Inhalt:

Eine mysteriöse Uhr
Eissterne
Verpatztes Volksfest
Ärger im Kinderheim
Revanche am Weihnachtsfest


Die Uhr.

 

In einer Nebenstraße, hinter dem größten Kaufhaus der Stadt, hatte Bernhard Schwarzer ein kleines Uhren-Geschäft eröffnet. Hinter dem Verkaufsraum befand sich eine Werkstadt, in der er Reparaturen durchführte. Viel Kundenverkehr hatte er nicht. Die wenigsten Leute wussten, dass sich ein Uhrmacher nahe der lärmenden Hauptstraße niedergelassen hatte. Wer jedoch seinen Laden betrat, den empfing eine seltsam beruhigende Atmosphäre. Alle Hektik fiel von der Welt ab, die Vergänglichkeit des Lebens wurde durch leises Ticken hörbar.

 

Die meisten Menschen genossen die ruhige Ausstrahlung, wenn sie etwas zum reparieren bei Bernhard abgaben. Obwohl alle im Laden erwerbbaren Uhren höchsten Qualitätsansprüchen entsprachen, verkaufte er nur ganz selten seine, oft aus eigener Hand gefertigten Meisterwerke. Sie waren einfach zu teuer.

 

Eines Tages kam ein etwa zehn jähriges Mädchen in sein Geschäft, deutete auf eine der Wanduhren, die er im Schaufenster ausgestellt hatte und sagte mit tränenerstickter Stimme:

„So eine Uhr hat meine Omi auch. Genau die Gleiche.“

„Dann kann Deine Oma sehr stolz darauf sein, denn gerade diese ist etwas ganz Besonderes.“, antwortete Bernhard mit freundlichem Lächeln.

Kurz darauf begann das Kind zu schluchzen.

Ich kann sie nicht mehr sehen, denn sie liegt im Sterben und ich darf nicht zu ihr.“

„Ich nehme an, Du würdest gerne von Deiner Oma Abschied nehmen, oder?“

„Oh ja. Aber meine Eltern glauben mich vor irgendetwas schützen zu müssen. Dabei weiß ich doch ganz genau was los ist.

„Wie alt bist Du?“

„Im nächsten Monat werde ich zehn.“

„Verrätst Du mir auch Deinen Namen?“

„Ich bin die Andrea.“

„Du scheinst für Dein Alter sehr viel zu verstehen.“  

„Papa und Mama sagen das auch immer. Doch jetzt behandeln sie mich wieder wie ein Kleinkind. Die Erwachsenen sind ja so gemein. Mal bin ich für mein Alter sehr erwachsen, Mal nicht. Sie ändern ihre Meinung, wie es ihnen gerade in den Kram passt und ich kann nichts dagegen tun.“

„Dir will doch niemand etwas Böses. Du sollst Deine Oma nur so in Erinnerung behalten, wie sie früher war. Der letzte Anblick eines geliebten Menschen prägt sich für immer in das Gedächtnis ein. Deshalb wollen Deine Eltern Dir ersparen, Deine Großmutter auf dem Sterbebett liegen zu sehen.“

„Aber ich hab sie doch so lieb.“

„Das weiß sie.“

„Meinst Du?“

„Da bin ich mir ganz sicher. Was hältst Du davon, wenn wir uns die Uhr etwas genauer ansehen? Manche Leute behaupten, der Hersteller hat ein Geheimnis in ihr eingebaut“

„Was für ein Geheimnis“

„Das weiß ich auch nicht so genau. Noch habe ich keins entdeckt. Vielleicht kannst Du mir helfen es zu finden?“

Beide beschäftigten sich intensiv mit dem Gehäuse der Wanduhr, als deren Glockenwerk erklang. Bernhard wunderte sich, denn er hatte alle Uhren stumm geschaltet, damit es nicht in allen Ecken bimmelte, wenn eine neue Stunde anbrach. Auch diese hätte keinen Ton von sich geben dürfen, es war erst zwanzig vor Elf.

Das Mädchen schaute auf und fiel dem Uhrmacher stürmisch um den Hals.

„Ich war bei ihr, ich hab gesehen wie sie stirbt. Aber das war gar nicht schlimm gewesen. Wie hast Du das gemacht?“

„Ich habe gar nichts gemacht, wir haben doch nur nach dem Geheimnis gesucht. Wenn Du in Gedanken bei Deiner Oma gewesen bist, dann hast Du es ganz alleine geschafft.“

„Die Uhr hat mich zu ihr gebracht hat. Als ich das Zifferblatt ansah, stand ich plötzlich vor Omis Bett im Krankenhaus und dann ist sie gestorben. Aber das war gar nicht schlimm. Im Gegenteil, sie war richtig erleichtert. Glaubst Du mir?“

„Warum sollte ich daran zweifeln?“

Bernhard dachte an das unerklärliche Läuten. Etwas Mysteriöses haftete der ganze Sache an.

„Danke, Du bist der liebste Mensch, den ich kenne“,

rief Andrea, die nun richtig fröhlich geworden war. Bevor der Uhrmacher etwas dazu sagen konnte, wurde die Ladentür heftig aufgestoßen.

 

„Hier steckst du also, ich habe die halbe Stadt nach dir abgesucht. Mach so was nie wieder!“

Eine elegant gekleidete Dame trat ein und ging zornig auf Andrea zu. Sie hob ihre Hand, um dem Mädchen eine Ohrfeige zu geben, hielt jedoch in der Bewegung inne und drückte stattdessen das Kind fest an ihre Brust.

„Ich hab mir so große Sorgen um dich gemacht. Heute ist ein ganz furchtbarer Tag.“

Die Wut der Dame war verraucht. Sie konnte sich der beruhigenden Atmosphäre im Laden nicht entziehen. Verwundert sah sie um.

„Was tust du hier, warum bist Du in das Geschäft reingegangen? Es gehört sich nicht, die Leute von ihrer Arbeit abzuhalten.“

Bernhard wollte gerade erklären, dass eine ausgestellte Wanduhr das Mädchen magisch angezogen hatte, als ein Klingelton vom Handy ihn unterbrach.

„Ja…, ist gut…, ich sag es ihr…, wir fahren gleich los. In einer Viertelstunde sind wir zu Hause

Mit zitternder Stimme sprach die vornehme Frau zu der Kleinen.

„Andrea, du muss jetzt ganz tapfer sein.“

„Ich weiß, die Omi ist tot. Bevor du hier reingestürzt bist, habe ich mit… - mitten im Satz drehte das Mädchen ihren Oberkörper zu dem Uhrmacher und fragte ihn: „Wie heißt du eigentlich?“

„Bernhard.“

Ihrer Mutter erneut zugewandt begann das Kind den Satz von vorne.

„Also. Bevor Du mich gefunden hast, habe ich mir mit Bernhard eine Uhr angeschaut, die genauso aussieht, wie die, die auf dem Wohnzimmerschrank von Omi steht. Ich habe ihm erzählt, dass sie im Krankenhaus ist und ich nicht zu ihr darf. Wir haben ein Geheimnis gesucht, dass in dieser Uhr stecken soll und ich hab es gefunden.“

„Von welchem Geheimnis redest Du?“

„Diese Uhr ist verzaubert. Wenn jemand vor ihr steht und ganz feste an einen Menschen denkt, den er ganz toll lieb hat dann steht er plötzlich vor ihm. Ich dachte an Omi. Auf einmal sah ich sie im Krankenhausbett liegt. Kurz danach ist sie gestorben und ich war dabei“, sagte Andrea mit einer Überzeugung, die keinen Widerspruch duldete.

 

Verlegen richtete sich die Frau gerade auf. Beschämt und leicht verwirrt, sah die Dame den fremden Mann an. In ihren Augen glänzten angesammelte Tränen.

„Es war sehr freundlich von Ihnen, dass Sie ihre Zeit den Fantasien meiner Tochter geopfert haben. Vielen Dank. Ist Andrea Ihnen sehr auf die Nerven gegangen?

Bernhard berichtete, dass das Glockenwerk dieser Uhr ertönte, obwohl es abgestellt gewesen war.

„Eine magische Atmosphäre, die ich weder beschreiben, noch erklären kann breitete sich im ganzen Laden aus. Ich bekam Gänsehaut, deshalb glaube ich Ihrer Tochter jedes Wort.“

„Mein Mann sagte gerade am Telefon, dass seine Mutter zuletzt an ihr Enkelkind gedacht habe.“, fügte die Frau, als könne sie damit eine Erklärung abgeben.

„Andrea meine Liebe, schön, dass du da bist“, sollen ihre letzten Worte gewesen sein. Er dachte seine Mutter würde im Delirium sprechen, aber nun, nachdem Sie mir von dieser unglaublichen Sache erzählt haben könnte es doch auch sein, dass…

Andreas Mutter sprach diesen Satz nicht zu Ende. In Gedanken versunken lauschte sie dem Ticken der Uhren. Mit energischem Kopfschütteln brachte sie sich zur Besinnung.

„Komm Liebes, wir werden zu Hause erwartet.“

Bei dem Uhrmacher entschuldigte sie sich für die Umstände, die ihm entstanden waren. Sie bedankte sich höflich und versprach, in nächster Zeit noch mal vorbei zu schauen.

 

Als beide das Geschäft verließen, warf Bernhard seiner neuen Vertrauten einen aufmunternden Blick zu.          

  

      

 

   

Eissterne


Schneeflocken schwebten durch die Luft und sanken herab. Der Boden war für die zarten Gebilde noch zu warm. Kaum erreichten sie die Erde, schmolzen sie. 
Erwartungsvoll begrüßten Kinder die Vorboten des Winters. Sie holten ihre Schlitten aus dem Keller und wachsten die Kufen so lange ein, bis sie glänzten. Bald konnten die ersten Rutschpartien losgehen. – Wenn das kein Grund zu Freude war.

„Opa, Opa, sieh doch nur wie es schneit!“, rief Sarah und lief aufgeregt zum Haus ihres Großvaters.
Ihn möchte sie sehr gerne. Er hatte immer Zeit und beantwortete die kniffligsten Fragen, ohne jemals die Geduld zu verlieren.   

Warum fallen die Menschen auf der anderen Seite der Erdkugel nicht herunter, warum ist der Himmel hellblau, wenn die Sonne scheint und warum sieht man am Tag keine Sterne. Das alles konnte sie fragen, ohne jemals gesagt zu bekommen:
„Kind, das verstehst du noch nicht.“

Sie verstand mehr, als ihre Eltern dem Mädchen zutrauten. Es kam nur darauf an, wie die Fragen beantwortet wurden.
Opa konnte wunderbar erklären. Dass Sarah erst fünf Jahre alt war störte ihn nicht. Manchmal nahm er ein Buch aus seinem Schrank heraus und dann sahen sie sich interessante Bilder an. Mit Opa konnte Sarah über all das reden, worüber sie nachdachte.

Großvater besaß ein Mikroskop. Er hatte lange dafür sparen müssen, bis er sich dieses Ding leisten konnte. Es war sein ganzer Stolz. Stundenlang konnte sich Opa damit beschäftigen. Sarah fand es langweilig, immerzu durch die Linse zu sehen. Dazu hätte sie keine Geduld gehabt, denn ihre Welt konnte manchmal richtig aufregend sein.
 
Als Sarah das Zimmer betrat, in dem ihr Opa sich aufhielt, wunderte sie sich darüber wie kalt es war.
„Mach doch das Fenster zu und die Heizung an, oder willst du Eiszapfen im Zimmer haben?“
Ihrem Großvater traute sie alles zu. Er war in ihren Augen ein ganz besonderer Mensch.
„Du kommst der Sache schon ziemlich nahe. Ich habe dich erwartet, weil es begonnen hat zu schneien. Komm her zu mir, ich möchte dir was zeigen, dass dir gefallen wird.“
„Muss es denn dabei so kalt sein?“
„Leider ja, denn Eissterne, die ich gleich unter mein Mikroskop lege sind so hauchdünn, dass sie sich sofort auflösen, wenn die Temperatur ansteigt.“
„Wo hast du die Sterne her?“
Interessiert schaute Sarah ihren Opa an. Ihr Blick fiel auf das Mikroskop, das auf dem Tisch stand.
„Streck deine Hand aus dem Fenster und sage mir, was du beobachten kannst.“
Sarah tat, was Opa von ihr verlangte.
„Es schneit und wenn die Flocken auf meine Hand fallen, dann werden sie zu Wasser.“
„Siehst du. Jetzt weißt du auch warum ich die Heizung abgedreht habe. Wasser möchte ich dir nicht zeigen.“
„Da draußen ist doch nur Schnee, du hast aber von Sternen gesprochen.“
„Einen Augenblick noch, du wirst sie gleich sehen. Ganz viele Sterne sogar und jeder sieht etwas anders aus.“
Dann nahm der Großvater eine Glasplatte aus dem Eisfach, hielt sie ganz kurz aus dem Fenster, damit nur wenige Schneeflocken darauf fielen und schob die Platte unters Mikroskop.
„Ja, genauso wollte ich sie haben. Wundervoll“, murmelte er zufrieden, nachdem er einen Blick darauf geworfen hatte.
„Komm Sarah, sieh dir das an.“ Er rückte den Stuhl für seine Enkeltochter zurecht.
Etwas skeptisch kam Sarah näher, doch kurz darauf war sie begeistert.
„Das ist ja phantastisch! Noch nie habe ich so etwas Schönes gesehen. Danke Opa.“
„Nichts zu danken mein Kind – aber, hast du etwas dagegen, wenn ich jetzt die Heizung wieder aufdrehe? Mir ist saukalt geworden.“
„Darf ich mir noch ein paar Sterne ansehen?“
„Na klar, solange du willst. Bis es im Zimmer wieder richtig warm geworden ist vergeht noch eine Weile und da die Glasplatten vorher im Eisfach lagen, schmilzt der Schnee nicht so schnell.“  

„Woher wusstest du, dass heute Eissterne vom Himmel fallen?“
„Liebes Kind, Schnee besteht doch aus Eiskristallen. Immer haben sie sechs Ecken, Strahlen oder runde Enden. Jedes sieht ein kleines bisschen anders aus. Alle sind einzigartig und wunderschön. Willst du nicht ein Bild von dem malen, was du heute gesehen hast?“ 

„Oh ja, aber dafür muss ich erst nach Hause.“
„Geh nur Kleines, aber pass auf, dass du nicht hinfällst. Die Wege sind glatt geworden. Wir sehn uns morgen wieder, dann kannst du mir auch dein Bild zeigen. Vergiss bitte nicht immer sechs gleiche Enden zu malen. Dann erkennt jeder, dass du eine Schneeflocke gezeichnet hast.“
  



Verpatztes Volksfest

„Hast du Lust auf eine Radtour? Sven ist auch dabei“, fragte Ralf seinen Freund Gerd.
Es war Anfang Oktober und die Schwalben sammelten sich zum Flug in den Süden. Die Sonne verbreitete angenehme Wärme. Am Himmel konnte man beobachten, wie hauchdünne Wolkenfäden ihre Bahn zogen.

„Gebongt, ich bin dabei. Ist auf jeden Fall besser, als im Haus rumzusitzen und Schulaufgaben zu machen. Wo soll‘s denn hingehen?“
„Wir wollen nach Steinfurt fahren. Dort wird die Apfelernte mit einem großen Umzug gefeiert. Da ist immer was los.“
„Ist das nicht zu weit? Bis Steinfurt sind es immerhin 30 Kilometer.“
„Ach komm schon. Hast du Muckies in den Beinen, oder Wattebällchen? Dein Rad ist doch ok, oder?“
„Klaro.“
„Auf was warten wir noch, schwing dich auf den Drahtesel und los geht‘s.“
„Warts ab, ich muss erst meiner Mutter Bescheid sagen, bin gleich wieder da.“
„Mach schnell, sonst fahren wir ohne dich los.“

Sven und Ralf mussten trotzdem lange vor der Tür stehen, denn Gerds Mutter bestand darauf, für ihren Sohn einiges zusammenzupacken, bevor sie ihn ziehen ließ.
Als er mit prall gefülltem Rucksack aus dem Haus kam, lachten seine Freunde ihn aus.
„Bist du bekloppt? Wir machen doch keine Weltreise. Am Abend sind wir wieder zurück. Was schleppst du denn alles mit dir rum?“
„Ich konnte nichts dagegen tun. Im Radio wurde schlechtes Wetter vorausgesagt.
Meine Mutter hat mich vor die Wahl gestellt. Entweder ich nehme die Sachen mit, oder sie lässt mich nicht weg.“
„Weiber“, sagten Ralf verächtlich. „Wo soll denn Regen herkommen? Ich verlass mich auf das, was ich sehe und fühle, nicht auf irgend einen Wetterheini.“

Auf der Fahrt traten sie fest in die Pedale, weil es ihnen Spaß machte sich untereinander zu messen. Stand der Sieger fest, legten sie sich erschöpft ins Gras am Wegrand. Aufkommender Wind kühlte ihre erhitzen Leiber ab. Von Minute zu Minute blies er stärker und es wurde ungemütlich im Freien.
Als dunkle Wolken sich vor die Sonne schoben, schwangen sich die Jungs auf die Räder und hofften darauf, noch rechtzeitig einen Unterschlupf zu finden.
Erste Tropfen fielen vom Himmel. Es waren Vorboten starken Regens, der wie eine Freiluftdusche auf die Erde fiel.
Straßen, Felder und sogar der Himmel sahen aus, als wären sie in ein graues Meer getaucht worden.
Zu ihrem Glück entdeckten die Freunde eine überdachte Bushaltestelle. Dort fanden sie notdürftigen Schutz.
Ihre leichte Sommerkleidung war pitschnass geworden und weil kalter Wind erbarmungslos blies, zitterten sie am ganzen Körper.
Gerd hoffte, dass seine Mutter einen warmen Pullover eingepackt hatte und wühlte im Rucksack herum.
Mit erfreutem „tatah“, zog er alte, doch tragbare Klamotten hervor. Für jeden war etwas zum umziehen dabei. In weiser Voraussicht hatte seine Mutter an alle drei Ausflügler gedacht.
„Dass deine Alte so cool drauf ist, hätte ich nicht gedacht“, meinte Ralf anerkennend.
Doch nun trat ein neues Problem auf. Nirgendwo gab es einen Sichtschutz, wo die jungen Leute sich in Ruhe hätten umziehen können.

Wie der Teufel es wollte, fuhr gerade in dem Moment der Bus vor, als die Drei sich ihre nassen Sachen vom Körper gestreift hatten und deren Unterhosen sichtbar waren.
Lautes Gelächter der aussteigenden Fahrgäste, trieb den Freunden Schamesröte ins Gesicht.
Der Schaffner rief breit grinsend aus der offenen Einstiegstür heraus:
„Hier kommt keiner rein, der nicht anständig angezogen ist.“
Als Antwort bekam er drei Stinkefinger gezeigt.
„Lümmel, wenn ich euer Vater wäre ...“ Mehr konnten sie nicht hören.
Vorder- und Hintertüren schlossen sich mit lautem Zischen als der Motor startete.

Es war so angenehm, wieder trockene Sachen auf der Haut zu spüren, dass sie die peinliche Situation schnell vergaßen.

„Mensch, hab ich Hunger“, ließ Sven verlauten, als er die Brotbüchse mit lecker belegten Schnitten entdeckte. Eine Flasche Cola war auch dabei.
Kaum hatten sie gemeinsam den letzten Krümel verspeist, war das Wolkengebirge in sich zusammengefallen und vorwitzige Sonnenstrahlen schauten aus den verbliebenen Schleiern hervor.
Ihre gute Laune kehrte auch zurück.

„Was ist, fahr‘n wir weiter?“, fragte Ralf.
„Nee, hab keine Lust mehr“, sagte Sven. Er sah an sich herunter und meinte kritisch:
„So, wie wir jetzt aussehen, werden wir keine Mädels aufreißen.“
„Wenn dir meine Pants nicht gut genug sind, dann kannst du deine nassen Designerjeans ja gleich wieder anziehen“, erwiderte Gerd beleidigt.
„Jetzt mach Mal keinen Stress, so hab ich’s nicht gemeint. Bin ja froh, dass deine Mutter die Sachen eingepackt hat“.

Besänftigt setzte sich Gerd auf sein Rad.
Der Asphalt dampfte und trübte die Sicht zum Boden. Fast sah es so aus, als würden die Jungs schweben.
„Huaahh, wir sind Zombies und kommen aus der Erde, um allen das Fürchten zu lehren, die uns entgegenkommen“, rief Sven mit extra tiefer Stimme und zog eine Grimasse.

„Lass den Quatsch. Wenn jetzt Nebel aufkommt, wird’s gefährlich“, schimpfte Ralf. Er hatte Angst bekommen, dass der Dunst dichter werden würde und versteckte seine Furcht hinter einem aggressiven Ton.

Ein Apfelbaum am Wegesrand trug schwer an reifen Früchten, die auffordernd glänzten.
„Ich hol mir einen und feiere meine eigene Apfelernte“, rief Sven, lief zum Baum und sprang hoch, um nach dem Obst zu greifen. Kaum berührte er einen Zweig, ergoss sich ein Schwall Wasser über ihn.

Gerd und Ralf kicherten vor Vergnügen.

„Dafür hättest du dich nicht umziehen müssen, jetzt bist du schon wieder nass.“
„Ach das bisschen macht mir nichts aus. Ein Mann muss eben tun, was er tun muss“, verteidigte sich Sven großspurig.
Den Anderen blieb gar nichts anderes übrig. Wenn sie nicht als Weicheier gelten wollten, mussten sie auch einen Apfel pflücken, und tapfer Bekanntschaft mit dem kalten Nass machen.

Für einen Tag hatten die Jungs genug erlebt. Sie wollten nur noch heim.

Gemeinsam fuhren sie zu Gerds Mutter, um ihr für die geliehene Kleidung zu danken.
Auf ihrer Frage, ob sie irgend etwas besonderes erlebt hätten, antworteten alle drei einstimmig:

„Nö, wieso?“





Ärger im Kinderheim

"Mach dass du hier raus kommst. Mit deinen dreckigen Pfoten hast du in der Küche nichts zu suchen!"
Es war selten, dass Schwester Hildegard schimpfte. Sie meinte es auch nicht so böse, wie es geklungen haben mag, denn sie liebte "ihre" Kinder.
Gerade war sie dabei Plätzchen für die ganze Gruppe zu backen. An ihren Fingern klebte zentimeterdick der Teig. So konnte sie mit Tobias nichts anfangen. Er würde sich noch eine Weile gedulden müssen, bis sie wieder Zeit für ihn hätte.
"Was machst du da?", fragte der Junge neugierig und kam näher, anstatt den Raum zu verlassen.
"Siehst du das nicht? Ich backe Plätzchen. Tut mir leid mein Kleiner, aber jetzt kann ich dich wirklich nicht gebrauchen."
"Ich möchte aber bei dir bleiben, die anderen sind alle so blöd zu mir."
Mit einem Seufzer gab Schwester Hildegard nach. Sie brachte es nicht übers Herz, den Jungen abzuweisen.
"Dann wasch dir wenigstens gründlich die Hände. Wir wollen die Plätzchen doch mit Genuss essen. Das geht aber nicht, wenn nachher Sand zwischen unseren Zähnen knirscht."
Bereitwillig ging Tobias zur Spüle und ließ Wasser über seine Finger laufen.
In der Zwischenzeit hatte sich Hildegard den Teig von ihren Fingern gekratzt und diese mit Mehl sauber gerieben.
"Nein Tobias, dieses Mal verwenden wir keine Seife. Oder magst du Plätzchen, die nach Seife schmecken? Schau mal, es geht auch so."
Hildegard war hinter den Jungen getreten und zeigte ihm, wie er sich die Hände waschen sollte.
"Siehst du, jetzt sind sie ganz sauber, so kannst du mir helfen."
"Darf ich das wirklich?", fragte der Junge erfreut.
"Na klar und während wir zusammen arbeiten, kannst du mir erzählen, warum die andern alle so blöd zu dir sind."
"Ich weiß nicht, sie lassen mich einfach nicht mitspielen. Immer, wenn ich zu ihnen gehe, jagen sie mich weg. Hau ab du Blödmann, dich können wir hier nicht gebrauchen, sagen sie. Dann strecken sie mir die Zunge raus und lachen mich aus."
"Ist da einer dabei, der sich besonders hervortut und die anderen mitreißt?", wollte Hildegard wissen, "oder sind alle genauso gemein zu dir?"
"Nein, - das heißt ja, - ach ich weiß auch nicht. Immer fängt der Karl an. Er kann mich nicht leiden, doch weil er hier das große Sagen hat, machen die anderen alle mit."
"So, hat er das, das große Sagen?"
Nachdenklich wiegte Hildegard ihren Kopf.
"Dann werden wir dafür sorgen müssen, dass er dich leiden kann. Es ist immer gut, wenn man sich mit dem Anführer einer Gruppe verträgt. Merk dir das für dein ganzes Leben. Immer wirst du Leuten begegnen, mit denen du auskommen musst und oft genug ist das gar nicht so leicht, wie es aussieht."
"Hattest du früher auch Ärger, als du klein warst?", wollte Tobias wissen.
"Na klar, bei mir war das kein bisschen anders."
"Gab es auch einen Anführer, der dich nicht leiden konnte?"
"Eine Anführerin, so ein richtiges Biest. Ich habe sie gehasst."
"Und?"
"Nix und. Heute sind wir die besten Freundinnen."
"Wie hast du das geschafft? Ich hätte auch gerne, dass Karl mein Freund wird."
"Es hilft dir nicht, wenn ich von meinen früheren Erlebnissen berichte. Früher, das ist Vergangenheit. Du lebst jetzt. Hier und heute hast du ein Problem, das es zu lösen gilt."
"Kannst du mir irgendwie dabei helfen?"
"Ich will‘s versuchen. - Also. Vor allem und das finde ich ganz, ganz wichtig, laufe niemals dem Karl hinterher. Zeige ihm, dass du auch ohne ihn auskommst. Du bist nicht sein Hund und er ist nicht dein Herrchen. Habe mehr Selbstvertrauen. Das macht dich interessant – auch bei den anderen."
Während sie sprach, arbeitete Schwester Hildegard routiniert an der Zubereitung der Plätzchen weiter. Sie rollte den Teig aus und Tobias durfte helfen, kleine Sterne auszustechen. Diese legte er dann auf ein Backblech und weil der Ofen schon heiß war, dauerte es nur wenige Minuten, bis das nächste Blech hineingeschoben werden konnte. Hand in Hand arbeiteten sie, bis nur noch ein ganz kleines Stückchen Teig übrig geblieben war.
"Daraus backen wir jetzt deinen Glückskeks", sagte Hildegard zufrieden und formte den Rest zu einem kleinen Herzen.
"Was ist das, ein Glückskeks?", wollte Tobias wissen.
"Ich lege meine ganzen lieben Wünsche für dich hinein und wenn du ihn isst, dann weißt du, dass es einen Menschen auf der Erde gibt, für den du etwas ganz besonderes bist."
"Verbrennen die Wünsche denn nicht, wenn sie im Ofen backen?"
"Nein, nein du Dummerchen. Wünsche können nicht verbrennen. Sie sind doch beim lieben Gott, der passt gut auf sie auf."
Tobias war nicht so ganz überzeugt von dem, was Schwester Hildegard sagte, nahm aber den fertig gebackenen Glückskeks entgegen, wickelte ihn in eine Serviette und steckte ihn in seine Jackentasche.
Die Zeit war wie im Flug vergangen. Alle anderen Kinder hatten sich schon im Speisesaal versammelt, nur Tobias fehlte noch.
Schwester Hilde entschuldigte seine Verspätung und sagte so laut, dass jeder es hören konnte, Tobias habe beim Backen geholfen und das Ergebnis sei vorzüglich geworden.
Alle Kinder klatschten anerkennend, nur Karl zog eine saure Mine.
"Schleimer! Willst wohl lieb Kind machen bei der Schwester. So was kann ich ganz und gar nicht leiden."
"Du bist doch nur neidisch, weil du nicht helfen durftest."
Tobias wunderte sich, woher er auf einmal den Mut aufbrachte, so mit Karl zu reden.
"Na warte, dir zeige ich wer hier neidisch ist."
Karl stand auf und schob drohend die Ärmel seines Pullovers hoch.
"Nichts da Karl. Du setzst dich augenblicklich wieder hin und gibst Frieden. Im Speisesaal wird nicht gerauft. Macht eure Probleme wo anders aus."
Schwester Erika konnte sehr energisch werden. Keiner wagte es, ihr zu widersprechen. Vor sich hin brummelnd gab Karl nach, doch seine Gedanken drehten sich nur noch um ein Wort - Rache!
Er konnte es nicht zulassen, vor den anderen lächerlich gemacht zu werden. Das würde seine ganze, mühsam aufgebaute Autorität unterlaufen.
Doch es war gar nicht so einfach an Tobias heran zu kommen, ohne dass die Schwestern sich dazwischen drängten. Außerdem mussten seine Kumpels anwesend sein, damit er diesen Milchbubi vor allen Augen demütigen konnte. Es kam ihm die Idee, Tobias zu einem Wettstreit herauszufordern, den er, der selbsternannte König des Heimes, haushoch gewinnen würde.
Doch was konnte er besonders gut, worin war er unschlagbar? Nach einigem Hin- und Herdenken kam ihm ein Geistesblitz.
"Klar, das war es, darin wird mich Tobias niemals besiegen!"
Karl trommelte seine Freunde zusammen und erklärte ihnen, was er vorhatte. Mit breitem Grinsen stimmten diese zu. Sie würden bei dem Wettstreit mitmachen, das war doch Ehrensache.
Einen Tag später, kurz nach dem Mittagessen, wurde Tobias von Karls bestem Freund aufgefordert mit ihm zu gehen.
"Wir wollen Mal sehen, was du drauf hast, deshalb fordern wir dich zu einem kleinen Wettstreit auf."
"Aber prügeln werde ich mich nicht."
"Nein, nein, was wir vorhaben, ist ganz harmlos. Niemand wird verletzt – ehrlich."
Tobias war hoch erfreut, endlich mitspielen zu dürfen und folgte neugierig dem Jungen, der in eine Ecke bog, die besonders schlecht von der Aufsicht eingesehen werden konnte.
Alle, die sich um Karl scharten, waren da. Doch dieses Mal umringten sie ihn nicht wie üblich, sondern standen in einer Reihe auf einer niedrigen Begrenzungsmauer. Mitten drin ihr Anführer.
Als die Jungs Tobias sahen, rückten sie etwas dichter zusammen, so dass direkt neben seinem Widersacher ein Platz frei wurde.
"Nun wollen wir mal sehen, wer am weitesten von uns pinkeln kann. Auf die Plätze, fertig,..." Hose runter wollte Karl gerade befehlen, da wurde er von Tobias unterbrochen.
"Bei so eine Schweinerei mache ich nicht mit!"
Eine Sekunde lang herrschte betretenes Schweigen, dann setzte ein Sturm der Hetzkampagne ein.
"Feigling, Memme, Zimperlappen, verschwinde! So einen Windelträger wie dich, wollen wir hier nicht haben."
Noch andere, weit schlimmere Ausdrücke riefen sie ihm hinterher.
In Anbetracht des Wettbewerbs, war Karl den ganzen Vormittag nicht auf die Toilette gegangen, denn er wollte unter allen Umständen gewinnen. Nun war der Druck so übermächtig geworden, dass er ihn nicht länger aushielt. Sein Gesicht entspannte sich, als ein beeindruckend langer Strahl von ihm wich.
Von dem Radau angelockt, tauchte plötzlich Schwester Erika auf. Ihr folgte Marianne, das beliebteste Mädchen des ganzen Heimes.
"Hab ich euch endlich erwischt!", schimpfte Erika die Kinder aus.
"Immer, wenn ich an dieser Ecke vorbeikomme, stinkt es gewaltig. Bisher hatte ich noch keinen beim Hinpinkeln gesehen und nach den Übeltätern fragen, konnte ich mir gleich ersparen. Ihr seid ja alle Engel, die von Nichts eine Ahnung haben."
In Windeseile hatten die Freunde ihre Hosen zugemacht und waren in alle Richtungen davongerannt. Nur bei Karl dauerte es etwas länger. Einmal angefangen seine Blase zu leeren, konnte er das Wasser nicht mehr aufhalten und musste mit Schrecken abwarten, bis er fertig war.
"Schwein!", sagte Marianne angewidert zu dem Rädelsführer. "Tobias hat ganz Recht, wenn er bei euren Sauereien nicht mitmacht."
Karl schämte sich und wurde unachtsam. Als er von der Mauer heruntersprang stolperte er so unglücklich, dass er auf die Nase fiel. Augenblicklich hörte Schwester Erika auf zu schimpfen und sah sich den Unglücksraben genauer an. Karls rechtes Bein tat ihm sehr weh und er blutete stark.
"Sieht ganz so aus, als hättest du dir deinen Riecher gebrochen," meinte sie. "Wenn du so weiter machst, dann bist du auf dem besten Weg dein schönes Gesicht ganz zu verschandeln. Mit einer platten Nase glaubt jeder, du wärst hohl im Kopf.
Sei so lieb Marianne und hole mir den Erste Hilfe Kasten aus dem Büro, ich brauche steriles Verbandszeug."
Ganz so schlimm, wie es auf den ersten Eindruck aussah, war es dann doch nicht gewesen. Karls Nase war zwar angebrochen, was die staken Blutungen verursachte, aber sie musste nicht gerichtet werden. Einen Tag lang sollte der Junge jedoch das Bett hüten, dann würde er sich wieder zu den anderen gesellen können.
An diesem Tag besuchte ihn Tobias.
"Hallo Karl, wie geht’s dir, tut es noch sehr weh?", fragte er mitfühlend.
"Du? Was willst du denn hier? Muss dir ja mächtig Spaß machen mich leiden zu sehen. Geh und lass mich in Ruhe!"
"Du irrst dich, wenn du meinst, dass ich gekommen bin um zu sehen, dass es dir schlecht geht. Ganz im Gegenteil. Ich wollte nur fragen, ob ich irgendwie helfen kann."
Karl lachte verächtlich.
"Hast du’s immer noch nicht kapiert? Mit dir will ich nichts zu tun haben. Geh zu Schwester Hildegard und heul dich aus, wenn dir danach ist, aber bleib weg von mir."
"Die anderen sind ganz schön sauer auf dich", sagte Tobias ungerührt von Karls verbalem Angriff.
"Wieso denn das?"
"Na ja, obwohl sie ganz schnell weggerannt sind, so hat Erika doch jeden einzelnen von ihnen erkannt. Zur Strafe müssen sie jetzt nicht nur die Ecke, sondern den ganzen Hof reinigen. Und zwar nicht mit der Spritze, nein, mit Eimer, Wasser und Bürste. Ich kann dir sagen, das ist eine ganz schöne Schufterei und die Mädchen amüsieren sich natürlich prächtig darüber. Sauer sind die Jungs auf dich, weil sie arbeiten müssen, während du im Bett liegst."
Plötzlich kam Schwester Erika herein.
"Hallo Tobias."
Mit allem hatte sie gerechnet, nur nicht, dass sie ihn hier vorfinden würde.
"Na, hast du schon erzählt, was die anderen für eine Strafe bekommen haben?" Ohne auf eine Antwort zu warten ging sie auf Karls Bett zu.
"Glaube ja nicht, dass du so einfach davonkommst. Für dich habe ich auch eine Strafe. Du putzt morgen die ganzen Toiletten im Haus, das dürfte reichen."
"Auch die der Mädchen?", fragte Karl entsetzt
"Auch die der Mädchen. Ich werde mit ihnen einen Ausflug machen, damit nicht unbeabsichtigt eine hereinplatzt, wenn du noch am Wischen bist. Aber hüte dich davor schlampig zu arbeiten. Die Mädchen berichten mir nachher ganz genau, ob sie zufrieden mit dem Ergebnis sind. Wenn nicht, dann denke ich mir noch etwas anderes für dich aus und glaube mir, dass wird noch unangenehmer sein. Darauf hast du mein Wort."
Diese Demütigung war für Karl zuviel. Tränen der Hilflosigkeit rannen seinen Wangen herunter, obwohl er versuchte sie tapfer zu unterdrücken.
"Mach dir nichts draus, ich helfe dir. Zu zweit sind wir ganz schnell fertig, du wirst schon sehen."
"Schwester Erika, darf ich Karl helfen?", fragte er sicherheitshalber noch mal nach.
"Wenn du unbedingt willst, ich habe nichts dagegen," antwortete die Angesprochene und verließ kopfschüttelnd den Raum.
Als die beiden Jungs wieder unter sich waren, sprachen sie sich das erste Mal richtig untereinander aus. Dabei erfuhr Tobias, dass er schon immer von Karl bewundert wurde. Alle mochten ihn auf Anhieb, ohne einen Handschlag zu rühren. Er dagegen, er musste sich immer etwas Neues einfallen lassen um anerkannt zu werden.
"Dir fliegt das Glück einfach zu, vor allem bei den Mädchen. Ich muss für jede kleine Aufmerksamkeit kämpfen, obwohl ich das gar nicht will. Als ich dich das erste Mal sah, habe ich es sofort gemerkt und deshalb konnte ich dich von Anfang an nicht leiden."
Tobias war erstaunt über das, was er gerade zu hören bekam. Er überlegte eine kleine Weile, dann fiel ihm der Glückskeks von Schwester Hildegard ein, den er immer noch in seiner Jackentasche trug.
"Schau Mal, vielleicht kann ich dir dabei auch helfen", sagte er und holte den Keks heraus.
"Was ist das?", fragte Karl neugierig, während Tobias die Serviette vorsichtig auseinander faltete.
"Das ist ein Glückskeks. In ihm stecken alle lieben Wünsche für den, der ihn isst. Wenn Ich den Keks mit dir teile, dann sind wir richtige Verbündete. Irgendwo lebt jemand, der dich ganz toll mag und weil du das jetzt weißt, musst du nicht mehr den starken Mann spielen."
"Das, das willst du machen? Du teilst mit mir dein Glück? Ausgerechnet mit mir, wo ich doch kein gutes Haar an dir gelassen habe?", stammelte Karl.
"Warum nicht? Geteiltes Glück ist doppeltes Glück und ich glaube, gerade du brauchst eine ganz große Portion davon," erwiderte Tobias mit einem breiten Lächeln.
"Noch nie hat irgendjemand für mich etwas getan. Einfach nur so, ohne dass es nötig gewesen wäre. Und dann auch noch so was Großartiges, wie sein Glück mit mir zu teilen. Ich weiß echt nicht, was ich dazu sagen soll."
Dieses Mal flossen Tränen der Rührung über Karls Wangen.
"Denk nicht weiter drüber nach und iss."
Gemeinsam verspeisten sie den Glückskeks von Schwester Hilde und gründeten eine Freundschaft, die ihr ganzes Leben lang anhalten und viele Stürme überstehen sollte.



Revanche am Weihnachtsfest.


Katrin war schon ganz aufgeregt, weil sie an diesem Abend mit ihrem Vater an einem Weihnachtsfest teilnehmen durfte, das extra für die Familien der Mitglieder des Marinevereins veranstaltet wurde.
Höhepunkt des Abends war das Erscheinen vom Nikolaus. Doch er kam nie alleine, sondern wurde begleitet von Knecht Ruprecht, dessen Aufgabe es war, mit seiner Rute unartige Kinder zu bestrafen.
Katrin war fünf Jahre alt und hatte gehörigen Respekt vor Beiden, dem Nikolaus, als auch vor seinem Gehilfen.
Die Anfahrt war ein reines Vergnügen für das Kind. Mit leuchtenden Augen bewunderte es große Tannenbäume, deren Lichter in der Dämmerung funkelten. So spät, um die ganze Pracht der Straßenbeleuchtung sehen zu können, kam es sonst nicht aus dem Haus. Fast bereute es das Mädchen, schon am Ziel angekommen zu sein. Doch dann wuchs die Anspannung und Erwartung auf den großen Moment, wenn es dem Nikolaus gegenüberstehen würde.
Im Festsaal hatten sich viele Leute versammelt, die Katrin nicht kannte. Doch ihr Vater wurde von allen Seiten herzlich begrüßt und als er stolz seine Tochter vorstellte, wurde auch sie freundlich Willkommen geheißen. Nun fühlte sie nicht mehr so fremd wie zuvor und nahm gerne den Platz ein, der für sie vorgesehen war.
Tische und Stühle standen in zwei Rehen seitlich des Saales, so dass in der Mitte ein freier Platz entstand.
Der wurde genutzt, um den Kindern das Warten mit allerlei Spielen zu verkürzen. Eierlaufen, Sackhüpfen und vieles mehr, schafften eine ausgelassene Stimmung, bis plötzlich ein lauter Klingelton die Anwesenden verstummen ließ. Hier und da hörte man angstvolle Rufe, denn jetzt war er gekommen, der Augenblick, an dem Nikolaus erschien
Er trug einen großen Sack auf dem Rücken und stellte sich so, dass er von jedem gut gesehen wurde. Knecht Ruprecht folgte ihm. Dieser faule Geselle hatte nichts weiter zu tun, als eine dünne Rute zu tragen, die aus kahlen Ästen zusammengebunden war.
"Wart ihr auch alle brav?", fragte der Nikolaus und sah sich forschend um.
"Ja!", ertönte es aus jedem Winkel des Saales.
"Na, wir werden sehen!"
In der Zwischenzeit hatte Knecht Ruprecht einen Stuhl für seinen Herrn besorgt und überreichte dem Weihnachtsmann einen Zettel, auf dem die Namen aller Kinder standen, die an der Feier teilnahmen. Gleich daneben waren kleine Verfehlungen aufgeschrieben, zu denen die Kleinen Besserung geloben sollten.
Jedes Kind wurde einzeln zum Nikolaus gerufen. Ihm wurde laut vorgelesen, wo es nicht so brav gewesen sei, wie seine Eltern von ihm erwateten. Eines hatte freche Antworten gegeben, ein Anderes verpasste seinem Geschwisterchen eine Ohrfeige und Katrin war letzten Sommer mit ihren Straßenschuhen im nahe gelegenen Bach herumgelaufen, weil sie Angst gehabt hatte, sich an den scharfen Steinen zu schneiden. Öffentlich zurechtgewiesen, rutschte den Beschuldigten das Herz in die Hose.
Je, nachdem wie schwerwiegend Nikolas die Unartigkeit fand, schüttelte er entweder den Kopf, oder er schaute sich nach Knecht Ruprecht um. Doch niemals musste sein Gehilfe in Aktion treten. Immer verzieh Nikolaus dem Kind, nachdem es versprochen hatte sich zu bessern. Das taten alle und nach dem Versprechen erhielten sie eine Tüte, gefüllt mit Gebäck, Nüssen, Mandarinen und oben drauf einen kleinen Nikolaus aus Schokolade.
Glücklich, die Prozedur heil überstanden zu haben, gingen die Kinder zu ihren Eltern zurück. Der Sack wurde leer und kein Kind stand mehr auf der Liste.
Bevor Nikolaus endgültig den Saal verließ, fragte er ein letztes Mal, ob noch irgend jemand im vergangenen Jahr nicht artig gewesen sei.
Völlig unerwartet meldete sich Katrin zu Wort. Dem Ernst der Lage bewusst, ging sie entschlossen zum Nikolaus hin und sprach mit lauter Stimme.
"Da hinten, da sitzt einer, der war gar nicht lieb." Während sie sprach, drehte sie leicht ihren Oberkörper und deutete auf ihren Vater.
"So", fragte der Nikolaus, "was hat denn Dein Vater schlimmes getan?"
Wie auf Kommando erzählte Katrin, dass ihr Papa bei allen drei Osterhasen das Goldpapier heimlich geöffnet und deren Füße angeknabbert hatte, bis sie umfielen.
"Ich wollte die Hasen noch aufheben, denn sie sahen so schön aus. Deshalb hatte ich sie extra auf den Schrank gestellt." Katrins Entrüstung über diese Tat, war deutlich zu hören.
"Ist das wahr?", fragte Nikolaus streng.
"Ja", bestätigte der Missetäter die Aussage seiner Tochter.
"Na, dann komm mal zu mir. So einen Frevel kann ich natürlich nicht dulden."
Als Katrins Vater vor dem Nikolaus stand, wurde er von diesem übers Knie gelegt und Knecht Ruprecht gab ihm, zur Freude aller Anwesenden, mit seiner Rute drei Hiebe auf den Po.
Dann durfte er sich wieder erheben, musste aber hoch und heilig versprechen, die Osterhasen künftig in Ruhe zu lassen, wenn sie ihm nicht gehörten.
Hand in Hand gingen beide wieder auf ihren Platz zurück. Das Gesicht des Vaters verfärbte sich vor Scham und sein Mädchen strahlte Genugtuung aus.
Als der Nikolaus den Saal verlassen hatte, kamen Freunde lachend zu dem Bestraften und beglückwünschten ihn zu seiner ungewöhnlich schlagfertigen Tochter.
"Den eigenen Vater vom Nikolaus übers Knie legen zu lassen, davon habe ich auch immer geträumt. Sie wird es noch weit bringen, du kannst stolz auf dein Mädel sein".
Das war er auch.
Die unerwartete Programmänderung, welche von Katrin hervorgerufen worden war, sorgte noch lange Zeit danach für heitere Gesprächs