Inhalt:

 

Glaubenszwang

Urlaub in Irland

Eine ungewöhnliche Frage

Fund mit schweren Folgen

Wenn Kinder groß werden

Vater – Sohn – Konflikt

Ich denke oft an meinen Teddy

 


Glaubenszwang


„Herr Pfarrer, was ist das, eine Jungfrauengeburt? Ich hab schon so viel davon gehört, kann aber damit nichts anfangen."
Alle vier Jahre musste der Geistliche jene Kinder auf das Sakrament der Firmung vorbereiten, die schon zum Abendmahl gehen durften. Er hatte die Aufgabe Firmlinge in ihrem Glauben zu festigen, damit sie in die Gemeinschaft der erwachsenen Katholiken aufgenommen werden konnten. Jedes Mal stellten seine Schüler Fragen, deren Beantwortung immer schwieriger wurde. Die jungen Leute waren durch Presse und Fernsehen bestens über Sex und die Entstehung des Lebens informiert. Sie ließen sich nicht mit Floskeln abspeisen.
„Das bedeutet, dass Maria schwanger wurde, ohne mit Joseph das Lager geteilt zu haben.“
„Sie bumsten nicht, obwohl sie verheiratet waren?“
„Maria und Joseph waren nur verlobt, nicht verheiratet. Weil sie gottesfürchtige Menschen waren, unterließen sie es zu …“ Das unanständige Wort brachte der Pfarrer nicht über seine Lippen.
„Meine Fresse. Maria hatte unglaubliches Glück gehabt nicht gesteinigt worden zu sein. Bei Maria Magdalena hat man das ja auch versucht.
„Lass es gut sein Kevin. Tatsache ist, dass Maria Jungfrau war, als sie mit Jesus schwanger wurde. Ende der Diskussion.“
„Was hinderte Joseph daran zu heiraten, bevor er mit Maria rumgezogen ist? Ich verstehe das nicht.“
„Du sollst nicht verstehen, du sollst glauben.

„Ich glaube, der Heilige Geist wollte selbst mal vögeln und hat sich Maria als passende Schlampe dafür ausgesucht.“
Eine schallende Ohrfeige brachte Kevin zum Schweigen. Mit Schimpf und Schande wurde er aus dem Unterricht geworfen.

Am Abend besuchte der Pfarrer Kevins Eltern und teilte ihnen mit, dass ihr Sohn von der diesjährigen Firmung ausgeschlossen werden müsse, weil er den christlichen Glauben nicht mit der geforderten Ernsthaftigkeit vertrat.
Dann erzählte er, welche Unverschämtheiten sich Kevin im Religionsunterricht geleistet hatte.
Dem Vater wurde angst und bange. Er fürchtete um sein Ansehen innerhalb der Gemeinde. Mit Engelszungen redete er auf den Geistlichen ein und stellte eine größere Spende in Aussicht.
Das zeigte Wirkung, Kevin bekam eine zweite Chance.

Kaum hatte der Besuch das Haus verlassen, rief der Vater den kleinen Rebell zu sich.
„Was hast du Grünschnabel dir bloß dabei gedacht, die Jungfrau Maria zu beleidigen? Werd erst Mal trocken hinter den Ohren, dann kannst du dem Pfarrer Fragen stellen. Und gewöhne dir gefälligst einen anderen Ton an, wenn du mit einer Respektsperson sprichst!“
Außer sich vor Wut zog der Vater seinen Ledergürtel aus den Schlaufen der Hose, legte Kevin übers Knie und prügelte so lange auf dessen blanken Hintern ein, bis die Haut aufplatzte. Der Junge wagte es nicht sich zu wehren, denn gegen seinen Vater hatte er keine Chance. Jedoch schrie er aus Leibeskräften und hoffte, seine Mutter würde ihm beistehen. Sie kam auch ins Zimmer rein, blieb wie angewurzelt stehen, bekreuzigte sich und verließ den Raum wieder. Kein: „Hör endlich auf“, oder „Lass es gut sein das reicht jetzt!“, kam über ihre Lippen. Feige überließ sie ihren Sohn seinem Peiniger.
„Die heilige Mutter Gottes als Schlampe zu bezeichnen, das schlägt dem Fass den Boden aus. Der Teufel steckt in dir und den werde ich dir austreiben. Wir sind doch keine Heiden!“
Erst als Bluttropfen hervorquollen kam der Vater zur Besinnung. Noch nie hatte er sein Kind in ähnlicher Weise verprügelt. Der „heilige Zorn“ hat mich erfasst, beruhigte er sein Gew
issen und gab Kevin die Schuld an dem Ausraster.
„Wage es nicht noch einmal, dem Pfarrer Fragen zu stellen. Was er Euch beizubringen versucht, ist halt so. Daran wird nicht gerüttelt. – Geht das in deinen verdammten Schädel rein?“
Kevin litt. Körperlich, wie auch seelisch. Um den Qualen zu entgehen, erklärte er sich mit allem einverstanden. Nie wieder wollte er seine Gedanken preisgeben und seien sie noch so begründet

Beim nächsten Unterricht stellte der Pfarrer mit Genugtuung fest, dass sein Besuch bei den Eltern des Zöglings so erfolgreich gewesen war.
„Kevin, hast du denn gar keine Fragen mehr?“
„Nein Herr Pfarrer, das Fegefeuer meines Vaters hat mich geläutert.“
Unterdrücktes Kichern seiner Mitschüler war im ganzen Raum zu hören.

„Gut, gut. Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie. So steht es schon in der Bibel.“

Weitere Zwischenfälle gab es nicht.
Der Weihbischof kam und erklärte alle vor dem Altar stehenden Kinder zu erwachsenen Streitern für den wahren Glauben.
Als die jungen Leute sangen:
„Fest soll mein Taufbund immer stehen“, machte Kevin nur zögernd mit, was in der Gruppe nicht auffiel. Er glaubte immer noch nicht an die Jungfrau Maria, musste sich aber in aller Öffentlichkeit zu ihr bekennen.
„Verdammt noch mal, ich hatte doch keine andere Wahl gehabt, als ein falsches Gelübde abzulegen“, dachte er verbittert und blickte in die zufrieden leuchtenden Augen des Pfarrers.





Urlaub in Irland

Mein Sohn und ich sind begeisterte Angler. Deshalb planten wir, während der Sommerferien nach Irland zu reisen. Die meisten unserer Bekannten waren schon dort gewesen und schwärmten von der erholsamen Ruhe und den diversen Möglichkeiten, die dieses Land bot.
Einen fetten Lachs am Haken zu haben, war schon immer mein Traum gewesen. Wer weiß, vielleicht würde er in Erfüllung gehen. Die Chancen dafür fand ich gar nicht so schlecht, denn immerhin exportierte Irland in ganz Europa „Smoked Salm“. Demnach müssten sich jede Menge von Lachsen dort tummeln.
Mehrere Mitglieder unseres Anglervereins fuhren jedes Jahr auf die Insel. Einen Lachs hatte aber noch keiner von ihnen mit nach Hause gebracht. Diese Tatsache allein stachelte mich geradezu auf, es den anderen zu zeigen, dass wir beide die besseren Fischer sind.
Für uns stand es außer Frage, wir wollten dieses Angelparadies erkunden, das so fern und doch zum Greifen nah war.
Meine Frau wollte nicht mitfahren, denn sie mag Angeln nicht, weil ihr die Fische immer leid tun, wenn sie getötet werden.
Aber wenn sie Fischstäbchen brät hat sie keine Bedenken, dass ist dann etwas ganz anderes.
Martin ist mit seinen fünfzehn Jahren in diesen Dingen viel logischer. Er hat Freude am Jagen, was mich als Vater sehr stolz macht.

Im Katalog eines Reiseveranstalters suchte ich ein Hotel aus, das meinen Erwartungen entsprach. Es war nicht gerade billig, doch dafür lag es direkt am Meer. Außerdem stand im Prospekt, dass das Personal deutsch sprechen würde.

Von Frankfurt aus flogen wir nach Cork.
Schon beim aussteigen aus dem Flugzeug schlug uns ein kräftiger Luftzug entgegen, doch wenn ich dachte, dass dies schlechtes Wetter sei, dann sollte ich mich gewaltig irren. Starker Wind, ein bisschen Regen gemischt mit etwas Sonnenschein, begleiteten uns während des ganzen Urlaubs. „Nice day today“, pflegten die Einheimischen zu sagen, wenn wir Deutschen schon von einem Sauwetter sprachen.
Zugegeben, zum Angeln waren die Bedingungen ideal und wenn man eine Schirmmütze trug, wie es fast alle männlichen Iren taten, dann störten die wenigen Tropfen kaum noch
Mit einem gemieteten Kleinwagen fuhren wir zu unserem Ziel.

Meine Güte, wer war bloß in diesem Land für den Straßenbau verantwortlich gewesen?
Solch eingebaute Bodenwellen konnten die besten Stoßdämpfer nicht glatt bügeln, mir wurde an Land schon schlecht. Außerdem waren die Straßen so schmal, dass ich es mit der Angst zu tun bekam.
Meinem Schutzengel verdankte ich, dass kein Unfall geschah.
Hinter einer unübersichtlichen Kurve, standen plötzlich Schafe mitten auf der Fahrbahn. Kein Hirte war zu sehen, niemand kümmerte sich um sie. Damit hatte ich, nun wirklich nicht gerechnet.
Als die Tiere mein Auto kommen hörten, gingen sie auf die rechte Seite, so dass ich links vorbeifahren konnte. Irische Schafe eben, die sich auf Linksverkehr eingestellt haben.
Doch mir saß der Schreck so tief in den Knochen, dass ich beinahe das Lenkrad verrissen hätte.
Die Fahrt zum Hotel, dass in der Gegend „Ring of Kerry“ liegt, kam mir wie ein Horrortrip vor. Wer jemals auf der ungewohnten Straßenseite fahren musste, der weiß, wie anstrengend das sein kann.

Die Umgebung beeindruckte mich sehr.
Karge Wiesen wurden durch aufgetürmte Steinwälle von einander getrennt. Ab und zu sahen wir ein einsames, niedriges Haus, das aus unverputzten Natursteinen gebaut und dessen Dach ganz flach gedeckt war, damit kommende Stürme möglichst wenig Schaden anrichten konnte. Mich wunderte, dass ich keinen schützenden Baum sah, doch der würde wahrscheinlich umfallen.
Steil abfallende Klippen, gegen die eine wütende Brandung meterhohe Wellen schlug vermittelte das Gefühl des ausgeliefert seins, an die Kräfte der Natur.
Wir fuhren aber auch an den Häusern wohlhabender Leute vorbei, die von blühenden Gärten umgeben waren. Dort gab es Meterhohe Rhododendrenbüsche zu sehen, die schwer an ihren dunkelroten Blüten trugen. Dahinter reckten sich Palmen gegen den Himmel.
Welch ein Widerspruch.

Mein Hemd war verschwitzt und der Nacken schmerzhaft verspannt, als ich unsere Herberge erreichte. Doch die Unterbringung entschädigte mich für jede Minute der Anstrengungen. So freundliche und hilfsbereite Leute, wie ich sie dort antraf, sind mir nur selten im Gaststättengewerbe begegnet.
Unser Zimmer war gemütlich eingerichtet und hatte sogar einen Kamin, um uns mit loderndem Holzfeuer zu erwärmen. Ich konnte mir vorstellen, dass wir ihn benutzen würden, wenn wir durchnässt und frierend, nach einer Angeltour ins Hotel zurückkehrten.

Im geheimen beabsichtigte ich, wenigstens einmal mit einem Fischerboot aufs Meer hinauszufahren um zu angeln. Wenn ich schon so viel Geld für die Reise ausgab, dann wollte ich auch etwas „Besonderes“ erleben.
Die Urgewalt des Wassers hautnah erleben und von tosenden Wellen umgeben zu sein. Dem rauen Wind auf dünnen Planken zu trotzen und das Spiel um Leben und Tod am eigenen Leib zu fühlen, dieser Herausforderung konnte ich nicht wiederstehen
Mit Martin hatte ich kein Wort darüber gesprochen, doch ich war mir sicher, dass er sich genauso darauf freuen würde, wie ich.

Gleich nach unserer Ankunft fragte ich nach an wen ich mich wenden könne, um mit einem Boot aufs Meer hinauszufahren.
An dem skeptisch bedauernden Blick der Angestellten sah ich schon, dass ich mein Vorhaben vergessen konnte. Trotzdem versprach sie mir ihr möglichstes zu tun. Doch die irische See sei tückisch und bei diesem Wetter fuhren die Fischer normalerweise nicht hinaus.
„Komisch“, dachte ich. – So aufgewühlt sah das Wasser von Land aus gar nicht aus. Aber die Einheimischen mussten es wohl besser wissen, schließlich lebten sie vom Fischfang.

Den Abend verbrachten wir in der gemütlichen Herberge und gingen früh zu Bett. Für einen Urlaubstag hatte ich genug erlebt und war sehr müde geworden. Martin schaltete gewohnheitsmäßig das Fernsehgerät an, verstand aber kein Wort und legte sich auch bald schlafen.

Am nächsten Morgen bekamen wir ein ausgiebiges Frühstück vorgesetzt, das den Kalorienbedarf eines ganzen Tages deckte.
Schmackhaftes Weißbrot, Spiegeleier mit gegrilltem Schinken (ham and eggs), gegrillte Würstchen (sogenannte white puddings), wie ich sie in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen habe, Cornflakes, Orangensaft und selbstverständlich jede Menge aromatischen Kaffee, wurden angeboten.
Wer wollte, der konnte noch Kippers bestellen, das sind geräucherte Heringe, doch wir lehnten dankend ab.
Heringe zum Frühstück, da hört bei mir die Liebe zum Fisch auf.

Mit vollem Magen wollten wir gerade zu unserem Auto gehen, da rief mich die Dame von der Rezeption zurück:
„Man habe doch noch einen Fischer aufgerieben, der bereit sei uns mitzunehmen, wenn er die Reusen einsammele, im denen sich Hummer verfangen hätten“.
Mein Sohn wusste nicht wovon sie sprach und als ich es ihm erklärte, war er hellauf begeistert.

Die Anlegestelle, wo der Fischer auf uns wartete, fanden wir auf Anhieb.
Einfach der Küste entlang fahren, nach dem blau gestrichenen Cottage links abbiegen und schon sahen wir ihn breitbeinig am Steg stehen.
Nach kurzem aber um so festeren Händedruck half er uns ins Boot hinein. Na ja, Boot ist wohl nicht ganz der richtige Ausdruck für diesen Kahn, Nussschale beschreibt ihn viel besser. Er erinnerte mich stark an einen Pritschenwagen, denn viel größer waren seine Ausmaße nicht gewesen.
Steuerrad, Kapitänssitz, und die notwendigsten Instrumente wurden mehr schlecht, als recht durch einen unfachmännisch zusammengenieteten Aufbau aus Blech, mit einem Fenster drin, vor Spritzwasser und Regen geschützt. Dahinter gab es nur freie Ladefläche.
Auf einer Holzbank, die, wie in einem Ruderboot, von einer Seite zur anderen reichte, nahmen wir Platz und dann ging’s los.
Zuvor noch sprang der Hund des Fischers aufs Boot. Ein hübscher Collie, der sich gleich in die so genannte „Kajüte“ verkroch.

Unsere Anglerausrüstung verstauten wir unter dem Brett auf dem wir saßen – ein sinnloses Unterfangen, wie sich kurz danach herausstellte.
Kaum hatten wir den Hafen verlassen, ging die Schaukellei los.
Das Boot hob und senkte sich, als wolle es mit einer imaginären Achterbahn konkurrieren. Unser Magen rebellierte gegen den ungewohnten Seegang.
Nur mit äußerster Konzentration gelang es uns beiden Landratten, den aufkommenden Brechreiz zu unterdrücken.
Mit eisernem Griff hielten wir uns an Bordwand und Sitzbank fest. Die Angel vorzubereiten, kam uns erst gar nicht in den Sinn.

Als der Fischer den Motor ausschaltete, begann das Schiff auf den Wellen zu tanzen. Mal links herum, Mal recht, hoch und runter, seitliche Kipplage und dann wieder steil in die Höhe, wer sollte das aushalten?
Selbst dem Collie war schlecht geworden, dabei sollte er eigentlich an solche Fahrten gewöhnt sein.
Er lag flach auf dem Boden und verbarg seine Schnauze mit den Vorderpfoten.

„Setz das Boot auf ein Riff, oder eine Sandbank, nur mach‘, dass wir festen Boden unter uns haben“, flehte ich zum Himmel.
Wir beide müssen jämmerlich ausgesehen haben, denn nach einigen Minuten startete der Fischer den Motor und brachte uns an Land
Mit wackeligen Beinen stiegen wir aus und hätten beinahe unsere Ausrüstung vergessen, denn die war uns im Moment völlig egal.
Froh, in unser Auto einsteigen zu können, fuhren wir zum Hotel zurück.
Dort legten wir uns gleich ins Bett. Zwei Stunden später duschten wir, zogen andere Klamotten an und freuten uns auf einen Spaziergang zu dem nahe gelegenen Ort.

Alles war so fremd, so anders und für sich alleine schon eine Reise wert. Irland gefiel mir immer besser. Vor allem der Pub, in den wir einkehrten, um uns ein frisch gezapftes Guinness zu genehmigen.
Einer der ansässigen Männer hatte seine Gitarre mitgebracht und fing an zu singen. Kurz darauf stimmten auch andere Anwesende ein. Von der aufkommenden Atmosphäre war ich so tief beeindruckt, dass ich dort sitzen blieb, bis die letzten Gäste nach Hause gingen.

Am anderen Morgen bekam ich ein schlechtes Gewissen. Wir hatten noch keinen einzigen Fisch am Haken. Wie sollte ich das meinen Freunden erklären? Sie würden mich auslachen, dass war so sicher, wie das Amen im Gebet. Deshalb ging ich zur Rezeption und fragte nach, wohin wir fahren mussten, um einen guten Angelplatz zu finden.
„Gleich hinter dem Haus. Wenn Sie sich auf die großen Steine stellen, die aus dem Wasser ragen, dann werden Sie bestimmt etwas fangen“, sagte die Dame mit einem freundlichen Lächeln.
Dass durfte doch nicht wahr sein. Wozu habe ich ein Boot gemietet und ist mir Hundeelend geworden, wenn ich direkt vor meiner Nase auch so auf meine Koste kommen konnte?
Schnell buddelten wir Regenwürmer aus und dann ging es endlich los,
Welch ein Genuss. Umspült von der Brandung, kostete ich jede Sekunde in der rauen Umgebung aus.
„Ich hab einen!“, rief Martin plötzlich.
Mit einem Sprung war ich bei ihm, denn als Anfänger, hatte er noch keine Übung darin, wie man einen Fisch müde macht. Das war auch bitter nötig, denn der Fisch zog sogar mir beinahe die Rute aus der Hand.
Leine locker lassen, heranziehen, wieder frei geben und dann erneut die Schnur einrollen. Dieses Spiel zog sich über eine Ewigkeit hin, so kam es mir jedenfalls vor.
So einen kräftigen Burschen hatte ich noch nie gefangen. Immer wieder befürchtete ich, dass sich der Fisch am Ende doch noch losreißen würde. Dann wäre die Enttäuschung wirklich groß gewesen.
Am Ende fühlte ich nur noch ein kraftloses zappeln, wir hatten gewonnen. Voller Stolz zog Martin seine Beute an Land. Es war ein prächtiger Fisch, der bestimmt mehr als drei Kilo wog. Doch konnte man ihn auch essen?
Bei Meeresfischen kannte ich mich nicht aus, deshalb gingen wir mit dem Fang zu unserem Hotel zurück.

Dort beglückwünschte man uns und erklärte, dass es sich bei unserem Fang um einen gefleckten Lippfisch handeln würde. Ein sehr beliebter Speisefisch, den der Koch zubereiten würde, damit wir ihn uns am Abend schmecken lassen konnten.
Wir waren vollauf zufrieden.

Gut gelaunt startete ich das Auto, um mit Martin die Gegend zu erkunden. Es dauert nicht lange, bis wir den Fischer trafen, mit dem wir aufs Meer hinaus gefahren sind. Als er mich erkannte, grüßte mit breitem grinsen und rief uns: „Never again!“, zu
Irgend etwas, dass so ähnlich klang wie „yes indeed“, murmelte ich zurück. Mir war die ganze Sache peinlich.
Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob der Fischer seine Nachfrage mitfühlend meinte, oder sich eher schadenfreudig über uns lustig machte.

Das Abendessen schmeckte ausgezeichnet, besonders Martin war von der Küche angetan. Kein Wunder hatte er doch eigenhändig für den Hauptgang gesorgt.
Satt, zufrieden und auch ein wenig glücklich, gingen wir wieder in den gleichen Pub, wie am Tag zuvor und feierten unseren Erfolg mit mehreren Pint Guinness.




Eine ungewöhnliche Frage

"Sind Sie schon einmal auf einen Aprilsscherz hereingefallen?"
Frank nahm den Zettel aus dem Briefkasten und staunte über diese Frage.
Wer wollte das wissen, welche Werbung, mochte wohl dahinterstecken?
Doch auf dem etwas zerknitterten Blatt stand nichts andres, nur dieser Satz. Auch auf der Rückseite waren weder Adresse, noch Telefonnummer vermerkt worden und das brachte Frank noch stärker ins grübeln.
Was soll das, so eine Frage zu stellen und dann keine Möglichkeit zum antworten zu geben? Wenn es eine Umfrage gewesen wäre, dann hätte er es verstanden, aber so?
In Gedanken versunken stieg Frank die Treppe hinauf in seine Wohnung, wo der Frühstückstisch gedeckt war.
"Was hast du?", fragte Katrin, als sie in das ernste Gesicht ihres Mannes blickte.
"Da, lies. Das lag heute in unserem Briefkasten."
"Sonst nichts?"
"Nein, nur der Zettel da."
Katrin sah sich das Papier genauer an und lachte.
"Aber natürlich bist du schon auf so einen Ulk reingefallen. Weißt du noch, als ich dir weis machte, es gäbe keine Zeitung, weil der Zusteller in Urlaub gefahren wäre?"
"Wie könnte ich das je vergessen. Es war der erste Tag, an dem wir die Zeit nutzten um uns ausgiebig zu unterhalten." Frank strich zärtlich über Katrins Handrücken und fügte noch hinzu. "Uns beiden hat das sehr gut getan. Seitdem reden wir jeden Morgen miteinander, Es ist zu einer Gewohnheit geworden, die ich nicht mehr missen möchte".
"Bevor du ins Büro gegangen bist, schob ich dir dann doch noch die Zeitung unter die Arme."
"Weil du befürchtet hattest, dass meine Kollegen mich wegen dieses Scherzes auslachen würden". Frank ging um den Tisch herum und umarmte seine Frau liebevoll.
"Also, was grämst du dich dann? Es ist nur ein Zettel, weiter nichts".
"Mir kommt er wie ein Hilferuf vor. Ich werde das Gefühl nicht los, das mehr dahinter steckt, als es den Anschein hat".
"Und was willst du jetzt machen?"
Unschlüssig zuckte Frank mit den Achseln. "Keine Ahnung. Wenn wenigstens eine Adresse oder Telfonnummer drauf stehen würde, dann könnte ich erfahren, was das ganze soll. Aber so?"
"Denk einfach nicht mehr darüber nach, du verdirbst dir sonst den ganzen Tag".
Die Zeit verging wie im Fluge und sie mussten das Gespräch beenden.
Frank spülte mit einem Schluck Kaffe den letzten Bissen seines Frühstücks herunter und machte sich auf den Weg zur Arbeit.
Beinahe hätte er die merkwürdige Frage ganz vergessen, wenn ihm auf der Heimfahrt nicht ein Kerl aufgefallen wäre, der mit einem Stapel Papier in der Hand, aus einem Mietshaus kam.
Er sah wie ein Obdachloser aus, der irgend etwas in die Briefkästen der umliegenden Häuser warf
Franks Neugier war geweckt. Er parkte seinen Wagen und ging zu dem Mann.
"Verzeihen Sie, darf ich Mal sehen, was Sie da gerade verteilen?"
Der Angesprochene blieb stehen und hielt Frank eines der Blätter hin.
"Ich kenne diesen Zettel. Heute morgen lag einer von ihnen in meinem Briefkasten. Warum machen Sie das? Welchen Sinn hat es, wenn niemand auf Ihre Frage antworten kann?"
Der Fremde lächelte und sagte mit angenehm klingender Stimme: "Mir reicht es schon aus, wenn die Leute aufmerksam werden und am ersten April nicht alles für bare Münze nehmen, was ihnen gesagt wird. Sind sie schon Mal in den April geschickt worden?"
"Ja", antwortete Frank. "Das letzte Mal von meiner Frau und ich muss sagen, dass wir heute noch darüber lachen."
"Dann haben Sie sehr viel Glück gehabt. Bei mir war das anders. Ich habe alles dabei verloren. Frau, Kinder, mein Heim, den Beruf, sogar meine Freiheit, nur weil ein früherer Freund von mir seinen Spaß machen wollte und ich ihm glaubten schenkte".
"Wenn Sie erzählen möchten, was Ihnen zugestoßen ist, dann lade ich Sie zum Essen ein. Bestimmt haben Sie Hunger", schlug Frank voll Mitgefühl vor.
Traurig lehnte der Obdachlose ab.
"Sehen Sie mich doch Mal genauer an. Während er redete zog er den Stoff seiner Hosenbeine auseinander und sah an sich herunter. "So, wie ich aussehe, fliege ich überall hinaus".
"Auch im Burgerladen?"
"Auch da. Angeblich verdirbt mein Anblick anderen Gästen den Appetit."
"Dann werde ich halt hineingehen und bringe Ihnen was Leckeres mit. Sie können sich in der Zwischenzeit auf eine Parkbank setzen und auf mich warten. Aber bitte nicht weggehen, ich bin gleich wieder da."
Frank kaufte für den Mann zwei doppelte Burger mit Speck, eine Riesenportion Pommes und einen großen Becher Cola.
Als er aus dem Schnellimbiss trat, war sein Gesprächspartner tatsächlich noch da.
"Hier, das alles ist für Sie, lassen Sie es sich schmecken".
Nachdem der Mann aufgegessen hatte, fing er an zu erzählen.
"Ich heiße Andreas und habe eine Ausbildung als Maurer. Es ist ein guter Job, man verdient eine Menge Geld dabei. Leider wird auf der Baustelle auch viel Bier getrunken. Dass ich langsam zum Alkoholiker wurde, wollte ich nicht wahr haben. Wenn Evi, meine Frau, Andeutungen darüber machte, wurde ich aggressiv und habe auch manchmal zugeschlagen." Die Augen von Andreas wurden feucht und seine Stimme begann zu zittern.
"Ich wollte ihr nicht weh tun, glauben Sie mir, ich liebte doch meine Frau. Es kam einfach so über mich, ich konnte es einfach nicht kontrollieren.
Je öfter ich sie schlug, desto tiefer sank meine Hemmschwelle. Mein Gott, warum hat sie mir immer wieder verziehen, warum ist sie nicht davon gelaufen?" In einem Anflug von Verzweiflung verbarg Andreas sein Gesicht mit den Händen.
"Jedenfalls sah ich es bald als ganz normal an, sie so zu behandeln. Ein richtiger Mann, der lässt sich von seiner Frau nichts sagen, vor dem muss sie kuschen. Das war damals meine Meinung."
"Was hat das alles mit dem ersten April zu tun?", fragte Frank, denn er konnte solche Rechtfertigungen nicht akzeptieren.
"Abwarten, das kommt gleich.
Es war an so einem verdammten erster April, als ich mit meinen Kumpels in der Kneipe saß. Plötzlich sagte Heinz zu mir, dass er Evi gesehen hätte, wie sie sich von so einem geschniegelten Kerl abschlecken ließ. Schäumend vor Wut eilte ich nach Hause. Evi öffnete die Tür. Noch bevor sie Hallo sagen konnte, schlug ich ihr mit der geballten Faust ins Gesicht. Hure - wer ist der Kerl, mit dem dich Heinz gesehen hat? Meine Frau wusste nicht, was in mich gefahren war und stritt alle Vorwürfe ab. Das machte mich nur noch rasender. Ich prügelte auf sie ein, bis Evi am Boden lag. Selbst dann noch ließ ich nicht von ihr ab, sondern versetzte ihr mehrere Fußtritte. Vom Krach wach geworden, standen plötzlich meine Kinder im Flur und weinten.
Ab ins Bett, sonst bekommt ihr auch noch was ab!, schrie ich sie an. Nachdem ich mich abgeregt hatte, legte ich mich hin und schlief gleich ein.
Was danach kam, erlebte ich wie in einem Albtraum. Heimlich hatten meine Kinder die Polizei informiert, denn ihre Mutter lag immer noch regungslos auf dem Boden. Für Evi kam jede Hilfe zu spät, ich hatte sie todgeprügelt. Natürlich wurde ich gleich festgenommen. Das konnte nicht wahr sein, ich bin doch kein schlechter Kerl und liebe meine Frau, hämmerte es mir immer wieder durch den Schädel. Am schlimmsten war für mich, was in der Gerichtsverhandlung zu Tage kam.
Meine Frau war niemals fremd gegangen. Heinz wollte nur einen Aprilscherz mit mir machen. Angeblich konnte er nicht ahnen, dass ich auf Grund seiner Anschuldigung derart ausrasten würde. Er hatte mich immer als guten Kumpel angesehen, der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte. So jemand schlägt doch keine Frau.
Noch nicht Mal eine Entschuldigung kam über seine Lippen. Er tat so, als würde ihn das, was er mit seinem Geschwätze angerichtet hatte, nichts angehen".
"Und was ist mit Ihren Kindern geschehen?", fragte Frank sichtlich erschüttert
"Um die Kleinen hat sich das Jugendamt gekümmert. Sie litten unter einem schweren Trauma, weil sie mit ansehen mussten, wie ihre Mama starb. Aber so ein Seelenklempner hat das prima wieder hin gekriegt. Er sorgte auch dafür, dass sie von einer Pflegefamilie aufgenommen wurden. Nachdem ich meine Strafe abgesessen hatte wollte ich mit ihnen Kontakt aufnehmen, doch meine Kinder sehen mich nicht Mal mehr mit dem Arsch an. Womit habe ich das verdient? Ich bin doch ihr Vater. Zählt das denn gar nichts mehr?"
Frank hatte genug gehört. Er konnte das Selbstmitleid dieses Menschen nicht mehr ertragen. Ohne sich zu verabschieden ging er zum Auto und fuhr nach Hause.







Fund mit schwerwiegenden Folgen

In diesem Jahr verbrachten meine Familie und ich einen wunderschönen Urlaub in der Türkei. Kurz vor der Abreise gingen wir noch ein letztes Mal an den Strand, wo wir mit Bedauern Abschied von der schönen Umgebung nahmen. Unsere Jungs wollten Muschelschalen einsammeln und als Andenken nach Hause mitnehmen. Ich war strikt dagegen, denn ich befürchtete, dass sich ihr Meeresgeruch bei dieser Hitze und im verschlossenen Koffer, zu einem fürchterlichen Gestank verändern würde. Diesen wollte ich auf keinem Fall an unseren Kleidern haften lassen. Merkwürdigerweise nahmen die Kinder meine Einwände widerspruchslos an. Das hätte mich von Anfang an stutzig machen müssen.

Schon am Abend machten wir unser Gepäck bereit. Die Jungs halfen eifrig dabei. Ich führte diese Hilfsbereitschaft auf ihr Heimweh zurück und darauf, dass sie es kaum noch erwarten konnten, mit Freunden ausgiebig über ihre Reiseerlebnisse zu reden. - Heute wundere ich mich darüber, wie naiv ich gewesen war.
Die Vorbereitungen verliefen wie geplant. Ein Reisebus brachte uns pünktlich zum Flughafen. Wir mussten keine unangenehmen Wartezeiten hinnehmen, bis unser Gepäck routinemäßig vom türkischen Zoll untersucht wurde.
Mit eiserner Miene zog ein Beamte zwei kleine Sandsteingebilde aus meinem Koffer hervor, die sich zwischen BHs und Slips befanden und von denen jedes Einzelne nicht größer als eine Kinderfaust war. Jetzt rächte es sich, dass niemand von uns Türkisch verstand. Noch nie in meinem Leben zuvor hatte ich diese Dinger gesehen. Doch wie sollte ich das erklären? Auch mit besten Sprachkenntnissen würde mir niemand glauben.
Wie aus dem Nichts erschienen zwei Militärpolizisten, die mich in die hinteren Räume abführten. Ich wurde kreidebleich. Mein Mann wollte folgen, doch er wurde mit Gewalt zurückgedrängt.
"Ich verständige sofort das Deutsche Konsulat!", rief er aufgeregt. Dann schloss sich die Tür hinter mir und ich war alleine den fremdländischen Behörden ausgeliefert.
Als sich die Beamten davon überzeugt hatten, dass ich kein Türkisch sprechen konnte, stellten sie mir einen Übersetzer zur Verfügung. Aus dessen Mund erfuhr ich, dass man mir unerlaubte Ausfuhr von türkischem Kulturgut vorwarf. Ein Verbrechen, das in der Regel mit 10 bis 15 Jahren Gefängnis bestraft wird.
"Was ist mit meinem Mann und den Kindern?"; fragte ich besorgt.
"Ihre Familie musste mit der nächsten Maschine nach Hause fliegen. Wir haben ihnen keine weitere Aufenthaltserlaubnis erteilt", erhielt ich als Antwort.
Wenigstens sind die Kinder in Sicherheit, dachte ich und vertraute darauf, dass mein Mann von zu Hause aus alle Hebel in Bewegung setzen wird, um mich hier herauszuholen. Ich sehnte mich nach Ruhe, um das Geschehen verarbeiten zu können.
"Keine Angst, Ruhe werden sie noch genug bekommen. Mehr, als ihnen lieb ist. Ich fahre mit ihnen im Polzeiwagen in die Haftanstalt, damit sie wissen was auf sie zukommt und was man von ihnen erwartet."
"Machen sie das eigentlich öfter?", fragte ich erstaunt.
"Zuweilen schon und da in ihrem Fall die Deutsche Botschaft meine Kosten übernimmt, verdiene ich ganz gut dabei", erwiderte er mit breitem Grinsen.
Zuerst fand ich, dass mein Übersetzer ein widerlicher Blutsauger sei, der das Unglück ausländischer Touristen ausnutzt, um daraus Geschäfte zu machen. Doch sehr bald machte ich die Erfahrungen, dass dieser Eindruck von ihm falsch war.
Als ich die Zelle des Türkischen Gefängnisses betrat, blieb mir der Atem stehen. So einen Gestank gab es in Deutschland höchstens noch auf einer ungenehmigten Müllkippe. Die Wände waren teilweise mit Kot beschmiert und an jeder Ecke sah man gelbe Streifen, die vom Urin stammten, der an ihnen heruntergelaufen war. Eine Toilette gab es nicht, nur einen Eimer, in dem man seine Notdurft verrichten sollte. Hilfesuchend sah ich den Übersetzer an, der sogleich beruhigend auf mich einsprach.
Er werde sein möglichstes tun, damit man mich in einen besseren Raum unterbringt, doch etwas Geduld müsse ich noch aufbringen. Ich solle mich nur auf ihn verlassen und auf keinem Fall randalieren, dann würde alles Gut werden.
Der Mann hatte Nerven! Wusste er eigentlich wovon er sprach?
Als sich die Zellentür hinter mir schloss, geriet ich in Panik. Hemmungslos schluchzte ich vor mich hin, bis regelrechte Weinkrämpfe mich erfassten. Zuweilen schrie ich so laut, dass meine Stimmbänder versagten und nur noch ein krächzen zu vernehmen war. Doch irgendwann gingen auch diese Anfälle vorbei und ich saß apathisch auf einem schmutzigen Klappbett, das mit rostigen Eisenbändern festgedübelt, an der Wand hing. In diesem Zustand verlor ich völlig mein Zeitgefühl. Auf einmal öffnete sich die Tür und der Übersetzer, er hieß Achmed, kam freudestrahlend, eine dampfenden Schüssel in der Hand haltend, zu mir.
"Morgen schon werden sie verlegt. Das ist außergewöhnlich schnell gegangen. Ich habe dem Direktor erzählt, dass morgen ein Vertreter ihrer Botschaft mit ihnen sprechen will und da die Türkei vollwertiges Mitglied der EU werden möchte, macht es keinen guten Eindruck, wenn Bürger aus diesen Staaten nicht dem europäischen Standard gemäß untergebracht sind. - Ist das keine gute Nachricht? Nun essen sie erst einmal ihre Schüssel leer. Ich hoffe es schmeckt ihnen, was meine Frau gekocht hat. Es wird alles gut, habe ich ihnen das nicht schon einmal gesagt?"
"Ihre Frau hat das gekocht? Gibt es denn hier keine Gefängnisküche?"
"In den ersten drei Tagen sind die Häftlinge auf ihre Angehörigen angewiesen, danach bekommen sie ein karges Mahl. Es sei denn, sie haben den Direktor bestochen. Mit Geld geht alles. Hier, wie auf der ganzen Welt."
"Und der Vertreter der Botschaft kommt wirklich morgen hier her?"
"Ja glauben sie, wegen ihnen riskiere ich meinen guten Ruf bei der Gefängnisleitung? Sie haben Glück, dass sie nicht wegen Rauschgiftbesitz festgenommen wurden. Sonst hätte ihr Botschafter nicht so schnell reagiert. Aber dieser Fall scheint ihn zu interessieren. Wie gesagt, sie haben unglaubliches Glück. Jetzt muss ich aber gehen, meine Familie wartet auf mich. Guten Appetit, wir sehen uns morgen wieder."
So unerwartet wie Achmed gekommen war, genauso schnell verschwand er auch. Doch mit seinem Erscheinen hatte sich etwas Entscheidendes für mich geändert. Ich fühlte mich nicht mehr so allein gelassen und schöpfte Hoffnung, dass dieser Albtraum bald zu Ende gehen würde.
Der Duft aus der Schüssel roch verführerisch. Ich bekam Hunger und aß das wohlschmeckende Gemüse mit Fleischbeilage bis auf den letzten Bissen auf. Meinen Durst löschte ich mit dem Wasser, das aus einem einfachen Wasserhahn lief, der in Kniehöhe aus der Wand hervorlugte. Moslems müssen sich vor dem Beten rituell waschen. Deshalb gibt es hier Wasser und die Installation ist noch intakt, dachte ich und dankte Mohammed für sein strenges Gebot. Dann legte mich auf die dreckige Pritsche. Voller Sorge ließ ich den ganzen Tag revue passieren und schlief irgendwann ein.
Am nächsten Tag musste ich nicht lange warten, bis man mich in eine andere Zelle verlegte.
Welch ein Unterschied! Sie sah aus, als wäre sie extra für mich renoviert worden. Frische weiße Laken lagen korrekt gefaltet auf meinem Bett und im Raum stand sogar ein Stuhl mit einem kleinen Tisch. Kurz nach dem Frühstück (Ziegenkäse, schwarze Oliven und Fladenbrot), kam auch ein Vertreter der Deutschen Botschaft zu mir.
Nach der Begrüßung informierte er mich gleich, dass das ganze auswärtige Amt mit meinem Fall beschäftigt sei. Ich müsse mir keine Sorgen machen, der beste Anwalt stünde zu meiner Verfügung. Inzwischen habe man auch mit dem zuständigen Kriminalkommissariat meiner Heimatstadt Verbindung aufgenommen. Dieses habe eine eidesstattliche Erklärung per Fax geschickt. Darin stand, dass meine Kinder die Steine am Strand gefunden hatten und aus Angst davor, dass ich ihnen verbieten würden sie als Andenken mit nach Hause zu nehmen, in meinen Koffer versteckten.
"Na, dann hat sich ja der ganze Sachverhalt aufgeklärt," sagte ich erleichtert. "Wann komme ich hier frei und darf nach Hause?"
"Ganz so einfach ist das nicht," erwiderte der deutsche Staatsdiener. "Schließlich wird ihnen ein schweres Verbrechen zur Last gelegt. Ich konnte aber für sie erreichen, dass sie aus dem Gefängnis vorläufig entlassen und in einem Hotel, ganz in der Nähe, untergebracht werden. Natürlich stehen sie unter polizeilicher Beobachtung und wenn sie telephonieren, dann wird ihr Gespräch von der Staatssicherheit abgehört. Aber es ist immer noch besser, als in diesem Loch zu versauern."
Loch sagte er zu dieser Zelle. Er hätte mal sehen sollen, wie es dort aussieht, wo ich die letzte Nacht verbringen musste!
Freudig und zuversichtlich verließ ich in seiner Begleitung das Gefängnis und erreichte ein einfaches, aber sehr sauberes Hotel, wo man mich schon erwartete.
"Was schätzen sie, wie lange wird es noch dauern, bis ich nach Hause darf?", fragte ich hoffnungsvoll."
Das kann ich nicht sagen. Sollte alles wie gewünscht verlaufen, dann rechne ich mit ein bis zwei Monaten. Wir werden eine Expertise erstellen lassen, die klärt, welches Alter die Steine haben und ob man sie überhaupt zum türkischen Kulturgut zählen kann. Außerdem ist es für ihre Glaubwürdigkeit enorm wichtig, dass diese Objekte Spuren von Meersalz enthalten.
Dann kommt es natürlich auch noch darauf an, dass der Staatsanwalt keine Einwände erhebt. Sollte er sich bockbeinig stellen, dann wird er Gegenexpertisen beauftragen, die den Prozess auf unbestimmte Zeit hin verlängern."
Das war keine gute Nachricht. Zwar lebte ich wieder unter menschenwürdigen Bedingungen, doch ausgestanden war die Affäre noch lange nicht.
Am Abend besuchte mich Ahmed mit mehreren Zeitungen unter seinem Arm und las vor, was die türkischen Medien über mich berichteten. Er war ganz stolz darauf, wurde mein Fall doch in einer Weise hochgespielt, dass ich eine gewisse Berühmtheit erlangt hatte.

War das nun gut für mich, oder schlecht, ich wusste es nicht.
Von zu Hause aus informierte mein Mann die Deutsche Presse, gab Interviews und kam sogar ins Fernsehen. Langsam aber sicher weitete sich der Fund meiner Kinder zu einer politischen Angelegenheit aus, die der türkischen Regierung unangenehm wurde. Deshalb übten einflussreiche Politiker Druck auf den Justizapparat aus. Zwei Wochen später erhielt ich meinen Pass zurück und wurde in die nächstbeste Maschine nach Frankfurt gesetzt. - Ganz ohne Gerichtsurteil.
Die besagten Steine durfte ich mitnehmen. Sie steckten in einem Plastikbeutel, der mit einem Zollsiegel versehen war und auf dem eine ausdrückliche Genehmigung der türkischen Kulturbehörde klebte.





Wenn Kinder groß werden

"Ich weiß nicht, was mit unserem Mädchen los ist. Ihre verrückte Schwärmerei für diese moderne Boy-Groupe macht mich ganz hilflos. Ich kann damit nichts anfangen. Sarah braucht nur den Namen von einem dieser Jungs hören und schon ist sie wie weggetreten. Dann verdrehen sich ihre Augen, ihre Gesichtszüge werden ganz weich und sie lächelt so entrückt, als würde sie nicht mehr mitten unter uns auf dieser Erde weilen. Dabei, - was ist denn schon dran an diesen halbgaren Geschöpfen der Musikbranche. Fünf pubertäre Möchtegernsänger trällern ein einfaches Liedchen und tanzen dazu was das Zeug hält. Zugegeben, die Choreographie ist Spitze. Aber das ist dann auch schon alles. Dies alleine kann doch nicht der Grund sein, warum mir unsere Kleine entgleitet. Sie ist doch erst dreizehn. Sag du doch auch mal was dazu."

Lächelnd legte Hannelore ihren rechten Arm um die Schulter ihres Mannes. "Sei ganz ruhig, das gibt sich wieder. Unser Kind wird halt erwachsen. Dies ist eine schwierige Zeit für sie. Es heißt nicht umsonst, dass man in der Pubertät weder Fisch noch Fleisch ist. Die jungen Leute schaffen sich eigene Werte, doch sie wissen noch gar nicht, worauf es ankommt im Leben. Solange sie nur für ihre Stars schwärmt, können wir noch froh sein. Glaube mir."

"Aber das ist doch nicht normal, dieses ganze Verhalten. Wenn ich diese Boy-Groupe im Fernseher sehe und diese kreischenden Hühner dazu, dann wird mir ganz schlecht. Glaubst du unsere Sarah würde sich auch so aufführen, wenn sie in so ein Konzert ginge?"
"Sie wird. Da bin ich mir ganz sicher."
"Dann muss ich zusehen, dass es nicht dazu kommt." Entschlossen wollte Gerd das Gespräch beenden, doch er hatte die Rechnung ohne seine Frau gemacht.
"Was soll denn das schon wieder heißen? Gibt es da etwas, dass ich wissen sollte?" Hannelore kannte ihren Mann nur zu gut, um ihn so davonkommen zu lassen.
"Ja, - ich hätte es dir schon noch gesagt," gab Gerd etwas kleinlaut zu. "Heute morgen fragte mich Sarah, ob sie mit ihrer Freundin Karla in so ein Konzert gehen dürfte. Karlas Mutter würde beide begleiten, denn sie fände diese Band auch ganz toll. Aber ich will nicht, dass sich Sarah wie so eine durchgedrehte Zicke benimmt. Ich würde mich in Grund und Boden schämen, wenn ich bei einer Aufzeichnung des Konzerts meine Tochter wiedererkennen müsse, wie sie mit verheultem Gesicht immer wieder den Namen von so einem Kerl ruft. Kannst du das verstehen?"
"Und weil du glaubst, du würdest dich blamieren, willst du Sarah die Teilnahme verweigern. Das sehe ich doch richtig. Oder?"
"Was heißt hier verweigern. Wie stehe ich denn da, wenn sie einer sieht, der uns kennt? Ich kann mir schon jetzt die hämischen Bemerkungen vorstellen, die dann kommen werden. Von wegen guter Erziehung und so."
"Sag mal, um wen geht es hier eigentlich. Um dich, oder um unsere Tochter?"
"Um uns alle. Um die ganze Familie."
"Jetzt hör mir mal gut zu. Die ganze Familie besteht aus vier Personen. Du, ich, Kim und Sarah. Unsere Kinder sind Gott sei dank jetzt groß genug, um auch ein Wörtchen mitreden zu können, wenn es um die ganze Familie geht. Die Zeiten, in denen du glaubtest alleine bestimmen zu können, wo es lang geht, sind ein für alle mal vorbei. Unnötig zu erwähnen, dass es diese Zeiten nie gab. Also komm von deinem hohen Ross herunter und lass uns gemeinsam darüber reden."
Dass seine Frau ihn wie einen Despoten hinstellte tat Gerd weh. Immer hatte er sich bemüht die Wünsche und Bedürfnisse seiner Lieben mit einzubeziehen. Doch auch in der demokratischsten Familie gab es ab und zu Situationen, in denen einer bestimmen musste, wie es weiterging. Oft genug war Hannelore geradezu erleichtert, ihm die Entscheidung überlassen zu können. Gerd hatte sich in dieser Hinsicht nun wirklich nichts vorzuwerfen.
"Ja was glaubst du denn, was wir hier machen? Reden wir nicht schon die ganze Zeit darüber?"
"Bist du auch bereit dir anzuhören, was in Sarah gerade vorgeht?"
"Komm. Hör aber auf. Ich war doch bis jetzt noch immer bereit mir deine Argumente anzuhören. Oder?"
"Wie ich bereits sagte, ist Sarah mitten in der Pubertät. Da gibt es Zeiten, in denen sie sich selbst nicht richtig leiden kann. Sie findet sich dann zu dick, zu hässlich und unverstanden. Hauptsächlich unverstanden, das ist ihr größtes Problem. Ihr Körper ist dabei sich zu verändern, ihre Hormone spiegeln ihr vor bereits eine Frau zu sein, doch die Umwelt behandelt sie immer noch wie ein Kind. Folglich flüchtet sich Sarah in eine Traumwelt. Dort sucht sie jene Anerkennung, die sie bei den Erwachsenen so schmerzlich vermisst. Du und ich, wir haben beide keinen Zutritt zu ihren Träumereien. Wir sind es ja, welche sie, ihrer Meinung nach nicht richtig ernst nehmen. Du wirst noch öfters von ihr zu hören bekommen, dass wir ja keine Ahnung haben. Dieses Durcheinander der Gefühle nutzt die Musikbranche skrupellos aus. Es ist nicht wichtig, wenn die Stars keine gute Stimmen haben. Mit der heutigen Technik kann auch der miserabelste Sänger einen Hit landen. Gut aussehen müssen die Jungs und sich bewegen können. Mit viel Geld für Werbung und Styling werden dann aus gewöhnlichen Sterblichen jene Traumprinzen, die für kurze Zeit auf allen Radiosendern zu hören sind."
"Um so mehr Grund zu verhindern, dass Sarah für so einen Unsinn Geld ausgibt."
"Du hast mich nicht richtig verstanden. Verkauft werden Träume, keine Tatsachen. Diese Träume sind enorm wichtig für die jungen Leute. Auch für unsere Tochter. Sie sind Bestandteile ihres langen Weges zum Erwachsenwerden. Verbieten kannst du ihre Träumereien sowieso nicht, doch wenn du sie behinderst, dann riskierst du, dass Sarah dich vollends ablehnt. Der Schaden, den du damit anrichten würdest, wäre nur schwer wieder gut zu machen. Was ist denn schon so schlimm daran, wenn Sarah auf dieses Konzert geht und sich benimmt wie jeder andere Teenager auch? Karlas Mutter ist doch dabei. Sie ist eine vernünftige Person und wird schon auf die beiden aufpassen. Ich setze da größtes Vertrauen in sie."
"Wie kommt es nur, dass ich das Gefühl habe, von dir erpresst zu werden?"
"Wieso erpresst? Wie kommst du denn darauf?"
"Na ja, - entweder ich stimme zu und lasse Sarah sich benehmen wie eine Irre, oder ich bin der Rabenvater, der seine Tochter in ihrer Entwicklung behindert."
Hannelore lächelt.
"Ich habe niemals gesagt, dass du ein Rabenvater bist. Es ist nur so, dass du als Mann mit der Psyche eines jungen Mädchens nicht zurechtkommst. Ich habe es da einfacher. Ich war ja selbst einmal ein junges Mädchen und kann mich viel leichter in sie hineinversetzen."
"Na gut. Du hast gewonnen und Sarah soll ihren Willen haben. Aber mir gefällt die ganze Sache ganz und gar nicht."
"Warte es mal ab, wenn du ihr sagst, dass sie mitdarf. Sie wird dir um den Hals fallen und dir bestätigen, du wärst der beste Vater auf der ganzen Welt bist. Wollen wir wetten?"
"Schon gut, schon gut. Ich will jetzt nichts mehr davon hören. Gott sei Dank, dass wir nur eine Tochter haben. Kim ist da ganz anders. Er macht nicht solche Probleme wie Sarah. Bis auf den Stimmbruch habe ich von seinen Pubertätsproblemen noch nichts bemerkt."
"Du nicht, aber ich schon."
"Wieso, was war denn anders?"
"Merkst du denn gar nicht, wie aufsässig Kim mir gegenüber geworden ist? Ist es dir wirklich entgangen, welche Schwierigkeiten ich habe, mich bei Kim durchzusetzen?"
"Na ja, - schon. Aber das ist doch ganz normal. Der Junge wird erwachsen und sucht seinen eigenen Weg. An wen sollte er sich denn sonst messen, außer an dir? Bei mir traut er sich nicht, freche Antworten zu geben. Da weiß er ganz genau, notfalls gibt's was hinter die Löffel. Wenn er es aber übertreibt, dann sage es mir ruhig. Ich werde dem Kater schon zeigen, welchen Platz er hat."
Hannelore lächelt amüsiert.
"Und du willst nichts von Kims Pubertät bemerkt haben."
"Ich muss gestehen, so herum habe ich es noch nicht gesehen". Ehrlich gesagt, habe ich mir noch gar keine Gedanken darüber gemacht. Für mich war Kims Verhalten bis jetzt vollkommen normal."
"Pubertät ist vollkommen normal."
Dieses Gespräch ging noch eine ganze Weile weiter. Es tat Hannelore und Gerd gut, sich über ihre Kinder unterhalten zu können. Mit jedem weiteren Satz spürten sie ihre gemeinsame Verantwortung gegenüber den jungen Leuten. Bei dieser Unterhaltung kam aber noch etwas ganz anderes zum Vorschein. Das Wissen, eine gute Ehe zu führen. Trotz aller verschiedenen Auffassungen, trotz ihrer unterschiedlichen Erfahrungsbereiche merkten sie deutlich, wie sehr sie zusammen gehörten. Sie hatten ein Ziel erreicht, dass viele Menschen zwar anstreben, doch nur selten erreichen.
Wochen später kamen Gerds Eltern zu Besuch. Wie üblich, brachten sie für jeden ihrer Enkel ein kleines Geschenk mit. Nachdem Kim und Sarah sich artig bedankt hatten, versuchten sie, sich so schnell wie möglich aus dem Staub zu machen. Es war den jungen Leuten ein Graus mit am Tisch zu sitzen und sich bei Kaffee und Kuchen das Gerede der Alten anhören zu müssen. Was wussten die schon von den Problemen, mit denen sie fertig werden mussten? Heutzutage war doch alles ganz anders. Die Welt der heutigen Jugend konnte man doch nicht mit dem vergleichen, was ihre Eltern damals erlebten.
Gerd war zwar sauer über das Benehmen seiner Kinder, doch weil seine Mutter beruhigend auf ihn einredete, ließ er Sarah und Kim in Frieden ziehen.
Kaum hatten die jungen Leute das Haus verlassen, erwähnten Hannelore und Gerd das Gespräch, welches sie vor kurzer Zeit untereinander geführt hatten. Gerd wollte wissen, ob er seiner Mutter früher auch solche Schwierigkeiten bereitet hatte.
Die Antwort fiel ganz anders aus, als er erwartete.
"Was ihr gerade mit euren Kindern erlebt, ist noch lange nicht das Schlimmste. Ihr habt sie beide sehr gut erzogen, das kann man ruhigen Gewissens sagen, doch gegen die Natur kommt auch ihr nicht an. Sarah und Kim entwickeln sich von nun an völlig verschieden. Während Sarah sich ganz ihren Träumen hingibt und nach einem Prinzen Ausschau hält, der sie aus ihrer vermeintlich zu eng gewordenen Welt erlöst, sieht sich Kim als Gefangener der Normalität. Kim ist überzeugt davon, dass viel mehr in ihn steckt, als man ihm allgemein zutraut. Man müsste ihn nur machen lassen, dann würde er es schon allen beweisen. Nur was man ihn machen lassen sollte, das weiß er selbst nicht ganz genau. Sarahs Helden sind gut frisiert und sanft. Sie umschmeicheln ihre verletzliche Seele und schweben mit ihr in den siebten Himmel. Kims Helden sind hart und stark. Sie sind geboren zum Kämpfen. Keiner kann ihnen das Wasser reichen, denn sie bekommen immer alles, was sie wollen. Und sie wollen alles. Macht, Geld, Frauen, Freiheit. Jeder, der ihnen im Wege steht, wird automatisch zu ihrem Feind. Und Feinde bekämpft man, das ist doch klar.
So leben Jungs und Mädchen in zwei völlig verschiedenen Welten, von denen eine nichts von der anderen weiß. Das ist weiter nicht schlimm, solange sie nebeneinanderher leben. Gefährlich wird es erst, wenn beide Welten aufeinander treffen. Dies passiert immer dann, wenn sich sehr junge Leute ineinander verlieben, die noch keine Lebenserfahrung haben. Die junge Dame sieht endlich ihren Retter gekommen, mit dem sie ihrem tristen Alltag entfliehen kann. Sie glaubt, ohne ihn nicht mehr leben zu können. Doch in Wirklichkeit liebt sie nur sich selbst und ihre eigenen Träume.
Der junge Mann erkennt seinerseits nur, dass dieses junge Geschöpf ihn hingebungsvoll verehrt. Es schmeichelt ihm, jemanden gefunden zu haben, der seine Fähigkeiten zu schätzen weiß. Bei ihr kann er sein angeschlagenes Selbstbewusstsein heilen. Endlich darf, ja er soll sogar der Held sein, den er immer schon sein wollte. Also plustert er sich auf wie ein Gockel, erfindet die wunderlichsten Geschichten und hat auch noch Erfolg damit.
Beide haben das Gefühl füreinander bestimmt zu sein. Sie sehen sich als Einheit und sind doch meilenweit voneinander entfernt. Jeder Versuch, ihnen klar zu machen, dass sie in verschiedenen Welten leben, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Es würde sie in ihrem Fehlurteil nur noch bestärken und enger zusammenschweißen."
"Was sollten wir also in so einem Fall tun?"
"Nichts. Gewähren lassen. Meist erledigt sich das Problem von selbst. Irgendwann bemerkt das Mädchen, dass ihr Held keine so große Lichtgestalt ist, wie er von sich behauptet. Dann ist es schnell vorbei. Es kann natürlich auch vorkommen, dass es dem Jungen zuviel wird, ständig den hochgestellten Erwartungen seiner Freundin entsprechen zu müssen. Dann nervt sie ihn und er versucht, sie so schnell wie möglich wieder loszuwerden. Doch egal wie, oder aus welchen Gründen auch immer diese Liebe endet, die Trennung tut immer sehr weh.
Deshalb. Seid froh, wenn Sarah nur von dieser Boy-Groupe schwärmt. Unterstützt sie, denn das ist ungefährlich und macht sie immun gegen aufgeblasene Schwätzer. Ohne Furcht ausgelacht zu werden, kann Sarah ihre Gefühle der besten Freundin mitteilen. Gemeinsam geben sie sich ihren Träumen hin und helfen sich damit gegenseitig, erwachsen zu werden. Es ist eine gute Art, die Wirren der Pubertät zu überwinden. Glaubt mir.
Und Kim? Ja Kim, unserem einsamen Streiter ist am besten geholfen, wenn er Erfolgserlebnisse verzeichnen kann. Sucht irgendetwas aus, worin er Talent hat, und unterstützt ihn darin nach Kräften. Es ist nicht wichtig, in welchem Bereich er sich profilieren will, solange er aus dem Mittelmaß heraustritt. Macht ihm klar, dass ihr sehr stolz auf ihn seid, und sollte er einmal eine Niederlage verkraften müssen, so erklärt ihm, dass Fehlschläge nichts anderes sind, als eine zusätzliche Chance zum Erfolg. Hat er dies erst einmal verstanden, so kann ihm im Leben so schnell nichts mehr erschüttern.
Doch eigentlich war es unnötig darüber zu reden, denn mit Sicherheit wärt ihr von ganz alleine drauf gekommen, was das Beste für eure Kinder ist."
Es war das letzte mal, dass die Eltern mit den Großeltern von Kim und Sarah zusammentrafen. Drei Tage nach diesem Besuch, wurde das ältere Paar in einem schweren Verkehrsunfall verwickelt. Ein Geisterfahrer, der mit seinem eigenen Leben abgeschlossen hatte, prallte frontal gegen ihren Kleinwagen. Großmutter war auf der Stelle tot, Großvater folgte seiner Frau innerhalb weniger Tage. So tragisch das Leben beider auch endete, ihre Lebensweisheit begleitete die Familie weiterhin in vielen schwierigen Situationen. Dieses Erbe war die größte und schönste Hinterlassenschaft, die Menschen einander machen konnten.




Vater - Sohn - Konflikt

Damit kein Missverständnisse entstehen, muss ich vorab etwas klären.

Vater und Sohn sprechen von einer Tour de France. Gemeint ist aber nicht das berühmte Radrennen, sondern eine bestimmte Ausbildung bei Dachdeckern, die durch ganz Frankreich ziehen, um ihre Kenntnisse zu erweitern. Doping ist bei dieser Tour erlaubt. Auf jeder Baustelle gibt es immer Bier und/oder Rotwein zu trinken.

In ganz Frankreich wird es als Ehre angesehen, wenn man die Tour de France gemacht hat. 4 Jahre lang sind die jungen Handwerker unterwegs und machen zahlreiche Zwischenprüfungen. Danach erhalten sie ein Diplom, das dem Meisterbrief entspricht. Sie dürfen selber ausbilden und/oder können als Experten vor Gericht aussagen.
In Deutschland gibt es diese Tradition auch. Da nennt man sie "auf die Walz" gehen


Ein Gespräch unter vier Augen

Dominiques Vater ist im Wohnzimmer. Er hat mit seinem Sohn ausgemacht, in Ruhe und unter vier Augen über dessen beruflichen Werdegang zu reden.
Beide machen es sich gemütlich und sitzen gegenüber.
"Ich habe lange darüber nachgedacht Dominique. Mach doch die Tour der France. Du wirst so viele unterschiedliche Patrons (Chefs) kennen lernen. Einige spinnen, führen das Geschäft unter aller Sau und andere wiederum leiten einen ordentlichen Betrieb. Es wird dir in deinem ganzen zukünftigen Leben helfen, wenn du Leute einschätzen lernst, und mehr siehst, als dir deine unmittelbare Umgebung bieten kann. Reisen bildet, das sagt man nicht umsonst "
"Nein, ich habe es dir schon einmal gesagt. Die Tour mache ich nicht!"
Der Sohn nimmt eine abweisende Körperhaltung ein. Er sitzt kerzengerade auf dem Sessel und ist auf den Sprung bereit, den Raum wieder zu verlassen.
"Aber was kannst du denn mit dem anfangen, was du bis jetzt gelernt hast? Damit wirst du nie auf einen grünen Zweig kommen."
"Sieh einer an, mein Vater weiß Mal wieder alles besser. Hättest du an meiner Stelle die Tour machen wollen?"
"Du weißt ganz genau, dass es so was in meinem Beruf nicht gibt.
Wenn du erst Mal eine feste Freundin hast, dann ist es zu spät. Ich verstehe nicht warum du dir diese Chance entgehen lässt. Das Land ist so groß. Es leben so viele Bevölkerungsgruppen hier, die alle eine andere Mentalität haben. Von den Alpen bis zum Mittelmeer, von Paris bis zur Nordsee, überall werden Dächer gedeckt und überall machen sie das anders. Deshalb gibt es ja die Tour. Außerdem kannst du dabei dein Vaterland richtig kennen lernen. Nicht als Tourist, sondern als junger Mann, der mitten unter den Einheimischen lebt und arbeitet."
"Pah Vaterland! Du bist doch Deutscher. Wieso soll Frankreich mein Vaterland sein?"
"Weil du hier geboren bist, besser französisch sprichst als deutsch und weil du einen französischen Pass hast. - Oder möchtest du zurück nach Deutschland ziehen?"
"Niemals! Hier ist meine Heimat. Ich will nicht so werden wie du."
"Wieso? Was passt dir an mir nicht?"
"Komm hör auf Papa, sonst fangen wir wieder an zu streiten."
Dominiques Vater war ein Scheidungskind, dem unbewusst vorgeworfen worden war, dass er geboren wurde. Jeder in seiner Umgebung sah auf ihn herab, als wäre er der letzte Dreck. Oft erzählte er von seiner Kindheit und machte dabei den Fehler, den Hass, den er gegen seine Mutter entwickelte, auf das ganze Land auszuweiten. Liebe und Zuneigung lernte er erst kennen, als er seine spätere Frau traf. Mit Kritik über seine Person kann er nicht umgehen, sie macht ihn aggressiv. Allein schon die Vermutung, dass jemand schlecht über ihn reden könne, tut ihm tief in seiner Seele weh.
"Sag schon. Ich will es jetzt wissen."
"Das ist es ja grade. Du willst, du bestimmst, du planst unsere Zukunft ohne zu fragen was wir wollen und wenn wir nein sagen, dann bist du gleich beleidigt."
"Ich habe einfach mehr Erfahrung als ihr, das musst du doch verstehen."
"Mama sagt immer: Erfahrungen kann man nicht lernen, man muss sie selber machen. Aber was Mama sagt gilt ja nicht. Du hältst sie für blöd."
Die Stimme des Vaters wird zittrig. Er muss sich zusammennehmen, um aufkommende Tränen zu unterdrücken.
Wie kommt sein Sohn nur dazu, ihn so falsch einzuschätzen?
"Lass Mama in Ruhe! Sie ist nicht blöd. Wir kommen gut miteinander zurecht und das nach 33 Ehejahren."
"Deshalb streitet ihr auch ständig. Meinst du ich höre nicht, wie ihr herumschreit, wenn ich im Bett bin?"
"Wer schreit hier rum? Wir unterhalten uns nur, das ist alles."
"Und wenn Mama nicht deiner Meinung ist, dann brüllst du so lange, bis sie den Mund hält und weint. Ich verstehe nicht, wie sie dich aushält."
"Das meinst du nur, in Wirklichkeit ist es ganz anders".
"So, wie denn? Alles hört auf mein Wort? Merkst du nicht, wie sehr du uns alle tyrannisierst? Patrick hast du auch schon aus dem Haus getrieben."
"Der braucht auch gar nicht mehr wieder zu kommen. Auf so einen Vollidioten kann ich gerne verzichten."
"Und was Mama dazu sagt, interessiert dich überhaupt nicht? Schließlich ist Patrick nicht nur dein Sohn, den du aus dem Haus geekelt hast, sondern auch ihrer und mein Bruder! Alle Menschen sind bei dir Idioten, nur du nicht. Ist dir noch nie der Gedanke gekommen, dass du mit dieser Einschätzung alleine auf der Welt bist? Wer ist hier der eigentliche Idiot?"
Dominiques Vater spürt, wie heiße Aggression sein Denken lähmt. Er ist es nicht gewohnt sich verteidigen zu müssen. Früher hätte er seinem Sohn eine runtergehauen, wenn er so frech zu ihm gewesen wäre. Doch Dominique ist älter und stärker geworden. Bei einer aufkommenden Prügelei könnte er verlieren und diese Schmach würde er nicht verkraften.
Dominique ist in Fahrt gekommen und spricht nun aus, was ihm schon lange auf dem Herzen liegt.
"Patrick ist kein Blödmann! Mit dir kann kein erwachsener Mensch zusammenleben, deshalb ist er ausgezogen."
"Wenn das so ist, warum bist du dann noch hier?"
"Wegen Mama. Ich hab Angst, dass sie sich etwas antut, wenn sie mit dir alleine lebt."
"Red doch keinen Quatsch. Ich bin immer für sie da, wenn sie mich braucht."
"Und treibst sie zur Verzweiflung."
Womit habe ich bloß verdient, dass mein Sohn so mit mir redet? Undank ist der Welten Lohn.
Das ist alles, was Dominiques Vater denken kann.
"Leck mich am Arsch!", schreit er deswegen eher hilflos, als wütend.
"Du mich auch", sagt Dominique, bevor er die Wohnzimmertür beim Verlassen des Raums zuknallte.




Ich denke oft an meinen Teddy


Wenn ich erwachte sah ich sogleich sein freundliches Gesicht, das mich jeden Morgen lächelnd begrüßte.
Mein Teddy.

Als Kind vertraute ich diesem Stofftier meine geheimsten Wünsche und Träume an. Für mich war der Teddybär kein lebloses Etwas. Ich sah in ihm einen stummen Freund der mich nie im Stich ließ. Seine großen, dunkelbraunen Glasaugen litten mit mir, oder jubelten, wenn es einen Grund dazu gab. Alle Gefühle, die ich ihm anvertraute, ertrug er geduldig. Sein gleichbleibendes Lächeln wirkte beruhigend auf mich und gab mir die Gewissheit nicht alleine zu sein.
Teddy und ich, wir bildeten eine verschworene Gemeinschaft gegen alle Erwachsenen, die mir immerzu sagten was ich zu tun und zu lassen hatte. Auf ihn konnte ich mich verlassen. Er verstand mich - das bildete ich mir damals jedenfalls ein. Ich liebte ihn und wollte mich niemals von ihm trennen.

Auch später, als ich erwachsen wurde, hielt ich meinem Teddy die Treue. War er früher für mich immer ansprechbar, so sah ich es als selbstverständlich an ihn nicht mit anderen Spielsachen aus meinem Leben zu verbannen. Bei jedem Wohnungswechsel musste mein stummer Freund mit. Von der kleinen Studentenbude angefangen, bis hin zu dem großen Haus, in dem mein Mann und ich uns ein würdiges Heim für unsere Familie einrichteten. Immer fand auch Teddy ein neues Zuhause an meiner Seite. Ganz dicht neben meinem Bett, so dass ich ihn sehen konnte, wies ich ihm seinen Platz zu.
Erst lächelte mein Mann über meine Marotte, dann schüttelte er verständnislos den Kopf. Dass ich den Teddybären ausgerechnet in unserem Schlafzimmer untergebracht hatte, sah er als Kinderei an. Ich versuchte ihm zu erklären was mich mit dem Teddy verband, doch wie man Solidarität gegenüber einem Stofftier empfinden konnte, blieb ihm ein Rätsel. Schließlich fand er sich damit ab, dass seine Frau einen Spleen hatte den er ihr nicht austreiben konnte.
"Wenn's weiter nichts ist. Solange du dich sonst wie ein vernunftbegabtes Wesen benimmst, soll's mir recht sein."
Mit solchen und ähnlichen Sprüchen kommentierte er mein Verhältnis zu diesem, etwas schäbig gewordenen Überbleibsel meiner Kindheit.

Mein Teddybär sah wirklich nicht mehr schön aus. Die Jahre hatten ihm übel mitgespielt. Der ehemals flauschige Stoff seines Körpers war ganz dünn geworden und wies kahle Stellen auf. Seine ursprünglich hellgelbe Farbe konnte man nur noch erahnen. Zu viele spielende Kinderhände hatten zerstörerische Spuren auf den "Pelz" hinterlassen. Hinzu kam Staub von Jahrzehnten, der ihn in Ehren ergrauen ließ. Damit der Bär nicht ganz so vergammelt aussah, zog ich ihm den kleinen Strampelanzug an, welchen ich als Souvenir an die Babyzeit meiner Kinder aufgehoben hatte. Siehe da, dieser Anzug stand meinem Teddy ausgezeichnet. In Größe und Farbe hätte ich nichts passenderes für ihn schneidern können. Von diesem Zeitpunkt an sah das Stofftier viel ansehlicher aus und ich musste seine Anwesenheit in unserem Schlafzimmer nicht länger verteidigen. Mein Mann gab es auf den Bären in den Müllcontainer werfen zu wollen. Außerdem konnte man mit ihm jetzt das wechseln von Windeln üben. - Eine Spielidee, die mir früher nie in den Sinn gekommen wäre.

Teddy blieb einige Jahre in meiner Obhut, bis mich meine Kinder inständig darum baten mit ihm spielen zu dürfen. Sie hatten genügend Spielsachen zur Verfügung. Auch Plüschtiere besaßen sie in ausreichenden Mengen. Doch dass etwas Besonderes an dem Teddybären ihrer Mutter dran sein müsse, das spürten sie instinktiv und diesem Geheimnis wollten sie auf den Grund gehen.
Was sollte ich machen?
Welche Mutter kann schon nein sagen, wenn ihre Kinder sie ernsthaft um einen Gefallen bitten?
Mein Mann war auf deren Seite. Er unterstützte sie in ihrer Überredungskunst.
"So ein Spielzeug gehört in Kinderhände, denn dafür wurde er ja schließlich hergestellt. Es wird Zeit, dass der Teddy endlich aus unserem Schlafzimmer verschwindet."
Klang so etwas wie Eifersucht in seiner Stimme mit?
Ich wollte nicht näher darauf eingehen, doch ich rang meinen Jungs das Versprechen ab, gut auf den Bären aufzupassen.
Sie gaben mir ihr heiliges Ehrenwort und eilten freudig mit der neuen Errungenschaft von dannen.

Wie ihr heiliges Ehrenwort zu bewerten ist konnte ich zwei Wochen später erfahren. Im Zimmer der Jungs fiel mir beim Bettenmachen auf, dass der Teddy zur Wand starrte. Ich drehte ihn um und sah sogleich die Bescherung. Meine Kinder hatten es fertig gebracht ihm ein Auge auszureißen.
Traurig sah mich mein Jugendfreund an. Liebevoll nahm ich ihn in die Arme, streichelte über seinen Kopf und versicherte ihm, dass ich das wieder hinbekommen werde. Ich müsse nur sein verlorenes Auge finden, dann könnte ich ihn sofort reparieren. Auf keinem Fall würde ich ihn wieder meinen Kindern anvertrauen. Sie hatten bewiesen, dass sie seinen Wert nicht zu schätzen wussten.
Fast eine Stunde lang suchte ich vergebens nach dem verlorenen Glasauge. Mir blieb nur übrig zu warten bis die Jungs aus der Grundschule nach Hause kamen und sie danach zu befragen. Die ganze Zeit über hoffte ich sie hätten das Glasauge irgendwo aufbewahrt, damit sie es zu gegebener Zeit heimlich annähen lassen konnten.
Doch ich irrte mich.

Sobald ich meine Kinder auf das ausgerissene Auge des Teddybärs hin ansprach, bekam ich freche Antworten zu hören. Ich solle mich nicht so anstellen. Das Stofftier sei sowieso schon so alt und verdreckt, es gehöre längst auf den Müll. Und überhaupt, ich benähme mich geradezu lächerlich, wie ich an diesem Ding hänge.
Papa wäre auch ihrer Meinung.
Keine Entschuldigung, kein Anflug von schlechtem Gewissen und erst recht keine Absicht den verursachten Schaden wieder gut zu machen.
Das hatte ich nun von meiner Gutmütigkeit. Wer den Schaden hat braucht für den Spott nicht zu sorgen.
Fast wären mir die Tränen gekommen, doch ich wollte den Jungs nicht zeigen wie sehr mich ihr Verhalten verletzte. Laut schimpfte ich sie aus. Ich fragte ich sie, ob sie keinen Anstand mehr besäßen, ob sie nicht verstehen können, dass der Teddybär eine Jugenderinnerung ihrer Mutter sei und was sie sich eigentlich erlauben würden in diesem Ton mit mir zu reden.
Kleinlaut gaben sie zu, dass sie schon die ganze Zeit lang nicht wussten wie sie mir den Schaden beichten sollten. Jeder drückte sich davor mir zu sagen was ihnen passiert war und jeder schob die Schuld dem anderen zu. Sie baten Papa um Hilfe, doch seine Reaktion bestand aus jenen Worten, die ich aus den Mündern meiner Kinder, gerade eben zu hören bekam.

Das hätte ich mir denken können. Mein Mann konnte den Teddy noch nie leiden. Es war bestimmt froh, dass der Bär nur noch ein Auge hatte. Dies berechtigte ihn zu der Annahme, ich würde mich endlich von meinem Stofftier trennen.
"Wo ist das Auge jetzt, ich habe die ganze Zeit nach ihm gesucht?" Fragte ich meine Jungs. Ein Achselzucken war ihre Antwort.
Hatte ich bisher noch einigermaßen die Geduld behalten, so platzte mir nun endgültig der Kragen. Zornig fauchte ich meine Kinder an. Ich drohte ihnen mich niemals mehr von ihnen überreden zu lassen und eilte wutentbrannt ins Schlafzimmer. Es fehlte nicht viel und ich hätte beiden eine schallende Ohrfeige verpasst.
Im Schlafzimmer angelangt, untersuchte ich den Teddy. Wer weiß, was sie sonst noch alles kaputt gemacht hatten. Zum Glück wies mein Freund keine weiteren Beschädigungen auf. Verletzt, doch noch lange nicht unreparierbar, lag er in meinen Armen.
"Nein Teddy, ich gebe dich nicht her. Irgendwie werde ich ein passendes Auge für dich auftreiben, du wirst schon sehen." Als könne er mich hören und verstehen, sprach ich leise vor mich hin und wurde dabei zusehendst ruhiger.
Nach ein paar Wochen intensiver Suche fand ich eine Firma, die sich darauf spezialisierte alte und beschädigte Puppen wieder aufzuarbeiten. Ein Anruf genügte und ich konnte sicher sein, dass man dort auch einem Teddybären helfen konnte. Freudig sendete ich meinen Freund an die sogenannte Puppenklinik.

Es dauerte nur eine Woche, bis ich ihn zurück erhielt. Wie hatte er sich verändert! Seine Augen waren jetzt etwas größer als früher, aber sie strahlten immer noch gütig aus dem Bärengesicht mit der markant spitzen Nase. Sein ganzer Körper war schonend gereinigt worden, er sah um Jahre jünger aus.
Zufrieden setzte ich ihn an seinen alten Platz, direkt neben meinem Bett. Nun konnte keiner mehr über ihn lästern, von wegen er wäre so schmutzig und gehöre auf den Müll.

Alles ging gut, bis ich für einige Tage ins Krankenhaus musste. Kaum war ich wieder zuhause sah ich sofort, dass der Teddy nicht auf seinen Platz saß. Verwundert fragte ich meinen Mann, wo der Bär sei und erhielt die Antwort.
"Deine Schwester war hier. Sie hatte keine Ahnung, dass Du im Krankenhaus warst. Am liebsten wäre sie auf der Stelle ins Hospital gefahren, doch sie hatte ihre Kinder dabei und du weist ja, ein Sack Fliegen zu hüten ist leichter, als diese Rasselbande unter Kontrolle zu halten. Ich bot ihr einen Kaffee an und beruhigte sie fürs erste. Wir saßen gerade gemütlich beisammen, da kamen die Kleinen ins Wohnzimmer und hielten den Teddybären im Arm. Die kurze Zeit in der ihrer Mutter die Mädchen nicht im Auge hatte nutzen sie aus, um unsere Wohnung zu durchstöbern.
Deine Schwester lächelte amüsiert, als sie den Teddy sah. Sie erinnerte sich noch sehr gut an den Bären und wie sehr du an ihm hingst. Sie war überrascht, dass das Stofftier in so einem guten Zustand war. Ich erzählte ihr von dem abgerissenen Auge und von der Puppenklinik, die den Schaden wieder beheben konnte.
Als ich den Teddy ins Schlafzimmer zurücktragen wollte, baten mich die Mädchen, ob ich ihnen den Bären für ein paar Tage ausleihen könne. Sie würden ihn bestimmt nicht kaputt machen und sobald du wieder zuhause wärst, gäben sie ihn selbstverständlich zurück.
Du kennst ja meine Meinung. So ein Spielzeug gehört in Kinderhände. Außerdem baten die Kleinen so inständig, es war mir unmöglich ihnen den Wunsch abzuschlagen."

Ich war empört. Wie konnte mein Mann den Teddybären hergeben, ohne mich zu fragen? Achtete er so mein persönliches Eigentum?
Er verstand die ganze Aufregung nicht. Verärgert bot er mir an gleich anzurufen, damit Ich meinen geliebten Teddy am nächsten Tag wieder erhielt.
Bis zum nächsten Tag wollte ich nicht warten. Ich setzte mich ins Auto und fuhr sofort zu meiner Schwester.
Unterwegs dachte ich ständig daran, dass mein Mann vielleicht doch recht hatte mit dem was er sagte. Ich benahm mich wirklich nicht wie eine erwachsene Frau. War es das wert sich wegen eines alten Stofftieres zu streiten?
Mir zuliebe hatte mein Mann die Anwesenheit des Bären in unserem Schlafzimmer geduldet. Ich wusste wie schwer ihm das gefallen war. Aber er liebte mich und wollte mir nicht weh tun.
Wäre es nicht längst an der Zeit, dass ich mich von dem letzten Rest meiner Kindheit trennte?
Hin und her gerissen von meinen Gefühlen kam in an dem Haus meiner Schwester an.

Bevor ich an der Haustür klingelte nahm ich mir vor den Teddy nicht mehr zurück zu verlangen. Er war lange genug mein Begleiter gewesen. Sollten sich meine Nichten jetzt um ihn kümmern. Ein Teddybär passte besser zu ihnen, als zu mir.
Meine Schwester öffnete die Tür und strahlte mich an. Man konnte sehen, dass sie sich aufrichtig freute mich gesund wieder zu sehen. Sie legte ihren Arm um mich und zog mich ins Wohnzimmer, um gemütlich mit mir plaudern zu können. Wir tauschten zuerst die üblichen Nettigkeiten aus, dann lenkte ich das Gespräch auf den Teddy.
"Hm...., ja, ähm... der Teddybär," verlegen drückte sich meine Schwester herum. Es fiel ihr sichtlich schwer auszudrücken, was sie mir sagen wollte."Weist du, zu dem Teddy muss ich dir unbedingt etwas sage.
Ich wollte einkaufen und da die Kinder so schön mit dem Bären spielten dachte ich, ich könne sie ruhig für ein paar Minuten alleine lassen. Als ich zurück kam war meine Jüngste gerade dabei ihn zu baden."
Ein schmerzlicher Schreck durchfuhr mich.
"Aber das geht doch nicht, er ist doch mit Holzwolle ausgestopft. So einen Teddybären kann man nicht waschen!"
"Das weiß ich auch, doch meine Kinder wussten es nicht. All ihre Plüschtiere kann ich waschen. Die meisten wasche ich sogar in der Waschmaschine," antwortete meine Schwester.
Mir stieg das Blut in den Kopf. Unter allergrößter Beherrschung fragte ich so ruhig, wie es mir möglich war. "Wo ist der Teddy jetzt?"
"Ach, der" erhielt ich als Antwort, "die Holzwolle hatte sich voll mit Wasser aufgesogen. Durch das Gewicht rutschte die ganze Füllung in den unteren Teil des Körpers. Der Kopf des Bären hing richtig schlaff herunter. Außerdem hinterließ das austretende Wasser unschöne Flecken auf dem gelben "Pelz". Ich konnte den Teddy nicht mehr retten und habe ihn weggeworfen."