Inhalt

Ohne Hast

Traumdeutung

Trost eines Oldies

Wandel der Jahreszeiten

Gefangen

Warten auf den Frühling

Damals

Narrengedicht

 

 

 


Ohne Hast

 

Erleichtert begrüße ich die Ruhe im Schlafzimmer. Endlich kann ich meine Gedanken frei umherschweifen lassen. Mein Ehemann verlangt nicht mehr von mir, dass ich seine Ansichten teile, er hat sich in einen anderen Raum zurück gezogen. Kein lärmender Fernseher schläfert mit langweiligen Filmen ein. Ich liege alleine im Bett und lausche dem Rascheln der Blätter des dicht vorm Fenster stehenden Baumes.

Auf dieser Seite des Hauses führt keine Straße vorbei, die neugierige Menschen zu unerwünschten Beobachtungen veranlassen könnte. Meine Blicke werden weder durch heruntergelassene Rollladen aufgehalten, noch verwehren dicke Vorhänge freie Aussicht auf das wechselnde Geschehen am Firmament.

Für mich sind dies die schönsten Momente am Tage.

Von Einsamkeit umfangen, fühle ich die Energie des Lebens.

Leises Ticken der Wanduhr mischt sich mit sanftem Rauschen des Windes zu einer Melodie, deren Töne ich vereinen möchte. Meine Komposition ist nicht angefüllt mit harmonischen Klängen, dennoch nenne ich sie Sinfonie der Stille.

In Anbetracht des Widerspruchs huscht ein Lächeln über mein Gesicht. Nach einer Weile gleite ich friedvoll in die Traumwelt hinein.        


         

Traumdeutung

Katia wachte mitten in der Nacht auf und verweilte noch ein bisschen in Gedanken bei dem wundervollen Traum, den sie gehabt hatte. Sie wollte ihn noch nicht loslassen, denn fast jedes Mal, wenn ihr Unterbewusstsein auf Reisen ging, konnte sie wieder laufen und die farbenprächtige Umgebung genießen.

So auch dieses Mal.

Sie sah sich als Kind wieder, das einen Weg einschlug, den sie früher oft gegangen war. Alles war so vertraut. Von den Häusern mit gepflegten Gärten angefangen, bis zu der kleinen Brücke, die einen Bach überquerte. Ihr Ziel war der Waldrand gewesen, von dem aus man das ganze Dorf überblicken konnte.

Bevor sie es erreichen konnte, kehrte ihr Bewusstsein in die traurige Wirklichkeit zurück.

Da lag sie nun in ihrem Bett, wie es sie auch in Krankenhäusern gibt. Mit Spezial-Matratze, damit der Rücken nicht wund wurde, weil sie unfähig war sich von einer Seite auf die andere zu drehen.

Katia dachte nach.

"Warum hatte ich gerade diesen Traum und warum wachte ich auf, bevor ich mein Ziel erreichte? So oft streifte ich durch diesen Wald, zu gerne hätte ich ihn wieder gesehen."

Dann erinnerte sich Katia an ihre Mutter, die, wie sie auch, an MS erkrankt gewesen war und schon lange nicht mehr lebte. Ein Mal hatte sie ihrer Tochter von einem Traum erzählt, der sie glücklich machte.

Ein freundlicher, schwarz gekleideter Mann, reichte ihr seine Hand und mit seiner Hilfe konnte sie ihren Rollstuhl verlassen. Dann war er mit ihr genau an diesem Waldrand entlang spaziert.

"Katia, ich werde wieder laufen können, ich muss nur auf diesen Mann warten", sagte die Mutter voller Überzeugung.

Dieser Mann war der Tod gewesen. Katia spürte einen bitteren Kloß im Hals stecken, doch für ihre Mutter war er ein Freund, auf den sie freudig wartete.

Die Gedanken an ihre Mutter trieben Katia Tränen in die Augen. Sie fühlte sich mit ihr verbunden, wie nie zuvor.

Ihre Zeit zum Sterben war noch nicht gekommen. Doch wenn es soweit war, dann wird ihre Mutter an diesem Waldrand auf sie warten.



 



 
Trost eines Oldies

Ein klirrender Ton und angenehmes Vibrieren lässt mich aus dem Schlaf erwachen. Endlich. Wie lange habe ich schon darauf gewartet wieder benutzt zu werden? Ich erinnere mich kaum noch an das letzte Gespräch, denn meine Dienste werden kaum noch gefordert, weil ich unmodern geworden bin. Einst waren meine Besitzer sehr Stolz darauf, mich im Hause zu haben. Ich zählte mit der Tastatur schon zu einer neuen Generation und war das Prestige-Objekt schlechthin. Die Kinder meines Besitzers stritten sich darum, wer mich bedienen durfte.

Es wurde geredet und zugehört. Tag für Tag, manchmal stundenlang. Bis es dem Familienoberhaupt zu bunt wurde und er "leg‘ endlich auf", schrie. Mit Murren beendete der Redner dann das Gespräch, nur um fünf Minuten später selbst angerufen zu werden.

Einmal wurde es dem Vater zuviel und er zog wütend den Stecker aus der Dose.

Ich war halt sehr beliebt – damals.

Wer konnte ahnen, dass so ein kleiner Hosenmatz mir den Rang ablaufen würde? Gnadenlos wurde ich in die Ecke gedrängt. Die Kinder, die früher ihre Hände nicht von mir lassen konnten, rühren mich heutzutage kaum noch an. Nur deren Mutter staubt mich ab und zu Mal ab, wie sie es mit allen Objekten tut, die im Wohnzimmer stehen. Ich habe sie richtig lieb gewonnen. Die ganze Familie habe ich lieb gewonnen, denn jeden Einzelnen kenne ich besser, als deren Beichtvater. Was haben sie mir alles im Gespräch mit anderen anvertraut. Von leisem Liebesgeflüster, bis zu wütenden Drohungen, wurde die ganze Bandbreite an Gefühlen ausgeschöpft. Wer sich das anhört, der kann nicht anders, er leidet mit.

Jetzt bin ich aber gespannt, wer etwas von der Familie will.

Das ist ja unerhört! Einem von ihnen wurde das Handy gestohlen.

Doch meine Empörung hält sich in Grenzen. So was musste ja Mal geschehen, mit mir kann das nicht passieren. Jetzt seid ihr froh, dass ich noch da bin und für kurze Zeit einspringen kann.

Doch verzeihen zählt zu meinen vornehmsten Eigenschaften. Ich freue mich schon auf die Gespräche, bis mich mein zukünftiger Kollege ablösen wird. Trotz seiner Vielfältigkeit und den fantastischen Funktionen, stecke ich ihn noch alle Mal in die Tasche. Beruhigt lege ich mich wieder schlafen, denn es wird noch eine turbulente Woche werden.




Wandel der Jahreszeiten

Das letzte Glimmen des Lichterfestes ist längst erloschen. Bunt glitzernde Girlanden, mit denen ich kurz zuvor noch mein Heim schmückte, liegen nun sorgfältig verpackt in der Kommode und warten auf ihren nächsten Einsatz im kommenden Winter. Sehnsüchtig blicke ich zur Sonne, in derem Glanz die Tage länger werden. Meine Seele jubelt, wenn ich Anzeichen erblühenden Lebens entdecke. Mir ist, als sei ich aus dem Winterschlaf erwacht. Schneeglöckchen, die Wege in Gärten säumen, zaubern ein Lächeln auf mein Gesicht. Gemeinsam mit vorwitzig hervorblickenden Krokussen sind sie dazu berufen, das Herannahen des Frühlings zu verkünden.
Noch ist der Winter ist nicht vorbei. Täglich kann sein eisiger Griff den strahlend blauen Himmel Lügen strafen und in stürmischem Zorn den Boden mit einem Tuch aus weißen Kristallen bedecken. Doch all sein Toben und Wüten kann meine fröhliche Stimmung nicht trüben. Eine neue Jahreszeit schickt sich an, das Regiment zu übernehmen.
Freudigen Herzens begrüße ich sie.




Gefangen.


Ich sitze am Schreibtisch in unserem Wohnzimmer. Jeden Tag, stundenlang.
Autos fahren am Haus vorbei. Ich kann sie hören, doch nicht sehen.
Ein freier Blick nach draußen, wird durch den Monitor des Computers gestoppt. Mit ihm verbringe ich meine Zeit. Dichte Vorhänge vorm Fenster lassen zwar genügend Licht in den Raum hinein, doch die Farbe des Himmels erahne ich eher, als dass ich sie erkennen kann. Manchmal dringt reges Zwitschern der Vögel in das Wohnzimmer hinein. Dann schaue ich sehnsuchtsvoll zum Fenster und versuche ihre vorbeifliegenden Schatten zu erhaschen.
Bald, ja bald sind die Außentemperaturen angenehm genug, dass ich die neun Stufen der Treppe hinuntergetragen werden kann und ich im Garten die warme Luft genieße.
Hören, riechen, sehen und fühlen, mit allen Sinnen werde ich milde Frühlingstag in Kürze aufnehmen dürfen. Sechs Monate lang habe ich mich schon auf kurze Aufenthalte im Freien gefreut.


Warten auf den Frühling

Dunkel türmen Wolkenberge
sich am fernen Firmament,
bringen Regen, keine Wärme,
heiß im Haus der Ofen brennt.
Zartes Grün, versteckt geboren,
bricht heraus in Wald und Flur.
Winter, hast den Kampf verloren,
neu erwacht nun die Natur
Mag den Mantel nicht mehr tragen,
der vor Kälte mich geschützt.
kann es aber auch nicht wagen
anzuzieh‘n, was noch nichts nützt.
Frohe Menschen, sexy Kleider,
schaue ständig danach aus,
beim Pariser Mode-Schneider,
kommt die Sonne schon heraus.

Damals

Es ist mir wirklich schleierhaft,
wie hat man früher es geschafft,
erreicht zu werden und zwar täglich,
ohne Handy, wie war‘s möglich?
Manch Wort das erst kreiert,
wird im Neudeutsch integriert.
Wer Microsoft bisher nicht kannte,
ein kleines Softeis ähnlich nannte.
Computer gab es kaum im Haus,
wer kannte sich mit DOS schon aus?
Die meisten Würmer oder Vieren,
ließ man sich beim Arzt kurieren.
In Schulen wurde noch gebüffelt,
und kein Kokain geschnüffelt.
Zuweilen mussten Jungs sich raufen,
doch keiner wollt ‘ne Knarre kaufen.
Konnt in die Stadt fahrn ohne fluchen,
musste keinen Parkplatz suchen.
Ich denke gern an diese Zeit,
als "goldene" Vergangenheit


Narrengedicht

Dem Narren, was man oft vergisst,
nicht immer nur zum lachen ist.
Im Leben kommt er öfter vor,
hält sich für weise, dieser Tor.
Ein Narr, wer blindlings dem vertraut,
was seine Bank nicht Mal durchschaut.
und Aktien kauft – oh, armer Mann,
der sich nen Crash nicht leisten kann.
Wer sich verliebt, ganz närrisch tut,
den Freund vergisst, im Übermut.
umarmen könnt, die ganze Welt,
ist bald auf sich allein gestellt.
Sport macht Doping unerlässlich
und die Athleten sehr vergesslich
Nationen wollen den Gewinn,
der Narr gibt die Gesundheit hin.
Im Kaufhaus wundre ich mich sehr,
wenn Narren kaufen immer mehr
sich Fetzen, die im andren Land
gefertigt sind von Kinderhand.
In Firmen muss er viel ertragen,
weil keiner wagt sich zu beklagen.
Wer’s trotzdem tut, den wirft man raus,
denn Narren sterben niemals aus.