stieg in meine Nase und machte noch mehr Appetit auf Kaffee mit Stückchen.
"Guten Morgen Frau Roth", entgegnet sie mir mit einem Lächeln. Da ich regelmäßig in das Geschäft ging, wurde es zur Gewohnheit noch ein kleines Schwätzchen zu halten, selbst wenn noch ein anderer Kunde anwesend war.
"Wissen sie welcher Tag heute ist?", fragte ich aufs Geratewohl.
"Na klar, wir haben Samstag. Heute kommen mehr Leute, als an anderen Wochentagen. Sie kaufen wenigstens für zwei Tage ein und um vier Uhr habe ich Feierabend."
An der Tür klingelte leise die dort angebrachte Glocke. Sie verriet, dass ein weiterer Kunde hereingekommen war.
Dessen ungeachtet setzten wir unsere Unterhaltung fort.
"Das meine ich nicht. Heute ist ein besonderer Tag. In der Nacht vom neunten November 1989 auf den zehnten, so gegen 22,30 Uhr, fiel in Berlin die Mauer. Heute haben wir wieder einen zehnten November. Meiner Meinung nach sollte das der eigentliche Nationalfeiertag sein."
"Das ist jetzt schon so lange her, an das genaue Datum erinnere ich mich gar nicht mehr."
"Hätte ich auch vergessen, wenn nicht vor Kurzem im ZDF ein Bericht gesendet worden wäre, der in mir wieder aufleben ließ, was sich damals an der Mauer abgespielt hatte."
"Ich erinnere mich auch noch gut daran. Tränen stiegen in mir auf, als ich im Fernsehen sah, wie immer mehr Trabbis über die Grenze fuhren und die Menschen stürmisch im Westen empfangen wurden."
"Ja, das war einer jener Momente an denen man körperlich fühlen konnte, dass er in die Geschichtsbücher eingehen wird. Zu gerne wäre ich in Berlin gewesen und hätte einige Mitbürger aus dem Osten in die Arme genommen.
Wo waren Sie eigentlich, als es los ging?", fragte ich unbefangen den fremden Mann, der neben mir stand.
"Zu Hause," antwortete er und ließ sein Blick gedankenvoll in die Ferne schweifen. "Beinahe hätte ich den ganzen Rummel verschlafen. Ich kam gerade von der Schicht und bin todmüde ins Bett gefallen, als meine Frau mich aufrüttelte. Kein Wort wollte ich glauben von dem, was sie stammelte."
Sein Dialekt ließ erkennen, dieser Herr kam aus Berlin.
"Halten Sie mich bitte nicht für unverschämt, aber, kommen sie vielleicht aus dem Ostteil der Stadt?"
Lächelnd bestätigte er mir diese Frage.
"Ich bin sogar einer, der gar nicht weit weg von dem antifaschistischen Schutzwall wohnte."
Einer inneren Eingebung folgend umarmte ich den Mann herzlich und drückte ihn ganz feste. Er war genauso überrascht wie die Verkäuferin, doch machte er keinen Versuch sich zu wehren.
Als ich ihn wieder los ließ, entschuldigte ich mich für mein emotional übertriebenes Verhalten und versicherte ihm, dass ich lange schon den Wunsch hegte das nachzuholen, was mir damals entgangen war.
Nachdem ich noch ein paar nette Worte mit dem fremden Herrn gewechselt hatte griff ich nach der Tüte auf der Theke, bezahlte und verließ die Bäckerei.
Gut gelaunt ging ich nach Hause.
Dort angekommen stellte ich zuerst die Kaffeemaschine an und deckte dann den Frühstückstisch. Bis ins Schlafzimmer strömte das verlockende Aroma.
"Guten Morgen. Das ist aber lieb von dir, mich auf diese Art zu wecken," gegrüßte mich mein Mann ein wenig verschlafen und gab mir einen Kuss auf die Wange.
Wir setzten uns gegenüber und währenddessen er genussvoll in sein Puddingstückchen biss, erzählte ich ihm, wie ich einen wildfremden Herrn umarmt hatte, nur weil er aus Ostberlin stammt.
"Du hast was getan?"
Verständnislos sah mich mein Mann an. "Das klingt ja ganz schön irre. So was kannst du doch nicht machen. Wie hat er denn reagiert? Ich meine, du kennst ihn doch gar nicht."
"Ach, er hat es genau so aufgefasst, wie ich es gemeint habe. Als eine verspätete Begrüßung in den Westen. Mehr war nicht und ich kann sagen, er hat sich sehr darüber gefreut. Vor allem, weil es so überraschend für ihn war."
"Dich kann man aber auch keinen Augenblick unbeobachtet lassen. Fällst so mir nichts, dir nichts, wildfremden Leuten um den Hals. Du bist und bleibst ein verrücktes Huhn, wenn deine Emotionen mit dir durchgehen."
"Darf ich darauf aufmerksam machen, dass du dich gerade deshalb in mich verliebt hast?"
Widerstrebend gab er es zu.
"Und was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Vormittag?", fragte er, um das Thema zu wechseln.
"Ich weiß, was wir heute unternehmen könnten," triumphierte ich. "Der Wind hat aufgefrischt. Für mein Leben gern würde ich mit dir einen Drachen steigen lassen. Die Wetterbedingungen sind dafür genau richtig. Als Kind habe ich es oft mit meinem Vater getan. Schau mal, es ist so herrlich draußen, da möchte ich nicht den ganzen Tag im Haus rumsitzen"
Da war er wieder, der Gesichtsausdruck meines Mannes, den ich so an ihm liebte. Es war eine Mischung aus Erstaunen, Zustimmung, Bewunderung und Liebe, die seine Augen ausstrahlten. Nur er hatte mich jemals so angesehen.
"Kindskopf! - Aber wenn es dir Spaß macht, worauf warten wir dann noch?"

Wie ich schon beim Aufwachen geahnt hatte, es wird ein guter Tag werden.



Der alte Mann und das Mädchen


"Mahlzeit," grüßte ein Kollege im Vorrübergehen, als er auf dem Weg zur Werkskantine war.
"Mahlzeit" erwiderte Sabine automatisch und blickte noch nicht einmal auf, um zu sehen, wer sie so grüßte.
Jeden Tag kurz vor Zwölf, hörte man überall im Betrieb ein allgemeines Mahlzeit-Gemurmel
Ob die Leute nun zum Mittagsessen gingen, oder ob dieses schon beendet war, immer sagten sie "Mahlzeit", wenn ein Arbeitskollege ihren Weg kreuzte.
Mahlzeit bedeutete, "guten Appetit","bis nachher", unter Umständen aber auch "endlich Feierabend". Es kam immer darauf an, wer gerade "Mahlzeit" sagte.
Jeder verstand was gemeint war ohne viele Worte verlieren zu müssen.
Sabine erhob sich von ihrem Platz. Auch für sie wurde es Zeit eine Ruhepause einzulegen.
An diesem Tag hatte sie keine Lust ihr Essen in der Werkskantine einzunehmen.
Das Wetter war viel zu schön, um die freie Zeit in geschlossenen Räumen zu verbringen. Es zog sie hinaus in die freie Natur, heraus aus dem alten Backsteingemäuer, das einen eintönigen Arbeitsablauf beherbergte.
Die junge Frau betätigte eine Stechuhr und verließ die Fabrik.
Tief atmete sie die warme Frühherbstluft ein, deren leichter Blütenduft sich gegen den Fabrikdunst durchsetzte.
Unweit der Werkshalle plätscherte ein kleiner Bach, umsäumt von alten Bäumen und dichtem Gestrüpp. Dort wollte Sabine hingehen.
Sie legte sich ins hohe Gras, beobachtete das Wechselspiel der Wolken und hörte dem munteren Gezwitscher der Vögel zu.
Sabine genoss ihren kleinen Ausflug Sie konnte fühlen, dass neben der ihren, noch eine andere Welt existierte. Eine Welt, die keinen Wert auf stumpfsinnige Pflichterfüllung im Rhythmus lärmender Maschinen legte.
Die Mittagspause endete viel zu früh. Mit leichtem Bedauern ging Sabine zurück in die Werkshalle und verschmolz mitsamt ihrer Umgebung zu einem Produktionsablauf, der keine menschlichen Sehnsüchte zuließ.
Nach Feierabend war Sabine sehr müde. Ihre Haut schimmerte bleich, und ihre Bewegungen glichen der Mechanik eines Roboters.
Diese Arbeit bringt mich noch um, dachte Sabine und schaute mit einem leichten Seufzer zu den Bäumen, unter deren Äste sie zur Mittagzeit gelegen hatte.
Ein alter Mann, der einen Weidenkorb im Arm hielt, stand an der gleichen Stelle wo sie zuvor die Wolken beobachtete. Er schaute suchend hin und her, bückte er sich gelegentlich und lege etwas in seinen Korb.
Neugierig ging Sabine auf ihn zu. Sie wird doch nichts verloren haben? Was mochte dieser wunderliche Mensch dort aufheben?
Obwohl es so aussah, als würde der alte Herr sich voll und ganz auf seine Suche konzentrieren, bemerkte er dennoch das Herannahen einer fremden Person. Kaum war Sabine in seiner Nähe, richtete er sich auf und begrüßte das Mädchen mit einem freundlichen Lächeln.
Der liebenswürdige Gesichtsausdruck des alten Mannes verscheuchte Sabines anfängliche Scheu in Sekundenschnelle. Sehr bald entwickelte sich ein intensives Gespräch zwischen den beiden grundverschiedenen Menschen.
Der fremde Herr erklärte, dass er schon viele Jahre lang in dieser Gegend Pilze sammele. Gerade unter diesen Bäumen würden die schönsten Wiesenchampignons wachsen
Sabine hörte dem alten Mann interessiert zu. So blieb es nicht aus, dass sie in Kürze einige Grundbegriffe über das Sammeln von Pilzen erlernte. Unter Anleitung ihres neuen Bekannten durfte sie sogar beim Aufspüren der versteckten Champignons helfen.
Sich auf diese Weise zu beschäftigen, bereitete ihr erstaunlich viel Freude. Jedes mal, wenn sie etwas weißes im hohen Gras leuchten sah, rief sie nach dem alten Mann, damit er ihren Fund begutachten konnte.
Sabine fühlte sich großartig. Ihr war, als würde sie an einem Gewinnspiel teilnehmen und öfters einen Treffer landen. Ihr Eifer war so offensichtlich, dass der ältere Herr das Mädchen gerne gewähren ließ, auch wenn sein mitgebrachter Korb viel zu klein war, um alle gefundenen Pilze aufzunehmen.
Als beide sich schließlich trennten, gab der alte Mann Sabine einen großen Anteil der gesammelten Champignons mit. Er werde sowieso nicht so viel essen können und das Aufbewahren von Pilzen sei nicht ratsam, meinte er gelassen.
Sabine wollte sein Angebot zuerst nicht annehmen, doch ihr neuer Bekannter duldete keine Widerrede. Sie solle keine falsche Bescheidenheit vortäuschen. Schließlich hätte sie fleißig mitgesucht, deshalb gäbe er ihr nur den Anteil mit, der ihr rechtmäßig zustünde.
Mit einem Glas Rotwein und frischem Weißbrot genoss Sabine die zubereiteten Pilze. Noch nie schmeckten ihr Champignons so gut wie diese. Sie nahm sich vor öfter mit dem alten Mann zusammen zu treffen. Bestimmt konnte sie noch mehr von ihm lernen.
Am nächsten Morgen ging Sabine wie gewohnt zur Arbeit.
Sie sah die gleichen Gesichter, antwortete mit den gleichen, nichtssagenden Höflichkeitsfloskeln wie immer und reihte sich in den selben Ablauf ein, wie am Tag zuvor. In Gedanken verweilte sie jedoch an den gestrigen Abend.
Zu dumm, dass sie sich nicht die Adresse des alten Mannes aufgeschrieben hatte. Zu gerne hätte sie ihn wiedergesehen.
Sabine kannte nur seinen Namen, doch da der alte Mann die Strecke zu den Bäumen zu Fuß zurückgelegt hatte, würde sie ihn gewiss bald ausfindig machen.
An diesem Tag ging Sabine zum Mittagessen in die Kantine. Als Hauptgericht gab es Jägerschnitzel. Eine Mahlzeit, die sie bisher immer gerne gegessen hatte. Doch als sie dieses mal die Champignons kostete, schmeckten die Pilze fade. Ihnen fehlte der markante Eigengeschmack frischer Champignons
Schon wieder bin ich um eine Erfahrung reicher geworden. Gleich nach Feierabend werde ich mich auf die Suche nach Herrn Geldert machen, nahm sich Sabine vor. So ein Name kommt nicht allzu häufig vor, jemand wird schon wissen, wo er wohnt.
Der Rest des Tages verlief wie gewohnt. Sabine arbeitete, als ob sie ein Teil der Maschinen geworden wäre. Ihre Bewegungen waren ruhig, gleichmäßig und exakt. Kein Aufsehen, erst recht kein Lächeln unterbrach ihren Arbeitsablauf. Sogar ihre Gedanken schienen ausgeschaltet zu sein.
So ließ sich der monotone Produktionsablauf am leichtesten für Sabine aushalten.
Schneller als erwartet ging die Schicht zu Ende. Kaum hörte Sabine das Heulen der Werkssirene, erhellten sich ihre Gesichtszüge.
Ihre Mitarbeiterinnen bemerkten sofort die ungewöhnliche Eile ihrer Kollegin. Sie kicherten und hörten nicht auf, sich über sie lustig zu machen. Unter anderem fragten sie, wann Sabine ihren neuen Liebhaber offiziell vorstellen würde.
"Ihr würdet sehr enttäuscht sein und mit ihm nichts anfangen können" erhielten diese zur Antwort.
Schneller als gewöhnlich zog Sabine sich um. Sie eilte zum Werkstor.
Das Mädchen hatte es so eilig, dass sie beinahe den älteren Herrn übersah, der am Fabrikeingang auf sie wartete. Erst als dieser Sabines Namen rief, blieb sie stehen.
Altmodisch gekleidet und verlegen einen Strohhut in seinen Händen drehend, wartete Herr Geldert auf eine junge Dame, die altersmäßig seine Enkelin sein konnte.
Nach dem Tode seiner Frau lebte er ruhig und sehr zurückgezogen in seinem kleinen, gepflegten Häuschen. Manchmal sprach er tagelang mit keiner Menschenseele ein Wort. Er vermisste die Unterhaltung mit anderen Leuten nicht, - glaubte er jedenfalls.
Seit dem gestrigen Nachmittag änderte sich seine Lebenseinstellung von Grund auf. Ein junges Mädchen, dass ihn unerwartet ansprach und ihn mit seinen unbefangenen Fragen in ein mehrstündiges Gespräch verwickelt hatte, riss Herrn Geldert aus seiner selbstgewählten Einsamkeit heraus. Auf einmal fehlten ihm die verbalen Auseinandersetzungen mit anderen Menschen. Er wurde neugierig auf das, was in seiner unmittelbaren Nachbarschaft geschah. Plötzlich zeigte er wieder Interesse an den baulichen Veränderungen des Ortes in dem er wohnte und hatte Lust, am öffentlichen Leben teilzunehmen.
Das erscheinen dieser jungen Frau kam ihm wie ein Geschenk des Himmels vor. Zu gerne hätte er sie wieder gesehen, doch er kannte nur ihren Namen und die Firma in welcher sie arbeitete.
Herr Geldert wollte Sabine danken für ihre erfrischende Neugier, die ihn aus seiner Interessenlosigkeit herausgeholfen hatte. Da er nicht wusste wie er sie sonst finden sollte, wartete er einfach vor dem Ausgang ihrer Arbeitsstätte.
Sein Herz klopfte ähnlich dem eines jungen Liebhabers. Alle möglichen Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Wie würde das junge Mädchen reagieren, wenn sie ihn vor dem Eingangstor der Fabrik stehen sah? Am meisten befürchtete er sich davor, von ihr abgewiesen zu werden und erneut in ein tiefes Loch der Einsamkeit zu fallen.
Als Herr Geldert Sabines freudiges Lächeln bemerkte, fiel ihm ein Stein vom Herzen. Erleichtert fragte er sie, ob sie gelegentlich etwas Zeit aufbringen könne. Er würde ihr so gerne weitere Geschenke der Natur zeigen.
Sabine freute sich über sein Angebot. Genau dies hatte sie sich von der neuen Bekanntschaft erhofft und das sagte sie ihm auch. Beide freuten sich über ihre Übereinstimmung und gingen gutgelaunt ins nächstgelegene Cafe. Dort berieten sie, was sie als nächstes unternehmen wollten.
Seit dieser Zeit an traf sich Sabine regelmäßig mit Herrn Geldert.
Beide nutzten die Gelegenheit, um eine Menge voneinander zu erfahren und zu lernen. Sabine lernte althergebrachte Lebensweisen kennen und Herr Geldert lernte mit Hilfe von Sabine sich mit Computer, Handys und all dem neumodischen Zeug zurecht zu finden.
Obwohl sie sich nicht vorstellen konnten den Lebensstil ihres Gegenübers anzunehmen, genossen sie dennoch die gelegentlichen Auseinandersetzungen mit der anderen Welt einer grundverschiedenen Generation.
Der alte Mann und das Mädchen.
Dies hätte die Überschrift eines spannenden Filmes sein können. In diesem Fall beschrieb es den Beginn einer bemerkenswerten Freundschaft.



Kaffeeflirt


Die Luft hatte ihren eisigen Hauch verloren. Langsam, aber stetig stiegen die Außentemperaturen an. Stürmische Winde rissen Wolkenformationen auseinander und fügten sie kurz darauf hin wieder zusammen. Kaum erreichten einige Sonnenstrahlen die Erde, verdunkelte sich der Himmel und ließ seine Regenlast erneut niederfallen
Bei diesem Wetter flüchteten die meisten Menschen in ihre Häuser.
Auch Martina war froh, dass sie ihr Appartement mit einigermaßen trockenen Kleidern erreichen konnte. Was nutzte ihr der schönste Regenschirm, wenn er umklappte und sie ihn nicht halten konnte?
Erleichtert setzte sie sich in ihr kleines Esszimmer, um sich mit einer Tasse Kaffee aufzuwärmen.
Interessiert beobachtete sie zwei Gärtner, die sich trotz des aufgeweichten Bodens darum bemühten, den Rasen der Wohnanlage von restlichem Laub und vertrockneten Ästen zu befreien. Vorsichtig achteten sie darauf, keines der aufblühenden Schneeglöckchen oder der gelben und violetten Krokusse zu verletzen, die in unregelmäßigen Abständen inmitten der Grünfläche gepflanzt worden waren. Ihre Mühe wurde mit einem wunderschönen Gesamtbild belohnt.
Beim Anblick des gereinigten Areals fühlte sich Martina sehr wohl. Jetzt hatte der Winter endgültig seine Macht verloren, auch wenn an diesem Tag noch trübes Licht vorherrschte. Die leuchtend bunten Farben der ersten Blumen erfüllte sie mit Vorfreude auf kommende Zeiten.
Dankbar folgte sie einer plötzlichen Eingebung.
Sie ging in die Küche, kochte brühend heißen Kaffee auf, stellte diesen mitsamt Tassen und allem, was dazu gehört auf ein Tablett. Damit ging sie hinaus zu den Gärtnern.
Zur Zeit schien gerade die Sonne, doch am Horizont türmten sich schon mächtige Wolkenberge auf. Martina musste sich also beeilen.
Zielstrebig steuerte sie auf den Jüngeren der beiden Arbeiter zu.
"Ein kleines Dankeschön, weil Sie hier alles so schön machen", sagte sie und hielt ihm das Tablett hin.
Der Mann richtete sich auf und wusste nicht wie er reagieren sollte. Verwundert lächelnd musterte er die junge Dame. Sie sah reizend aus und benahm sich Fremden gegenüber völlig unkompliziert. Vor Verlegenheit rot geworden, wollte er ablehnen, da eilte sein Kollege herbei und griff erfreut nach dem heißen Getränk.
"Das ist aber sehr liebenswürdig von ihnen. So etwas kommt selten vor."
Um die ungewöhnliche Pause zu vollenden, hatte Martina für jeden der Männer noch einen Schokoladenriegel auf das Tablett gelegt, den sie gerne annahmen.
Während der ältere Gärtner noch genüsslich aß, nahm das Antlitz des jüngeren Arbeiters seine normale Farbe an.
Trotz der unförmigen Regenkleidung konnte man erkennen, dass er sehr gut aussah. Seine schwarzen Haare trug er etwas länger, als es der Mode entsprach. Die dunkelbraunen Augen, ergänzten sich vorteilhaft mit seinen feinen Gesichtszügen.
Wie gebannt blickte Martina blickte tief in diese Augen hinein. Ein seltsames Gefühl der Faszination erfasste sie.
"Ich heiße Albert und das ist unser Roland," sprach der Ältere.
Sogleich war der Zauber verflogen.
Martina sah zum Himmel hinauf und erkannte, dass es gleich anfangen wird zu regnen. Nachdem sie noch kurz ein paar Nettigkeiten mit beiden Männern ausgetauscht hatte, eilte sie zurück in ihr Appartement. Kaum schloss sich die Eingangstür hinter ihr, begann es auch schon zu schütten, wie aus Eimern. Ein Blick aus dem Fenster zeigte, dass die Gärtner ebenfalls gegangen waren.
Mehrere Tage lang hielt Martina Ausschau nach den fleißigen Herren, doch sie konnte nur Albert entdecken. Jedes Mal begrüßte sie ihn von weitem mit hoch erhobenem Arm. Einmal aber, als ihre Ungeduld zu groß wurde, ging sie zu ihm und erkundigte sich nach Roland.
"Ach der", erhielt sie als Antwort. "Roland hat bei uns nur sein Praktikum gemacht. Jetzt studiert er wieder an der Uni, Gartenbau. Hast dich ganz schön verguckt in den Kerl gell, hab’s gleich gemerkt.
"Ach", seufzte Martina und schaute wehmütig zum Himmel hoch. "Wenn das Wetter nur ein bisschen länger gehalten hätte,..."
Gedankenverloren ließ sie den Satz unvollendet.
"Soll ich dir Rolands Adresse geben?", fragte Albert hilfsbereit.
"Nein danke," erwiderte Martina und schaute ihn traurig an. "Schöne Momente lassen sich weder verlängern, noch wiederholen. Versucht man es, dann verlieren sie ihre Magie."
Sie drehte sich um und ging nach Hause. Dabei hörte sie, wie Albert "kluges Mädchen," hinter ihr her rief.


Der Rosengarten

Die Laubenkolonie am südlichen Ende der Stadt war ein beliebter Ort zum gemütlichen Spazieren gehen. Gepflegte Wege und liebevoll gestaltete Grundstücksparzellen luden an sonnigen Tagen dazu ein, die Häuser zu verlassen und sich an den blühenden Gärten zu erfreuen. Die meisten Pächter der Gartengrundstücke fühlten sich geschmeichelt, wenn ein Spaziergänger bewundert vor ihrem Anwesen stand und sich über das eine oder andere Detail anerkennend äußerte. Auf diesem Wege waren schon manche Freundschaften zwischen Leuten entstanden, die sich sonst nie kennengelernt hätten.
Viele Hobbygärtner verbrachten fast jede freie Minute auf ihrem Grundstück. Sie fühlten sich sehr wohl innerhalb dieser kleinen Welt, die für sie zu einem zweiten, oft schöneren Zuhause geworden war.
Eines dieser Gartengrundstücke besaß die Familie Fessner. Ein älteres Ehepaar, dass seinen Lebensabend insbesondere der Rosenzucht widmete. Der ganze Garten erblühte in einer duftenden Pracht, auf die nicht nur sie, sondern die ganze Gemeinschaft der Kolonie sehr stolz waren.
Manche Spaziergänger freuten sich schon während ihres Weges darauf, die Blütenpracht dieses Gartens zu bewundern. Alfred Fessner liebte es mit den Leuten ins Gespräch zu kommen und gute Ratschläge über Anbau und Pflege von Rosen zu geben. Wenn die Blumenstöcke es zuließen, dann überreichte seine Frau den fremden Leuten zusätzlich noch ein kleines Bukett. Es bereitete ihnen einfach Freude, einen Teil von der Schönheit ihres Gartens weiterzugeben.
Die Familie Fessner war sehr beliebt und auch außerhalb dieser kleinen Gruppe hatten sich diese sympathischen Menschen den Ruf erworben, liebenswürdige und hilfsbereite Menschen zu sein.
Nach jahrelangen Bemühungen schaffte es Alfred, eine neue, noch nie dagewesene Rosensorte zu züchten. Voller Stolz präsentierte er seine Kreation den zuständigen Gremien und erhielt eine offizielle Anerkennung als Neuzüchter. Seine Rose wurde sogar in den internationalen Katalogen aufgenommen, doch da diese Sorte der augenblicklichen Mode nicht entsprach, wurde die Blume nur am Rande erwähnt und geriet bald wieder in Vergessenheit.
Alfred Fessner war deswegen nicht enttäuscht. Für ihn war der Weg das Ziel und dieses Ziel hatte er erreicht.
So kam es, dass seine Rosensorte nur in Alfreds Garten ihren Ehrenplatz fand. Es handelte sich um eine Heckenpflanze, deren überreiche Blütenfülle einen überwältigen Eindruck machen konnte, wenn man ihrem Wachstumstrieb mit Hilfe von Spalieren und herzhaften, regelmäßigen Schnitten Einhalt gebot. Die Blütenblätter dieser Rosenart waren sehr fest, beinahe wachsartig, was ihr den Vorteil einbrachte, dass sie auch nach längerem Regenschauer noch ansehnlich blieben. Die Farbe der Blüten leuchtete am Rand hellrosa, fast weißlich, doch zum Blütenkelch hin verlaufend wurde die Farbe immer kräftiger, bis sie in ein dunkles Rot mündete. Der Duft der Rosen erinnerte an Honig. Er war angenehm, aber nicht aufdringlich. Alfred Fessner fand, dass seine Züchtung eine ideale Pflanze für den heimischen Garten war. Pflegeleicht, wetterfest und unkompliziert konnte sie sich möglichst vielen Bedingungen anpassen. Doch die meisten Gärtner bevorzugten langstielige Blumen, die sie zu einem Strauß zusammenbinden und nach Hause mitnehmen konnten. Dass diese Rosen nach dem kleinsten Regenguss hässliche Flecken aufwiesen, nahmen sie als naturgegeben in Kauf.
Mit einem Achselzucken kommentierte Alfred die Vorliebe der Leute. Er war nicht der Mensch der glaubte, dass seine Auffassung von einer vernünftigen Rosensorte Allgemeingültigkeit besaß.
Des Menschen Wille ist sein Himmelreich, nach dieser Devise lebte er und war froh in seiner Frau eine gleichgesinnte Partnerin gefunden zu haben.
So lebte das Ehepaar mit sich und der Welt zufrieden bis zu jenem Tag, an dem Alfred nach einem plötzlichen Herzinfarkt verstarb.
Alle Mitglieder der Laubenkolonie waren zutiefst betroffen, denn Alfred war zu einer Institution geworden. Er gehörte dazu, wie ein Familienmitglied. Dass er von nun an nicht mehr unter ihnen weilen sollte, damit konnten sich viele nur schwer abfinden. Seine Frau Gertrud erfuhr von allen Seiten ehrliche Anteilnahme, denn auch sie war überaus beliebt bei ihren Mitmenschen.
Alle Bekannten versuchten die Witwe zu trösten und wo sie nur konnten zu unterstützen, doch Gertrud lehnte die meisten Angebote dankend ab. Sie wollte alleine sein mit ihrer Trauer. Für sie war nun ein anderer Lebensabschnitt angebrochen, einer ohne ihren Mann. Wie sie diesen bewältigen sollte, wusste sie noch nicht, aber irgendwie würde es schon gehen. Gertrud glaubte fest daran, dass ihr Mann sie vom Jenseits aus beschützen würde. Was immer auch auf sie zukommen würde, sie fühlte sich nicht alleine gelassen.
Die Beerdigung Alfreds war eine grandiose Veranstaltung. Viele Menschen begleiteten den Trauerzug. Sie alle brachten Rosen mit. Der ganze Friedhof ertrank förmlich in Rosen. Sogar die örtliche Presse berichtete über diese ungewöhnlich große Ansammlung von Trauergästen.
Bei dieser Gelegenheit widmete das Blatt eine ganze Lokalseite über das Lebenswerk des "Rosenkavaliers mitten unter uns". Der Artikel war reich bebildert und sehr ausführlich geschrieben.
Gertrud erlebte diese Zeit wie in Trance. Pflichtbewusst erledigte sie alle notwendigen Formalitäten, zahlte anfallende Rechnungen und nahm die Beileidsbekundigungen der Leute entgegen, doch ihr Herz blieb stumm.
Als ob eine Maschine ihren Platz eingenommen hätte, reagierte sie mechanisch auf jede Anforderung, die an sie gestellt wurde. Keine Träne, kein Seufzer durchbrach den bleiernen Käfig, in dem sie ihre Seele gefangen hielt. Abends, wenn sie erschöpft in ihr Bett sank, brachte sie es gerade noch fertig Gott zu bitten, dass dieser Alptraum bald ein Ende hatte.
Es dauerte einige Wochen, bis die Menschen in der unmittelbaren Umgebung Gertruds begannen, ihr ohne dieses lähmende Mitleid zu begegnen und einfach nur "Guten Tag" wünschten, wenn sie gesehen wurde.
Erst ab diesem Zeitpunkt erlaubte sich Gertrud, ihren Gefühlen nachzugeben. Nicht gegenüber den Nachbarn und auch nicht gegenüber ihren guten Freunden, nein, nur wenn sie vollkommen alleine war ließ sie sich in ein wohltuendes Meer aus Tränen fallen. Jedes mal danach, nachdem aus ihren Augen kein Tropfen mehr hervorquellen wollte, überkam sie die beruhigende Gewissheit, dass sie ihr Leben wieder in den Griff bekommen würde. Sie musste nur die Chancen, welche sich ihr boten erkennen und danach handeln.
Verwundert fragte sie sich welche Chancen dies wohl sein sollten. Sie war schon weit über fünfzig und hatte keine Lust mehr auf großartige Veränderungen. Automatisch dachte sie danach an den Rosengarten. Liebevoll wollte Gertrud diesen Garten weiterhin hegen und pflegen, wie sie es all die Jahre gemeinsam mit Alfred getan hatte. Auch ihre ganze Leidenschaft steckte in diesem Anwesen. Wenn sie es genau betrachtete, dann hatte sie sogar mehr zu dessen Prachtentfaltung beigetragen, als ihr Mann. Sie redete nur nicht so viel darüber.
Den darauffolgenden Tag ging Gertrud in den Garten. Der Herbstwind mit seinem eisigen Hauch ließ schon den nahenden Frost erahnen. Noch kämpften erwärmende Sonnenstrahlen gegen die niedrigen Temperaturen an, doch deren Kraft war zu schwach um die aufkommende Kälte dauerhaft zu vertreiben. Es war nun an der Zeit die Rosen auf den Winter vorzubereiten. Noch blühten einige Sträucher in leuchtenden Farben, doch schon sehr bald würde das einsetzende Regenwetter die letzten Blüten vollends zerstören. Beherzt fing Gertrud an, jeden einzelnen Rosenstock auf das notwendige Maß zurückzuschneiden, als sie eine erschrockene Stimme laut rufen hörte. "Um Gottes Willen, nein." Verwundert schaute Gertrud auf. Vor dem Zaun stand ein seriös aussehender Herr mittleren Alters, der aufgeregt mit seinen Armen fuchtelte.
"Nur weil ihr Mann gestorben ist, sollten sie den Garten nicht zerstören. Ich kann ja verstehen, dass sie jetzt traurig sind und jede Pflanze sie an ihren Mann erinnert, doch deshalb alles kaputtzumachen, ist der falsche Weg."
Neugierig kam Gertrud auf den Mann zu. "Und was ist der richtige Weg?" Fragte sie erstaunt
"Lassen sie uns das bei einer Tasse Kaffee in Ruhe besprechen," antwortete der Herr, nun etwas ruhiger. "Ich lade sie dazu ein."
Gertrud erklärte ihm, dass sie gerne bereit wäre, mit ihm einen Kaffee zu trinken, aber zuvor wolle sie ihre angefangene Arbeit beenden. Dann klärte sie ihn über sein Missverständnis auf. Erleichtert wischte sich der Herr mit einem Taschentuch die aufgekommenen Schweißperlen von der Stirn. Danach verabredete er sich mit Gertrud für den nächsten Nachmittag in einem der schönsten Cafés, welche die Stadt zu bieten hat.
Als der fremde Mann gegangen war, fuhr Gertrud fort die Rosenstöcke zu kürzen, doch nun ging die Arbeit viel leichter von der Hand. Belustigt bemerkte sie, dass sie sich auf den kommenden Nachmittag freute. Das erste mal, seit Alfreds Tod, hatte Gertrud richtig gute Laune. Sie schämte sich auch nicht deswegen, sondern genoss dieses leichte, beschwingte Gefühl der Leichtigkeit des Herzens.
Als sie am darauffolgenden Tag in jenem besagten Café saß, war ihre heitere Stimmung noch immer nicht gewichen. Und wenn schon, dachte Gertrud, auch wenn dieser Mensch nicht kommt, dann habe ich wenigstens einen guten Kaffee und eine herrlichen Käsesahnetorte in wunderschöner Umgebung zu mir genommen. Ich sollte mir dieses Vergnügen in Zukunft öfter gönnen. Das bisschen Geld, das dieser kleine Tapetenwechsel kostet, kann ich mir getrost leisten.
Gertrud musste nicht lange warten. Kaum hatte die Bedienung Gertruds Bestellung an den Tisch gebracht, stand auch schon der fremde Herr vor ihrem Tisch.
"Entschuldigen sie bitte meine Verspätung, aber ich konnte beim besten Willen keinen Parkplatz in der Nähe finden."
Mit einem freundlichen Lächeln nahm Gertrud die Entschuldigung des Unbekannten entgegen. Nachdem der Herr sich gesetzt hatte, stellte er sich erst einmal vor. Danach kam er gleich auf den Grund seiner Einladung zu sprechen. Er war verantwortlicher Leiter der örtlichen Volkshochschule. Schon des Öfteren wurde er darauf angesprochen, ob in seiner Schule auch Abendkurse über Gartenanbautechniken angeboten würden. Bisher hatte er es immer abgelehnt solch einen Kurs in sein Programm mit aufzunehmen. Dies hatte seiner Meinung nach nichts mit allgemeiner Bildung zu tun und war deshalb für eine Volkshochschule ungeeignet. Doch nach dem Erscheinen des großen Zeitungsartikels über das Lebenswerk Alfred Fessners mit seinen beeindruckenden Bildern, änderte er seine Meinung. Aus diesem Grund wollte er sie fragen, ob sie eventuell damit einverstanden wäre, Kurse über die Rosenzucht abzuhalten. Er rechnete fest damit, dass sie genauso viel Kenntnisse von der Materie habe wie ihr Mann, zumal in der Zeitung erwähnt wurde, dass sie mit ihrem Gatten ständig zusammengearbeitet hatte.
"Stellen sie sich einmal den Schreck vor, als ich zu ihrem Garten kam, ihnen ein Angebot machen wollte und glaubte, sie wollten nichts mehr von Rosen wissen."
Gertrud wusste im Augenblick nicht, was sie erwidern sollte. Das Angebot, welches dieser Herr Dr. Gottfried Waghaus ihr unterbreitete, übertraf alle Erwartungen, die sie an ihr zukünftiges Leben stellte. Hinzu kamen noch ihre Zweifel, ob sie den gestellten Anforderungen auch gewachsen wäre.
"Ich habe noch niemals in meinem Leben unterrichtet," gab sie zu bedenken. "Ehrlich gesagt, wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, dann war die Schule für mich immer ein Graus."
Dr. Waghaus beruhigte sie. "Mit einer richtigen Schule ist dieser Unterricht nicht zu vergleichen. Es werden auch keine Zeugnisse, oder Diplome ausgegeben. Außerdem sind alle "Schüler" erwachsene Leute. Menschen eben, die sich für ihre Kenntnisse vom Rosenanbau besonders interessieren. Meistens haben diese Leute einen eigenen Garten und möchten sich auf diesem Wege eingehend informieren. Wie dieser Kurs genau aussehen würde, wusste er auch noch nicht genau. Es gab dafür keine Lehrpläne.
"Sehen sie ihre Position als Leiterin einer Interessengemeinschaft von Rosenfreunden an, die gemeinsam einen Weg erarbeiten, den Anbau von Rosen der Allgemeinheit näher zu bringen," schlug Dr. Waghaus vor "Wenn sie dann auch noch sichtbare Ergebnisse vorweisen können und sei es nur mit der Verschönerung der Gärten ihrer Kursteilnehmer, dann sind alle Beteiligten zufrieden. Haben sie etwas Mut. Was soll schon passieren? Wenn der Kurs den gewünschten Anforderungen nicht entspricht, dann wird er halt wieder aus dem Programm gestrichen. Das ist auch schon alles. Na, wie wär’s? Kann ich mit ihnen rechnen?"
Die Überredungskunst von Dr. Waghaus zeigte ihre Wirkung. Gertrud wollte gerne das verlockende Angebot annehmen, doch eine innere Unsicherheit hielt sie zurück. Es war schließlich das erste Mal, dass ihre Kenntnisse gefragt wurden. Daran musste sie sich erst noch gewöhnen. Dr. Waghaus deutete ihr Zögern falsch. Enttäuscht wollte er sich schon von Gertrud zu verabschieden, als sie sich einen inneren Ruck gab und ohne weiter darüber nachzudenken, zusagte.
Jetzt, oder nie. Wenn sie diese Gelegenheit jetzt nicht wahrnahm, dann würde so eine Chance nie wieder kommen. Gertruds Gefühle schwankten zwischen Angst, Zuversicht, Freude und erwartungsvoller Neugier. Sie erinnerte sich an ihre früheren Vorahnungen. Plötzlich war sie sicher, dass sie die Kursteilnehmer zufrieden stellen konnte.
Das Leben von Gertrud Fessner veränderte sich grundlegend. Früher, als ihr Mann noch lebte, bestimmte er weitestgehend die Lebensweise der Fessners. Gertrud ließ ihn gerne gewähren, denn so stahl sie sich bequem und auch ein wenig feige aus jeder Verantwortung heraus. Nun aber gab es niemanden mehr, an den sich Gertrud anlehnen konnte. Erstaunt bemerkte sie, dass Verantwortung zu übernehmen gar nicht so schwer war, wie sie bisher angenommen hatte. Im Gegenteil. Es machte sie frei. Frei, sich nach Herzenslust zu bewegen. Kein Mensch hatte mehr etwas dagegen, wenn sie sich beim Frisör ihre Haare blond färben ließ. Niemand sagte ihr, sie wäre zu alt um modische Kleidung zu tragen. Gertrud genoss ihre neue Freiheit mit jeder Faser ihres Herzens. Jedermann sah auf den ersten Blick, wie wohl sich Gertrud fühlte. Aus der zurückhaltenden, unscheinbaren Hausfrau, war eine selbstbewusste, modisch elegante Dame geworden, die ausgesprochen gerne lachte. Der Kurs über die Rosenzucht, den sie in der Volkshochschule abhielt, erwies sich als voller Erfolg. Zuerst hatte Dr. Waghaus geplant, dieses Experiment nach einem Semester langsam einschlafen zu lassen, doch die Resonanz auf diesem Fachgebiet war so stark geworden, dass man sich dazu entschloss, diesen Kursus fest in das Programm mit aufzunehmen.
Trotz all der zusätzlichen Aufgaben, die auf Gertrud zukamen, fand sie immer noch genügend Zeit, um sich ausreichend um ihren Rosengarten zu kümmern. Dort, wenn sie sich nach verrichteter Arbeit erleichtert in den Liegestuhl legte und die Schönheit ihres Gartens genoss, dachte sie liebevoll an ihren Alfred und die glückliche Zeit, die sie miteinander verbrachten. Manchmal, wenn sie besonders intensiv an ihm dachte, hatte sie den Eindruck, als könnte sie ihn zwischen den Rosenstöcken stehen sehen wie er ihr stolz zulächelte