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Mama mia
Tödliche Bakterien
Sondertransport
Donars Geheimnis





Mama mia

 

Die Geburt des Stammhalters stellte das zuvor als vollkommen erscheinende Glück von Gerhard und Julia auf eine harte Probe.

Er fühlte sich um seine geliebte Frau betrogen, weil aus seiner attraktiven, vor Energie sprudelnden Lebensgefährtin eine fürsorgliche, jedoch langweilige Mutter geworden war. Gerhard stand nicht mehr im Mittelgrund ihres Lebens, sondern wurde auf ein emotionales Abstellgleis geschoben. Diesem verschissenen Schreihals schenkte sie jene Aufmerksamkeit, die er für sich beanspruchte. Gerhard wurde eifersüchtig auf seinen Sohn Armin.

 

Von Selbstmitleid geplagt suchte er nach einem Ausweg.

Jeden Abend saß er frustriert vor dem Fernsehen und genehmigte sich eine Flasche Bier zum entspannen. Wenigstens die musste er nicht mit dem Balg teilen.

Im leicht berauschten Zustand vor sich hinzudämmern verschaffte ihm ein Glücksgefühl, auf das er bald nicht mehr verzichten wollte. Um dies zu erreichen, benötigte er immer mehr Alkohohl.

Wenn Gerhard direkt aus der Flasche trank und Julia ihn auf seine schlechten Manieren hinwies erwiderte er:

„Im Glas bleibt einfach zu viel hängen“.

Er amüsierte sich prächtig über diesen Witz, doch ihr blieb das Lachen im Hals stecken.

Dass er Alkoholabhängig wurde, wies Gerhard weit von sich, doch seine Sucht schnitt tiefe Wunden in das Familienleben. Aus dem ehemals intelligenten, liebenswerten und verantwortungsvollen Menschen wurde ein aggressiver und hochmütiger Trinker, der keinerlei Kritik an seiner Person duldete.

Nachdem er seine Arbeit verloren hatte, lästerte er zum Ausgleich über Alles und Jeden her.

Es wurde einsam um ihn. Niemand wollte sich noch mit ihm abgeben. Bis auf seine Familie, hatte er jeden sozialen Kontakt verloren.

 

Zu Hause fing Gerhard an Vorschriften zu machen. Überall mischte er sich ein. Alles wusste, oder konnte er besser.

Immer öfter stritten sich Amins Eltern.

Meistens in der Nacht, wenn sie annahmen ihr Sohn würde friedlich schlafen. Oft endeten solche „Aussprachen“ damit, dass Gerhard einfach zuschlug. Mit steigendem Alkoholspiegel sanken auch seine Hemmungen vor Ausübung körperlicher Gewalt.

Wenn Armin wegen der unvermeidlichen Schreie aufwachte, zog sich das Kind ängstlich die  Bettdecke über den Kopf und fühlten sich auf seltsamer Weise schuldig. Zu gerne hätte er seiner Mutter beigestanden, doch um gegen den kräftigen Vater aufzubegehren war er noch viel zu klein gewesen. Außerdem liebte er ihn doch auch. Armins Seele litt.

     

Am Morgen nach dem Streit tat Julia so als sei nichts geschehen. Jedoch verrieten Blutergüsse in ihrem Gesicht, was im elterlichen Schlafzimmer geschehen war.

Niemand sprach ein Wort darüber. Tapfer lächelte Julia ihrem Sohn entgegen, wenn er am Frühstücktisch saß. Als Mutter zog sie es vor ein Tuch des Schweigens über das zu legen, was nicht verheimlicht werden konnte. Um keinen Ärger mit dem Vater zu bekommen, hielt sich Armin auch daran. 

So ging das mehrere Jahre.

 

Anfangs hatte Armin noch Mitleid mit seiner Mutter. Doch mit zunehmendem Alter begann er ihr Vorwürfe zu machen. Seine ganze Jugend war von Angst geprägt gewesen und ihr gab er die Schuld daran. Warum hatte sie sich nicht scheiden lassen und all diese Demütigungen ertragen?      

 

Nach Abschluss seiner Berufsausbildung wollte Armin auf eigenen Beinen stehen und sich von seinen Eltern nichts mehr sagen lassen. Prompt bekam er Ärger mit dem Vater.

Wie gewohnt schlug Gerhard zu. Nicht ins Gesicht, sondern in die Magengegend. Dort wo es sehr weh tat, aber keine sichtbaren Spuren hinterließ.

Eine Weile lang schluckte der Heranwachsende die Schläge noch herunter. Wenn der Vater nüchtern war, dann wurde er wieder zu jenem wundervollen Menschen, in den seine Mutter sich verliebt hatte. Doch niemand wusste wie lange dieser Zustand andauern würde.

Im Geheimen fing Armin an eisern zu sparen. Der Tag seines Auszugs rückte in greifbarer Nähe.

 

Es kam der Tag an dem Gerhard das Zimmer seines Sohnes durchwühlte und das Sparbuch entdeckte.

Dass Armin so viel Geld beisammen hatte erstaunte ihn. Davon wollte er auch etwas abhaben. Freudig rechnete er sich aus, wie viel Freibier er demnächst ausgeben könne. Nur in der Kneipe fand er Gleichgesinnte und wurde anerkannt.

 

Gerhard war immer knapp bei Kasse. Julia verdiente das Geld. Es mangelte ihm an nichts, doch seine Sauftouren musste er aus eigenen Mitteln bezahlen. 

Für ihn war das ein weiterer Grund von Minderwertigkeitskomplexen geplagt zu werden.

 

Fest entschlossen sich Armins Geldsegen einzuverleiben wartete Gerhard ungeduldig darauf, dass sein Sohn Feierabend hatte. Wie gewohnt stellte er den Jungen zur Rede und unterstellte ihm seine Mutter bestohlen zu haben. Doch Armin konnte beweisen, dass die Beschuldigung aus der Luft gegriffen war.  Außerdem weigerte er sich beharrlich seinem Vater einen Cent vom Ersparten abzugeben. Wütend ballte Gerhard die Faust. 

Doch dieses Mal zog er dem Kürzeren.

Das erste Mal in seinem Leben wehrte sich Armin und schlug zurück.

Nun war geschehen was er immer vermeiden wollte und ließ sich nicht mehr rückgängig machen.

Böses ahnend saß Armin in seinem Zimmer.            

  

Wutentbrannt, aus der Nase blutend, stürzte Gerhard in die Küche. Julia war gerade dabei Gemüse zu putzen.

„Was ist denn nun schon wieder mit euch beiden los?“, wollte sie gerade fragen. Doch Gerhard riss seiner Frau das Küchenmesser aus der Hand. Schweißperlen glänzten auf dem erhitzten Gesicht.   

„Au“ schrie Julia, weil die Klinge einen tiefen Einschnitt hinterließ.

Gerhard achtete gar nicht darauf. Aufgeregt keuchte er:

„Dein Sohn, jetzt hat er es endgültig zu weit getrieben. Ich bring ihn um! Keine Stunde länger verbringt dieser Haufen Scheißdreck unter meinem Dach!“

Alkoholgetränkte Atem schwebte wie ein böses Omen im ganzen Raum.  

Bevor Julia etwas erwidern konnte sah sie, wie ihr Mann mit dem Messer bewaffnet zu Armins Zimmer eilte.   

Vor Entsetzen bleich geworden wusste Julia, dass Gerhard alles zuzutrauen war. Ihre Hand umklammerte einen Fleischspieß aus Metall. Wieso sie gerade den aus der Lade gezogen hatte und was sie damit anfangen wollte, hätte sie nicht sagen können. Nachdenken konnte das Leben ihres Sohnes gefährden, sie musste handeln. Entschlossen rannte sie ihrem Mann hinterher.

 

Gerhard stand an der geöffneten Zimmertür und fuchtelte mit dem Messer herum. Er drohte seinen Sohn abzustechen, wenn dieser nicht sofort das Weite suchen würde.

Armins Augen waren vor Angst weit aufgerissen. Er zweifelte keine Sekunde daran, dass sein Vater fähig wäre ihn zu ermorden.

 

Gerhards Rücken war zur Treppe gewandt. Er konnte das Herannahen seiner Frau nicht sehen.

Julia erfasste im Bruchteil einer Sekunde die gefährliche Situation. Nichts konnte Gerhard zurückhalten, seine Drohung wahr zu machen.

Hatte er nicht seinen über alles geliebten Schäferhund getötet, weil das Tier aus Notwehr ihn in die Hand biss?

 

Jetzt erhob er sich sogar über Menschenleben. Jeder Tag, an dem sie gelitten hatte, schrie nach Vergeltung.

„Du bist nicht Gott! Woher nimmst Du das Recht, deinem Sohn nach dem Leben zu trachten?“

Verwundert drehte Gerhard ich um.

„Halts Maul und verschwinde in die Küche. Das hier ist eine Sache unter Männern, die geht dich nichts an!“

„Dir zeige ich was mich nichts angeht“. 

Ohne zu zögern stieß Julia den Fleischspieß mit voller Wucht in Gerhards Rücken.

Ganz leicht bohrte sich das spitze Metall ins lebende Fleisch, prallte an der Wirbelsäule ab und durchstieß einen Lungenflügel.

Ungläubige Augen sahen Julia an.

„Du? Was hast du das getan?“, konnte Gerhard gerade noch röchen, dann sackte er in sich zusammen. Blut quoll aus seinem Mund heraus.

      

„Geb’ mir Dein Handy“, verlangte Julia von Armin, der wie angewurzelt dastand.

„Na los, her mit dem Ding“, schrie sie ihren Sohn an um ihm wachzurütteln.

Sie war die Ruhe selbst, als sie bei der Polizei anrief. Pflichtgemäß gab Julia ihren Namen und Adresse bekannt und sagte gelassen, soeben auf ihren Mann eingestochen zu haben.

Die Haustür sei nicht verschlossen, sie würde die Polizisten in der ersten Etage erwarten.  

Mit einem Seufzer der Erleichterung widmete sie sich danach ihrem Opfer.

 

Gerhard lebte noch. Wenn er Glück hatte, dann würde er diesen Anschlag sogar überleben. Seine Augen waren immer noch auf Julia gerichtet.

„Du fragst mich was ich getan habe. Kannst du dir nicht vorstellen dass ich schon lange davon träumte? Jetzt kann ich dir endlich sagen was ich wirklich von dir halte, du erbärmlicher Wicht.“

Dann sagte Julia alles, was ihr seit Jahren auf dem Herzen gelegen hatte. Gerhard hatte weder Luft noch Kraft um sie zu unterbrechen. Nur ein leises

„du hasst mich ja“,

brachte er zustande.

„Ich? Dich hassen? Glaube mir, ein so starkes Gefühl bist du gar nicht wert.“

Jeder Ton drückte Julias Verachtung aus.

 

Schneller als erwartet stürmten Polizisten, gefolgt vom Notarzt und Sanitätern, ins Haus.

Ein Blick genügte, um zu wissen wie ernst die Lage war. Während sich der Arzt um Gerhard kümmerte, wurde Julia befragt.

„Augenblick bitte, ich muss nur noch was meinem Sohn sagen, dann können Sie über mich verfügen.“

Eindringlich sprach Julia zu Armin.

„Du bleibst hier. Dies ist dein Zuhause, aus dem dich niemand vertreiben darf. Deinem Vater hätte ich schon viel früher Einhalt gebeten sollen, doch ich war zu feige. Verzeih mir bitte, ich habe versagt.“           

 

 


Tödliche Bakterien

„NEIN, nein, bitte bring mich nicht ins Krankenhaus, ich will noch nicht sterben!“
Eine junge Frau schreit aus Leibeskräften um Hilfe und versucht erfolglos, sich am Eingangspfosten des Hospitals festzuhalten. Sie ist hochschwanger und soll ihr Kind bei uns gebären. So will es ihr Vater, der es sich nicht leisten kann eine Hebamme ins Haus zu holen.

Wir schreiben das Jahr 1860. Ich arbeite an einer Pariser Universitäts-Klinik und bin erschüttert über die Angst des Mädchens, bei uns sterben zu müssen. Meiner  Meinung nach dürfte es etwa 17 Jahre alt sein. Da werde ich doch noch Mädchen zu ihm sagen dürfen, auch wenn es eine werdende Mutter ist – oder stört Sie das?
Dieser Tumult ziemt sich nicht für ein Krankenhaus, das mache ich ihr und ihrem Vater eindeutig klar. Liegt es an meinem beherzten Auftreten, oder verleiht mir der weiße Kittel Autorität, jedenfalls herrscht augenblicklich Ruhe.
Ich nehme die junge Dame an der Hand und führe sie in ein Zimmer, wo wir mehrere Frauen untergebracht haben, für die eine Hausgeburt nicht in Frage kommt. Die Gründe dafür sind unterschiedlich, sie gehen mich auch nichts an. Jedenfalls können bei uns bedürftige Frauen in einem sauberen Bett liegen. Besser, als in der Gosse mit Ratten das Lager teilen zu müssen. Oder sind Sie andrer Meinung?
Als einzige Gegenleistung verlangen wir, dass unsere Studenten den Körper der Schwangeren und die Lage des Kindes in ihrem Bauch untersuchen dürfen. Lehrbücher haben wir zwar genug, doch nichts geht über Erfahrungen, die am lebenden Menschen gemacht werden können.

Ich weiß nicht warum, aber das Mädchen fasst sofort Vertrauen zu mir. Bereitwillig legt es sich auf das zugewiesene Bett und schaut mich mit großen Augen an.
„Bitte, lassen sie es nicht zu, dass ich sterbe. Versprechen sie es mir.“ Schweißperlen der Angst erscheinen auf ihrer Stirn. Beruhigend streichen meine Hände über ihr rotblondes Haar und dann sage ich die verflixten vier Worte, die mein Gewissen lange Zeit nicht mehr zur Ruhe kommen lassen.
„Ich verspreche es ihnen.“
Dabei weiß ich ganz genau, dass sich bei uns die Todesfälle der eingelieferten Mütter und auch deren Neugeborenen auffallend häufen. Vor der Aufnahme in diesem Institut erfreuen sich die Frauen noch bester Gesundheit, doch sehr bald bekommen sie starkes Fieber und eitrige Pusteln rund um die Genitalien herum. Wird dann das Kind geboren, so ist dessen ganzer Körper von den gleichen Merkmalen bedeckt. Was soll ich sagen, beide sterben kurz darauf und wir unternehmen alles, um dies geheim zu halten.
Nur der Pfarrer, den wir rufen, damit er eine Nottaufe bei dem Kind durchführt und beiden die Sterbesakramente geben kann, weiß Bescheid.
Für ihn ist die Sache eindeutig. Gott bestraft die Sünderin und deren Leibesfrucht gleich mit.
Ich mache es mir nicht so einfach und suche nach einem anderen Grund. Überall in unserem Land werden uneheliche Kinder geboren, doch nur hier, in dieser Klinik treten solche Sterbefälle auf.

Zwei Tage später.
Katharina, so hieß das ängstliche Mädchen, musste auch sterben.
Seitdem verfolgt mich ihr Gesicht in jeder Nacht. Sie lässt mich nicht mehr ruhen, bis ich die Ursache ihres Todes herausgefunden habe. Ist sie nun ein böser Geist, oder ein Engel, der mich zu weiteren Forschungen antreibt? Ich weiß es nicht.
Wochenlang zermartere ich mir das Gehirn. Dann, als wäre es eine göttliche Eingebung erkenne ich, welcher Umstand so viel Leid hervorruft. Ein Blick durch das Mikroskop bestätigt meine Annahme.
Erst beschäftigen sich die Studenten mit den Leichen in der Pathologie, danach gehen sie zu den werdenden Müttern und greifen mit ihren Fingern in deren Körper hinein, um den fast geöffneten Muttermund zu ertasten. So übertragen gerade jene den Tod, die ich ausbilde Leben zu retten.  
 
Dass Bakterien diese winzig kleinen Monster verantwortlich für Fäulnis und Verderben sind, fasziniert mich. Ich hänge meinen Beruf als Arzt an den Nagel und mache es mir zur Lebensaufgabe, dem Wirken dieser Plagegeister ein Ende zu bereiten. Hitze können sie nicht vertragen, also setzte ich organische Stoffe verschiedenen Stufen der Wärme aus. Immer wieder beobachte ich im Mikroskop, welche Auswirkungen dies auf meine erklärten Feinde hat.   

Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen. Sie kennen meinen Namen gut. Auch in Ihrem Jahrhundert, – Pardon Jahrtausend, ist er bei der Verarbeitung von Lebensmitteln gebräuchlich. Ich bin Chemiker, Arzt und Mikrobiologe zugleich.
Gestatten, mein Name ist Louis Pasteur.  


 


Sondertransport


"Hopp, hopp, beeilt euch, wir haben nicht ewig Zeit". Im Laufschritt eilte eine elend aussehende Menschengruppe zum offen stehenden Container und zwängte sich hinein.
Jonathans Aufgabe bestand darin, die Leute von einem Platz zum anderen zu transportieren. Alles andere ging ihn nichts an.
Ursprünglich hatte er als ganz normaler Lastwagenfahrer angefangen, der sich durch Zuverlässigkeit und Loyalität gegenüber seinem Arbeitgeber auszeichnete. Im Laufe der Zeit hatte sich ein freundschaftliches Verhältnis zu Alex, seinem Chef, eingestellt und so kam es, dass er irgendwann von ihm gebeten wurde, sich auch als Fluchthelfer einsetzen zu lassen. Er hatte keine Ahnung was auf ihn zukommen würde, doch im Laufe der Zeit widerte es ihn an, wenn er zu solchen Extra-Touren eingeteilt wurde. Der Gestank an menschlichen Ausdünstungen, der ihm beim öffnen der Verstecke jedes Mal entgegenströmte, bereitete ihm Übelkeit. Seit mehreren Tagen hatten diese Leute sich nicht waschen können und ihre Nahrungsmittel waren auch ausgegangen. Noch nicht Mal Wasser zum trinken wurde ihnen zur Verfügung gestellt.
War das etwa sein Fehler? Hatte er sie dazu eingeladen, illegal nach Europa zu reisen? Was suchten sie in einem Land, wo sie nicht erwünscht waren und dessen Sprache sie nicht verstanden?
Bald hatten sie es ja geschafft. Nur noch fünfhundert Kilometer, dann wird er sie an einer stillgelegten Fabrik abladen. Dort bekamen sie etwas zu essen und genügend Wasser war auch da. Sogar die Duschen funktionierten noch. Warum wimmerten sie nur unentwegt und warum konnten sie es nicht abwarten? So kurz vor dem Ziel, war doch alles gut für sie verlaufen. Keinen einzigen Todesfall hatte es dieses Mahl gegeben. Sie ahnten gar nicht, welches Glück sie hatten.
"Sieh zu, dass du weiterkommst, ich hab nichts für Euch!", fauchte er einen um Wasser bettelnden Mann an.
Mit geübten Handgriffen zwang Jonathan ihn in den Container hinein und gab ihm zum Schluss noch einen Tritt in den Hintern. So, das dürfte reichen. Jetzt wussten alle, was sie von ihm erwarten konnten.
"Haltet endlich das Maul, ich kann Euer Gejammer nicht mehr ertragen!", schrie er die verschüchterte Menschen an, bevor er den Container verriegelte.
Im Führerhaus angekommen, atmete Jonathan erleichtert auf. Dann gönnte er sich einen großen Schluck aus der Pulle, schaltete einen Musiksender mit Verkehrsnachrichten an und startete den Motor.
Warum mache ich das eigentlich mit? Diese Fuhren sind die reinste Zumutung und meiner nicht würdig. Ich muss unbedingt mit Alex darüber reden. Aber die Bezahlung ist nicht schlecht, das muss ich ihm schon zu Gute halten. Ohne das Extra-Gehalt, hätte ich mir niemals diesen Traum von Haus leisten können und meine Frau stellt auch immer größere Ansprüche. In ein paar Monaten ist die letzte Rate bezahlt, jetzt kann eigentlich nichts mehr schief gehen.
Die Kontrollen der Bullen werden auch immer schärfer. Zum Glück haben sie noch nicht entdeckt, welche Ladung ich manchmal transportiere. Doch da mein Laster von außen wie aus dem Ei gepellt aussieht, die Maut-Gebühr bezahlt wird und auch der Fahrtenschreiber keine Auskunft auf Unregelmäßigkeiten aufweist, hielten sie es bisher für unnötig hinten nachzusehen.
Jonathan konnte sich ein schadenfreudiges Grinsen, nicht verkneifen. Außen hui und drinnen pfui, nur so kann man Kohle machen.
Doch eine zusätzliche Haltestelle muss unbedingt her, wo die Leute etwas zu trinken bekommen und zur Toilette gehen können. Erstens stinkt es im Container zum Himmel und zweitens muss ich die gesetzlichen Ruhepausen einhalten.
Die restlichen fünfhundert Kilometer fuhr Jonathan wider besseres Wissen an einem Stück durch. Um Sieben Uhr in der früh, erreichte er das Ziel und wurde schon ungeduldig von seinem Chef erwartet.
"Gott sei Dank bist du gut durchgekommen. Auf deiner Strecke hat es einen schweren Unfall gegeben. Ich hatte schon Angst, du wärst da rein geraten."
Als die Menschen aus dem Lastwagen herausströmten stellte sich heraus, dass doch noch einer gestorben war. Mit einem Achselzucken nahm Alex dies als einkalkulierten Schwund hin. Darum wird sich ein Beerdigungsunternehmer kümmern, der liebend gerne ein paar Scheinchen zugesteckt bekommt.
Ob nun eine Leiche mehr oder weniger im Sarg mitverbrannt wird, wen kümmert das schon? Auf diesem Weg bekommt der arme Teufel wenigstens ein anständiges Begräbnis, dass er sich nie hätte leisten können.
"Was passiert eigentlich mit den Leuten, nachdem sie hier angekommen sind?", wollte Jonathan wissen.
"Wieso kümmert dich das? Es geht dich nichts an. Glaube mir, je weniger du weißt, desto gesünder ist das für dich."
"Ach, ich mein nur. – In diesem Zustand sind sie doch zu nichts nutze. Gerade im letzten Abschnitt der Reise, nippeln die meisten ab. Sie sind einfach zu erschöpft und halten nichts mehr aus. Du musst dich dann mit den Ausfälle herumärgern und die Leute erst mühevoll aufpäppeln, bevor du sie an den Mann bringen kannst.
Ist das nicht auf die Dauer zu teuer? Wäre es nicht günstiger, wenn sie bei der Ankunft noch einigermaßen bei Kräften sind?
"Was hast du vor?"
"Ich hab da so eine Idee, die für alle Beteiligten von Nutzen wäre. Für dich, mich und auch für die Flüchtlinge."
"Sieh Mal einer an, Jonathan, der Menschenfreund."
"Lass das blöde Geschwätz, ich will dir nur einen Vorschlag machen."
"In Ordnung, wir reden nachher weiter. Jetzt mach erst Mal den Container sauber. Morgen musst Du nach Amsterdam, Teakholz holen.
Mit einem Hochdruckreiniger spritzte Jonathan jede, noch so kleine Ritze aus. Sein Magen rebellierte, als er auf den Boden sah, wo eine Mischung aus Kot und Urin herausschwamm. Diese Arbeit war das Übelste von allem. Lange konnte es das nicht mehr aushalten.
Jonathan setzte sich mit seinem Chef zusammen, um die Fahrten für ihn etwas angenehmer zu organisieren. Er brauchte keine große Überredungskunst, bis Alex die Vorteile einleuchteten. Seine notwendigen Investitionen würden sich lohnen. - Qualität hat halt seinen Preis.
Wenn die Fracht kräftiger und gesünder ankommt, dann konnte er wesentlich mehr Geld für sie verlangen.
Die Bordellbesitzer wollen immer, dass ihre Püppchen gleich einsatzbereit sind und Bauunternehmer brauchen gesundes Menschenmaterial für die Schwarzarbeit, keine Schwächlinge.
Jonathans Ideen machten Sinn. Gleichzeitig verringerte sich die Gefahr, am Ende doch noch wegen Kleinigkeiten aufzufliegen
Nur einen Umstand hatten sie bei ihrer Planung ganz übersehen.
Der Beerdigungsunternehmer, dessen Dienste nun nicht mehr benötigt wurden, wollte weiter abkassieren. Nach der Devise, gestorben wird immer, verstand er nicht, endgültig aus dem Rennen zu sein. Noch nicht Mal eine großzügige Abfindung hatte man ihm angeboten.
Zähneknirschend schwor er, dass es einigen noch leid tun würde, ihn so zu verschaukeln. Voll Neid, an den Gewinnen nicht mehr beteiligt zu sein, erstattete er anonyme Strafanzeige. Ihm selbst würde niemand etwas anhaften können. Alle Beweise gegen ihn waren längst eingeäschert und in gepflegten Gräbern verborgen.
Die Polizei stürzte sich geradezu auf die gegebenen Insiderinformationen. Es kam zu vorläufigen Festnahmen, doch bald mussten die mutmaßlichen Initiatoren eines angeblichen Menschenhandel-Ringes wieder freigelassen werden. Man konnte ihnen nichts Stichhaltiges beweisen.
Jonathan wunderte es nicht, dass kurz darauf eine Bombe in diesem christlichen Beerdigungsinstitut einschlug.
In den Medien wurde die Angst vor Terroristen erneut heraufbeschworen und die Normalbürger schüttelten wieder einmal verständnislos ihre Köpfe.

Al Kaida-Anhänger hatten aber auch gar keinen Respekt vor abendländichen Werten



Donars Geheimnis

Donar, der germanische Gewitter- und Fruchtbarkeitsgott war empört.
Mit seiner ganzen Kraft hatte er gegen Frostriesen kämpfen müssen, die mit ihrem eisigen Atem Kälte und Dunkelheit über die Erde gebracht hatten. Sein Hammer zerschlug das Eis von Flüssen und Bächen. Den Bemühungen des Donnergottes war es auch zu verdanken, dass an Bäumen und Büschen Knospen wachsen konnten und, nachdem sie aufgebrochen waren, ein zartgrünes Blätterkleid formten. Narzissen, Vergissmeinnicht und andere Frühlingsblumen verließen auf sein Geheiß hin den schützenden Boden und lockten in leuchtenden Farben hungrige Insekten an. Doch den Menschen war das nicht genug.
Donars Kampf hatte lange gedauert und er war erschöpft. Es beleidigte ihn, dass jedes Jahr über den April geschimpft wurde, weil es in diesem Monat an manchen Tagen noch kalt und nass war. Die Pflanzen brauchten dringend den Regen und wenn der Grundwasserspiegel anstieg, dann sammelte sich eine natürliche Reserve an, die an heißen Monaten aufgebraucht werden würde.
Dummheit und Egoismus von Menschen, die nichts verstanden, aber alles besser wissen wollten, regten ihn auf. Mit wütendem Grollen warf er seinen Hammer, dass es nur so blitzte.
"Ach, was kümmern dich die Sterblichen?"; fragte ihn sein Vater Odin. "Als ich so jung war wie du, da versah ich meine Aufgaben auch mit Elan und Enthusiasmus. Doch im Laufe der Zeit habe ich die Menschen kennengelernt. Glaube mir, Dankbarkeit kannst du von ihnen nicht erwarten. Mache dir doch lieber einen Spaß daraus und ärgere sie, wo du kannst."
"Wieso denn das? Sie stehen doch unter meinem Schutz, obwohl ich ihnen ihre Undankbarkeit am liebsten heimzahlen würde."
"Alle anderen Lebewesen der Erde müssten auch darunter leiden, wenn du den Menschen einen Denkzettel verpasst und das wäre ihnen gegenüber ungerecht," gab Odin zu bedenken. "Komm mit, ich zeig dir was."
Gemeinsam schauten Odin und Donar zu, wie drei Zicklein aus dem Stall herausstolperten. Voller Lebenslust sprangen sie in die Höhe und ließen ihre Köpfe gegeneinander prallen. Ihnen beim spielerischen Kampf zuzusehen, war eine reine Freude.
Kurz darauf entdeckte Odin einen alten Mann, der einige Beete seines Gartens für die Aussaat vorbereitete.
"Der kommt mir gerade recht.", grinste Odin. "Nun siehst Du auch, wie ich das mit dem Ärgern meinte." Er nahm eine Gieskanne und schüttete sie genau dort aus, wo der arme Mann arbeitete.
Anderen Leuten blies Odin ihre Kopfbedeckung herunter. So bald sie sich danach bückten, flogen Mützen und Hüte weiter weg, bis sie in den nächstbesten Pfützen landeten.
Sofort verkrochen sich alle Menschen in ihre Häuser, denn sie befürchteten, dass ein Sturm aufkommen würde.
Beide Götter lachten über ihre gelungenen Streiche, die ihren Zweck erfüllten und trotzdem keinen Schaden angerichtet hatten.
Donars Stimmung verbesserte sich schnell. Gut gelaunt schob er alle Wolken beiseite, damit die Sonne ihre wärmenden Strahlen ausbreiten konnte.
Seit dieser Zeit amüsiert sich Donar jedes Mal darüber, wenn Menschen davon reden, das Wetter im April sei launig und würde machen, was es wolle.
"Was heißt hier Wetter? ICH bin es, der handelt wie es mir gerade gefällt. Aber diese armen Tropfe haben ja keine Ahnung