Inhalt:

Rotkäppchen und der hungrige Wolf
Wolfskönig
Das Geschenk
Johannisfeuer
Der magische Kuss
Ein schwieriger Geselle
Bruderzwist
Zwei Waldgeister in der Fremde
Eisprinzessin Einar
Wintersonnenwende
Nebelhexe Schattira
Im Wunsch gefangen

 

 

 

 

 

Rotkäppchen und der hungrige Wolf

 

Es war einmal, da eilte ein junges Mädchen durch den Wald zu einer Hütte, in der seine Oma lebte. In Händen hielt das Kind einen Korb aus dem es verlockend nach Gesottenem und Gebratenem duftete. Jeden Tag machte es sich auf den Weg, um die alte Frau mit Mahlzeiten zu versorgen. Bei ihm zu Hause wurde Großmutter nicht mehr geduldet da sie unter Gedächtnisschwund litt, was zu ständigen Zerwürfnissen mit ihrem Sohn führte. Das kleine Mädchen liebte seine Oma sehr und verbrachte fast jede freie Minute mit ihr. Gern half es ihr sich zu erinnern und lauschte geduldig den Erzählungen der Alten. Beide lachten herzhaft miteinander und musizierten, dass es eine Freude war ihnen zuzuhören.

Als der Winter kam, machte sich seine Mutter große Sorgen, denn  der Weg wurde immer beschwerlicher. Doch alles Bitten und Zureden bei ihrem Mann half nichts. So lange Oma sich nicht an bestimmte Dinge erinnern würde, musste sie im Walde leben. Verbannt von der Familie, weit fort von ihrem Sohn.

Aus diesem Grunde lief das Mädchen auch bei tiefem Schneegestöber zu seiner Oma, die Töpfe gefüllt mit leckerem Essen. Bei allen Wegen setzte es sich ein rotes Käppchen auf, das wärmte und weithin sichtbar war. Dies stand ihm so gut, dass es von jedermann nur noch Rotkäppchen genannt wurde.

Eines Tages, Rotkäppchen war gerade bei Großmutter angekommen, klopfte es stürmisch an der Tür des Häuschens. Verwundert öffnete das Kind, doch noch mehr staunte es als ein prachtvoller Wolf um Einlass bat. Er habe großen Hunger gestand er und würde zu gerne mit den beiden Frauen speisen, es solle auch ihr Schaden nicht sein.

Großmutter wollte den Wunsch des Tieres sogleich gewähren, doch ihre Enkelin erhob Einwände. Zuerst müsse der Wolf zeigen, dass er sich gesittet benehmen könne, dann würde er an ihrem Tisch willkommen sein. Dazu gehören unter anderem auch, sich die Pfoten zu waschen, auf dass jede Kralle blitzblank glänzten.

Der Wolf wurde ungehalten ob den strengen Bedingungen Rotkäppchens, die er kaum erfüllen konnte. Ließ sie ihn aber am Essen schnuppern, dann fügte er sich ergeben und gab sich die größte Mühe. Siehe da, das Unmögliche geschah, bald saßen sie zu dritt am Tisch und ließen es sich munden. Kaum waren alle satt geworden, erhob sich der Wolf, dankte artig und erinnerte an sein zuvor gegebenes Versprechen.

Weil beide Frauen den Tisch mit ihm geteilt hatten und der Mär vom bösen Wolf keinen Glauben schenkten, wolle er sich erkenntlich zeigen und Großmutter von ihrem Gedächtnisverlust befreien. Nur so könne sie wieder als wissende Magierin zu ihrer ursprünglichen Bestimmung finden und Märchen mit der realen Welt von Menschen vereinen. Nur eine weise Frau wie sie sei fähig, Träume in denen alles möglich war, bei erwachsenen Menschen wieder aufleben zu lassen. Ein Fluch habe sie einst getroffen von dem sie nur erlöst werden konnte, wenn ein wildes Tier bei ihr Aufnahme finden würde. Dies sei nun geschehen und deshalb wünsche er ihr gutes Gelingen in der Zukunft.  

Rotkäppchens Oma wusste, dass eine große Verantwortung auf ihr lag und war bereit diese Bürde auf sich zu nehmen.

„Und du mein lieber Wolf, was ist dein Begehr?“, wollte sie wissen.

„ Ach nichts weiter“, druckste er herum. „ Es ist nur so, dass ich mich unsterblich in eure Enkelin verliebt habe.“

„Nanu, obwohl sie von euch so unnachgiebig auf menschliches Benehmen bestand?“

„Sie war stur, mutig, selbstbewusst, verlässlich und liebevoll euch gegenüber. Ich bewundere sie, eine bessere Partnerin vermag ich nicht zu finden. Bitte erlaubt, dass ich um ihre Hand anhalte.

Großmutter hätte eine Vermählung zwischen dem Wolf und Rotkäppchen gern gesehen, doch dazu war das Mädchen noch viel zu jung. Außerdem hatten ihre Eltern in dieser Angelegenheit auch noch ein Wörtchen mitzureden. Deshalb beschränkte sich die Magierin  darauf, den ungewöhnlichen Freier in menschlichen Gebräuchen zu unterweisen und falls nötig auch zu verwandeln.

 

Rotkäppchen war zu einer lebenslustigen jungen Frau herangewachsen, die viele Blicke auf sich zog. Ein junger Mann erregte besonders ihre Aufmerksamkeit. Er sah blendend aus, war gebildet, strahlte vornehme Zurückhaltung aus und schien wohlhabend zu sein. Doch das war es nicht, was sie an ihn so faszinierte. Sah sie in seine Augen, dann kribbelte es an ihrem ganzen Körper bis in die Fußspitzen hinein. Kein Anderer übte solch eine Wirkung auf sie aus, es war einfach unvergleichlich. Das Mädchen beschloss den Blicken des wundersamen Mannes stand zu halten. Sah es darin die urwüchsige Kraft eines verliebten Wolfes, oder den Zauber ihrer Jugend, keiner vermochte es zu sagen. Jedenfalls konnte sie sich kaum von ihm lösen. Ergeben sank sie in seine starken Arme, die ihr Schutz und Anerkennung verhießen. Ja, sie wollte ihn heiraten und da ihre Eltern keine Einwände erhoben, wurde die Ehe sowohl im Himmel, als auch in der Märchenwelt geschlossen.

 

 

 

 

 

 


Wolfskönig

Es war einmal eine Zeit, da litten die Menschen am Hügel des grünen Berges, große Not.
Die Sonne hatte sich in den hintersten Winkel des Himmels zurückgezogen und wollte gar nicht mehr scheinen. Keine Pflanze wuchs wie gewohnt, auch Bäume trugen kaum Früchte.
„Was können wir nur tun, um im kommenden Winter zu überleben? Ohne ausreichende Vorräte wird es uns schlecht ergehen.“, klagten sie einander.
Die zwei letzten Monate des Jahres wurden schlimmer als befürchtet. Bereits im November schneite es so heftig, wie nie zuvor. In den Ställen mussten Tiere bereits hungern, weil das Futter knapp wurde. Entweder bekamen Pferde zuwenig Heu, oder Kühe mussten darben. Doch weil Kühe Milch gaben, erhielten sie immer die größeren Portionen.

Sorgenvoll ging Bauer Hendrik in den Pferdestall zu seinem Lieblingswallach „Stürmer“. Weich und warm rieb das Tier seine Nüstern an Hendriks Hand.
„Ist ja schon gut mein Bester. Ich weiß, was du möchtest. Mein Herz blutet, wenn ich sehe, wie mager du geworden bist. Ein Fluch liegt auf uns und ich weiß nicht, warum.
Du warst immer mein treuer Begleiter. Deshalb verspreche ich dir, dass du nicht lange leiden musst“.
Mit Tränen in den Augen holte Bauer Hendrik den letzten Sack Hafer vom Scheunenboden und verteilte zwei Scheffel unter seinen Pferden. Begierig nahmen die Tiere das Futter auf.
Hendrik trat einen Schritt zurück und sah ihnen traurig zu.
Fresst nur meine Lieben. Wenn nichts mehr da ist, wird es das Ende sein – für uns alle.
Da hob Stürmer den Kopf und sprach mit menschlicher Stimme.
„Was hast du vor? Willst du etwa jetzt schon aufgeben?“
 War ein Wunder geschehen, träumte er, oder konnte sein Pferd plötzlich reden?
„Ach Stürmer, ich weiß nicht mehr weiter. Der Winter dauert noch lange und die Scheune ist leer.“
„Du hast Frau und Kinder, auch für sie trägst du eine Verantwortung.“, mahnte das Pferd.
„Die werden ohne mich besser zurrecht kommen. Im Keller lagern noch einige Lebensmittel für Notfälle. Außerdem können sie ja auch eine Kuh schlachten und wenn ein Esser weniger am Tisch sitzt, dann werden sie bis zum Frühjahr gut auskommen.“
Als er das ausgesprochen hatte, sank Hendrik verzweifelt zu Boden.
Stürmer bäumte sich auf und schnaubte unwillig.
„Es muss doch eine andere Lösung geben.“
„Was schlägst Du vor?“
„Fülle den restlichen Hafer in Futterbeutel, die wir mitnehmen können. Dann spanne Orlando und mich vor den Schlitten. Lass uns gemeinsam auf Suche nach Nahrung gehen. Alles ist besser, als hier auf den Tod zu warten. Etwas dagegen zu unternehmen, ist es allemal wert.“
„Glaubst du?“, meinte Hendrik zweifelnd.
Stürmer wurde zornig, stampfte mit beiden Hufen auf und schimpfte.
„Mach schon! Verabschiede dich von deiner Familie, aber sitz hier nicht länger untätig herum. Je früher wir uns auf den Weg machen, desto besser.“
Hendrik wunderte sich, wie viel Tatendrang in seinem Weggefährten steckte. Es tat ihm gut sich von Stürmer ermutigen zu lassen.

Im Haus rief er seine Frau Gerlinde herbei:
„Ich werde auf die Reise gehen. Irgendwo wird bestimmt Futter feilgeboten. Auch wenn Händler dafür Wucherpreise verlangen, das Überleben der Tiere ist mir jedes Goldstück wert."
Beherzt griff er in die Schatulle.
Gerlinde erzählte, sie habe seit mehreren Tagen davon geträumt, sich von ihm trennen zu müssen. Aber nur für kurze Zeit, dann wären alle Sorgen überstanden.
Ohne Widerrede packte sie einen Proviantbeutel zusammen und drückte ihm seine Flinte in die Hand.
„Damit du dich verteidigen kannst, es lungert viel Gesindel auf der Straße herum.“
Beide küssten und herzten sich innig, dann ließ sie ihn ziehen.

Hendrik eilte in den Stall, um seine Pferde anzuschirren. Das einfache Gespann war nicht für Spazierfahrten gebaut worden, sondern um Lasten aufzunehmen.
Bevor er den Hof verließ, drehte er sich ein letztes Mal um. Gerlinde stand an der Haustür und winkte zum Abschied.
„Diese Fahrt machst du nicht umsonst, das fühle ich ganz deutlich. Mach dir um uns keine Sorgen.“, rief sie ihm hinterher.

Er war nicht so zuversichtlich und wusste auch gar nicht, in welcher Richtung der Schlitten gelenkt werden sollte.
„Stürmer, nun überlasse ich es dir, wohin die Reise geht.“, sagte er zu dem Wallach.
Der Schnee fiel so dicht, dass man keine zwei Meter weit sehen konnte. Hendrik hatte vollkommen die Orientierung verloren. In der Ferne heulten Wölfe. Ein Schauer lief ihm den Rücken hinunter und er trieb seine Pferde zur Eile an. Plötzlich blieben sie einfach stehen. So sehr Hendrik auch mit den Zügeln knallte, sie trabten keinen Schritt weiter.
Unter dem Schlitten knackte es verdächtig. Dem Geräusch nach hatte das Gespann feste Wege verlassen und stand auf einem See, dessen Eisdecke unter dem Gewicht zu brechen drohte.
„Stürmer, Orlando, bewegt endlich eure Hufe. Wir müssen schnell weg von hier, oder werden versinken!“, rief Hendrik in panischer Angst.
Ein Rudel Wölfe hatte sich herangeschlichen. Gemächlich umrundete ihr Anführer das Gespann. Seidig glänzte das hellbraune Fell am kräftigen Körper und verlieh ihm ein majestätisches Aussehen.
„Wie kannst Du Unseliger es wagen bei mir einzudringen? Hast Du keine Angst von meiner Meute gefressen zu werden?“, fragte er und seine Augen funkelten böse.
„Meine Pferde führten mich hier her. Ihrem Instinkt vertraue ich mein Leben an.“, erklärte Hendrik. Verzeiht, doch momentan fürchte ich mehr im See einzubrechen, als zähnefletschende Wölfe.“
 

„Mutig, mutig. Doch höre, hier ist mein Revier. Wenn ich sage, dass das Eis hält, dann kannst Du Dich darauf verlassen. Aber sobald ich es mir anders überlege, ist es um Euch geschehen.“
„Wer bist Du, was hat Dir so viel Macht verliehen?“, fragte Hendrik verwundert.
„Ich bin der König dieser Gegend. Meiner Zauberkraft unterliegt alles, sogar die Natur kann ich beeinflussen.“, erwiderte der Leitwolf stolz.
„Beeindruckend. Vielleicht kannst Du mir helfen?“
„Pah! Wie käme ich dazu?“,
„Gibt es etwas, womit ich Dir helfen kann?“, versuchte er es anders herum. „Sollte es mir gelingen, dann erwarte ich eine Gegenleistung. Oder möchtest Du in der Schuld eines nichtswürdigen Menschen stehen?“
„Ganz schön schlau mein Lieber“, meinte der Wolfskönig anerkennend.
„Wenn ich es recht bedenke, dann gibt es tatsächlich etwas, wobei ich Deiner Hilfe bedarf. Das Bein meines Sohnes ist krank. Es tut ihm so weh, dass er nicht mehr jagen kann. Mach ihn gesund. Ich liebe ihn, wie meine Gefährtin.“
„Zuvor muss ich seine Läufe untersuchen. Wird er es zulassen?“
„Wenn ich es ihm sage, dann ja.“
„Auch wenn es weh tut?“
„Nun fang schon an und ärgere mich nicht mit dummen Fragen, sonst…“, knurrte der Wolfskönig ärgerlich.
Hendrik ging zu dem verletzten Tier und bewegte vorsichtig seine schmerzende Pfote. Sie war geschwollen, aber zum Glück nicht gebrochen.
Im Schlitten lag doch sein Vorratsbeutel. Gewiss hatte ihm Gerlinde nicht nur Essen, sondern auch Wundpflaster und heilende Kräuter mitgegeben. Als er danach griff, wurde nicht enttäuscht.
Sanft streichelte er seinen Pferden über den Rücken.
„Was ist? Warum scheut ihr nicht? Schließlich sind wir unter Wölfe geraten. Habt ihr keine Angst?“
„Das sind keine reißende Bestien, sondern Fabeltiere. Ihre Magie hat mich zu ihnen geführt. Nein, Orlando und ich, wir haben keine Angst vor ihnen. Wenn sie uns ein Leid antun wollten, hätten sie es längst getan. Beeil Dich bitte, uns wird kalt vom langen herumstehen.“, antwortete Stürmer.

Schnellen Schrittes ging Hendrik zum Rudel zurück.
Mit geübten Griffen legte er einen Verband um den verstauchten Fuß des Wolfskindes. Die schmerzlindernden Kräuter schienen sofort zu wirken. Kaum war Hendrik fertig geworden, rappelte sich das Jungtier auf und humpelte zu seinem Vater. Der konnte sein Glück kaum fassen.
„Ich bin Dir zu Dank verpflichtet. Sag schnell, was kann ich für Dich tun?“
Hendrik erzählte von der Hungersnot, die am Hügel des grünen Berges herrschte und wegen der er unterwegs war.
„Wenn dem so ist, so folge meinen Gefährten. Sie werden Dich zu einer verlassenen Hütte geleiten, in der Du alles findest, was Dein Herz begehrt. Lade ruhig so viel ein, wie der Schlitten zu tragen vermag. Ich habe sowieso keine Verwendung für das Zeug.
„Wem gehört die Hütte?“
„Mir. Aber, warum interessiert Dich das? Ich schenke Dir alles, was drinnen ist.
Kommst Du noch einmal wieder und siehst Dir das Bein meines Kindes an?“
Hendrik versprach es.

Keiner hatte je einen Pferdeschlitten gesehen, der rechts und links von Wölfen begleitet wurde. Auch Hendrik beschlich ein ungutes Gefühl. Als er die Hütte erreichte, war er froh, heil angekommen zu sein. Beim Eintreten stockte ihm der Atem. Ihm war nicht zu viel versprochen worden. Der Raum war mit Rüben, Äpfel, Gerste, Hafer, Heu, Kartoffeln und Wintergemüse angefüllt.
Bevor er alles einlud, gab er erst seinen Pferden einige Äpfel als Leckerbissen. Hmm, die schmeckten ihnen und auch er biss kräftig in eine Frucht hinein.
„Was haltet ihr davon, wenn wir hier übernachten, bevor es auf Heimreise geht? Ihr könntet euch den Bauch vollschlagen und etwas ausruhen.

Am nächsten Morgen stand Hendrik früh auf, denn erkonnte es kaum noch erwarten, seine Familie in die Arme zu schließen.
Gewissenhaft lud er Schicht um Schicht alles Essbare auf. Das Heu legte er oben drauf, damit es die anderen Sachen vor Kälte schützt.
Kaum war alles verstaut, wollte Stürmer auf direktem Weg den Schlitten in den heimischen Stall ziehen, doch Hendrik hielt ihn zurück.
„Wir müssen zuerst noch bei den Wölfen vorbei. Ich habe es versprochen.“
„Aber das ist ein großer Umweg.“, maulten Orlando und Stürmer gemeinsam.
„Nichts da. Es wird gemacht, was ich sage. Ab heute übernehme ich wieder die Führung.“
„Du hast gut reden. Sitzt bequem auf dem Kutschbock, doch wir müssen uns abrackern.“
„Seid froh, dass der Schlitten voll beladen ist. Aber wenn ihr wollt, dann werfe ich einfach alles wieder raus. Was haltet ihr davon?“
Verstört entschuldigten sich die Pferde, ihre kleine Rebellion war gescheitert.
Entschlossen lenkte Hendrik das Gespann auf den See. Die Eisdecke war dünner geworden, denn sie zeigte schon Risse. Ängstlich setzten Orlando und Stürmer einen Huf vor den anderen.

Der Wolfskönig freute sich Hendrik wieder zu sehen.
„Niemand außer Dir, hätte sich auf das Eis gewagt.“
„Du hast mir doch versprochen, dass wir nicht einsinken werden und ich vertraue Dir. Wo ist denn mein kleiner Patient?“
„Der springt schon wieder herum, als sei nichts geschehen. Dafür werde ich Dich belohnen.“
„Das hast Du doch schon getan.“, sagte Hendrik und zeigte auf den beladenen Schlitten.
„Für Deine Hilfe habe ich Dich belohnt, das ist wahr. Aber, dass Du Wort gehalten hast und mir glaubst, dafür habe ich Dich noch nicht belohnt. Immer noch gelten Wölfe bei Menschen als hinterhältig und listig.“
Mit einer Pfote kratzte der König Schnee vom Eis. Hervor kam ein Bergkristall, der im Sonnenlicht funkelte.
„Nimm ihn. So lange Du ihn besitzt, wird sich Dein Schlitten immer wieder von alleine auffüllen. Verteile die Nahrung unter den umliegenden Gehöften, denn auch dort ist das Leid groß. Ab Ende März müsst ihr wieder für Euch selber sorgen. Dann werde ich den Kristall mit all seiner Zauberkräften zurück fordern.“
„Wie kann ich Dir danken?“, sprach Hendrik gerührt.
„Lass uns Freunde sein. Erzähle allen Menschen, dass es den bösen Wolf nicht gibt und sie aufhören sollen auf uns zu schießen. Wir brauchen jeden Fürsprecher, um uns von den alten Geschichten zu befreien.

 

 

Das Geschenk

 

Als der Juni ins Schloss der Jahresmutter gerufen wurde, musste er sich vor den anderen Monaten  rechtfertigen. Mit seiner Absicht Wärme zu verbreiten hatte er es übertrieben. Nicht nur Menschen fiel es schwer die Temperaturen auszuhalten, auch alle Pflanzen litten unter der andauernden Trockenheit. Ihre Fruchtstände konnten sich nicht ausreichend entwickeln, weil ihnen das notwendige Wasser fehlte.

„Du Blödian glaubst wohl aus der Reihe tanzen zu können. Es geht hier nicht nur um dich allein. Wir alle müssen darauf achten, dass sich die Natur voll entfalten kann.“, schimpfte sein  Bruder September.

„Wofür steht mir Hitze zur Verfügung, wenn ich sie nicht einsetzen darf?“, verteidigte sich der Beschuldigte.

„Kannst du doch, aber in Maßen. Wir müssen sorgfältig mit unseren Fähigkeiten umgehen. Das hast du nicht getan und jetzt haben wir den Salat. Ähm, es wäre schön wenn wir Salat hätten, aber der konnte bei diesem Klima nicht gedeihen. Ich meine natürlich, dass wir uns jetzt überlegen müssen, wie wir den angerichteten Schaden wieder gut machen können.“ 

Nun war Juli an der Reihe das Wetter zu bestimmen, deshalb richtete sich alle Aufmerksamkeit auf ihn.

„Damit ich sehen kann was am dringendsten benötigt wird, möchte ich erst eine Bestandsaufnahme machen.“, schlug er vor.

Beifall erfüllte den Saal.

Der Juni stand wie ein begossener Pudel neben ihm und war sich keiner Schuld bewusst. Alle schwärmten doch vom sonnigen Süden, wollten sogar in Afrika Urlaub machen und jetzt, wo er herrlich heißes Wetter den Europäern geschenkt hatte, war es auch wieder nicht Recht. Zornig brüllte er die anderen Monate an.

„Macht doch euren Sch… alleine!“

Der April wollte vermitteln, wurde aber vom Dezember zurück gehalten.

„Lass ihn, der beruhigt sich auch wieder. Jedem fällt es schwer sich Fehler einzugestehen. Jetzt bin ich aber neugierig zu welchem Resultat der Juli gekommen ist.“

 

Dass kühlender Regen fehlte war offensichtlich. Ausgetrocknete Erdböden zeigten Risse und die Waldbrandgefahr stieg erheblich.

Entschlossen krempelte der Juli seine Ärmel hoch und sammelte überm Meer entstandene Feuchtigkeit ein, die er übers Land scheuchte.

„Autsch, pieks doch nicht so, du tust uns weh“, beklagten sich helle Stimmen.

Verwundert hielt der Juli inne.

Im Wolkengebilde, das er vor sich her schob, schwirrten elfengleiche Wesen herum, die nur aus Tropfen zu bestehen schienen. Ängstlich hielten sie sich aneinander fest. Einfallendes Licht brach sich in tausend Facetten.

Beeindruckt von deren Schönheit fragte der Juli:

„Wer seid Ihr? Ich habe Euch noch nie gesehen.“

„Das ist wieder einmal typisch für Monate.“, meldete sich eine der Schwestern zu Wort.

„Jahr um Jahr begleiten wir Euch, erleben die gleichen Temperaturen, halten denselben Stürmen stand und dann bemerkt Ihr uns noch nicht einmal.“

„Das ist keine Antwort auf meine Frage. Wer, oder was seid Ihr?“

„Wir sind die Seelen des Wassers. Ohne uns gäbe es diese Kostbarkeit nicht.“

„Was tut ihr dann am Himmel? Warum lasst ihr euch nicht auf die Erde fallen, wo ihr sehnsüchtig erwartet werdet?“

„Hast du eine Ahnung, was uns bevorsteht. Früher, da machte es richtig Freude sich dort aufzuhalten. Doch heute? Es ist ja so dreckig da unten, dass wir beschlossen haben zu streiken.“

„Moment Mal, das geht doch nicht! Ihr dürft nicht streiken, oder aus grünen Landstrichen wird eine Wüste werden.“

„Stein- oder Wasserwüst, was hättest du lieber?“, fragte eine der Rednerinnen keck.

„Keins von beiden. Ich mag prächtige Blüten, herb duftende Kräuter und herumtollende Kinder.“

Der Juli beschrieb seine Wünsche so bildhaft, dass sich einige Tropfenseelen vor Rührung nicht mehr in der Luft halten konnten und langsam niedersanken. Ihnen folgten andere, bis erfrischender Nieselregen einsetzte.

Erleichtert sah der Juli, wie alle Lebewesen der Erde aufatmeten.

Doch dann musste er mit ansehen, wie alle Wasserseelen gleichzeitig zu Boden fallen wollten.

„Weg da, mach Platz, ich bin zuerst dran. Dann musst du aber schneller sein.“, stritten sie untereinander.

Schnell entstand aus dem Segen ein noch größeres Unheil, als zuvor.

Flüsse erhoben sich aus ihren Betten und überschwemmten das ganze Land.

„Halt, halt, was macht ihr da. Seid ihr denn nicht eurer Verantwortung bewusst?“, schrie der Juli verzweifelt.

„Verantwortung, für wen?“, fragten die Seelen.

„Für uns alle.“

„Was haben wir davon?“

„Ein Geschenk das ich Euch überreichen werde, wenn ihr aufhört Land in Seen umzuwandeln.“

„Was soll das für ein Geschenk sein?“

„Das werdet ihr schon früh genug sehen.“

„Gib uns erst das Geschenk, dann überlegen wir uns, ob wir es überhaupt haben wollen.“

„Nein. Entweder ihr macht was ich euch sage, oder ihr bekommt gar nichts.“

Die Seelen des Wassers waren von Natur aus neugierig und beratschlagten was zu tun sei. Da alle anwesend sein mussten, damit jede Meinung berücksichtigt werden konnte, vergingen mehrere Wochen in denen kein Tropfen fiel.

Der Juli nutzte die Zeit, um es reichhaltig blühen zu lassen. Bienen schwirrten emsig umher und sammelten Nektar ein, wie sie es in jedem Honigmonat taten.

 

Schließlich trat eine der Seelen hervor und verkündete:

„Wir sind einverstanden und wollen uns besser benehmen.“

„Ihr hört auf das, was ich euch sage.“

„Treib es nicht zu weit. Wir sind und bleiben eigenständige Wesen.“

Selbstverständlich. Aber ich muss darauf bestehen, dass wir uns in Zukunft absprechen. Da von mir verlangt wird für das Wetter Rechenschaft abzugeben, bin ich auf Eure Mithilfe angewiesen.“

„Vergiss nicht das Geschenk! Was für ein Geschenk hast Du für uns?“, riefen die Geschwister aufgeregt.“

„Geruch. Bis jetzt habt ihr nach Nichts gerochen, das soll sich nun ändern. Wenn immer ein Tropfen auf die Erde fällt, egal worauf, werden ihn Lebewesen riechen können.“

„Du kannst gut reden. Wir haben keine Nasen um zu überprüfen ob es wahr ist, was du sagst.“

„Werft einen Blick auf die Erde, der wird alle Zweifel beseitigen.“

 

Sie sahen eine Familie, die dabei war Heu zu einzulagern. Schnuppernd drehte der Bauer sein Gesicht dem Wind entgegen.

„Wir müssen uns beeilen, es wird bald regnen.“, sagte er zu seinem Sohn.

Wie kommst du darauf? Der Himmel ist doch strahlend blau.“

„Mag sein, aber ich kann den Regen riechen. Steh nicht so dumm herum. Noch heute müssen alle Ballen im Schuppen sein“

 

Triumphierend sah der Juli die Wasserseelen an.

„Gerade konntet ihr hören, dass ich nicht zuviel versprochen habe.“

Die Wasserseelen jubelten. Ihre neue Eigenschaft gefiel ihnen und um sie nicht wieder zu verlieren, streikten sie nie wieder.      

 

    

     

 

 

 

 

 

 

Johannisfeuer

 

Vor vielen Jahren ließ sich am Rand des Dorfes eine junge Frau nieder. Sie hieß Johanna und kannte sich mit den Heilkräften von Kräutern bestens aus. Misstrauen schlug ihr von allen Einheimischen entgegen.

Woher kam die junge Frau? Warum hatte sie sich ausgerechnet bei ihnen niedergelassen? Wieso war sie nicht verheiratet und hatte keine Kinder?

Diese und ähnliche Fragen interessierten die Einwohner des Dorfes brennend.

Da sie aber stets freundlich war und jedem, der ihr begegnete ein Lächeln schenkte, wurde ihre Anwesenheit hingenommen.

Johanna war eine schöne Jungfer. Lange, blonde Haare umschmeichelten ihr schmales Gesicht. Hellblaue Augen und eine wohlgeformte Figur erweckte die Aufmerksamkeit der Burschen. Auch verheiratete Männer buhlten um ihre Gunst, doch keiner konnte sie erlangen.

 

Die Frauen des Dorfes sahen das mit heimlicher Genugtuung und luden die Fremde in ihre Häuser ein.

Als Johanna erzählte, Teemischungen und Salben herzustellen, erwarb sie sich deren Wohlwollen. Fast jede Mutter kannte noch Hausmittelchen aus alten Zeiten. Manche Weisheiten wurden ausgetauscht und Späße gemacht.

Von da an wurde Johanna bei den Dorffrauen freundlich aufgenommen. Dass ihr Holzhäuschen etwas abseits stand wunderte niemanden mehr. So wohnte sie näher bei den geliebten Kräutern, die sie zu ungewöhnlichen Zeiten pflückte.

Ihre Salben und Tinkturen wurden lieber benutzt, als vergleichbare Medikamente in der Apotheke. Sie waren gut verträglich und oft wirksamer.   

Auch die Kinder mochten Johanna. Bei ihr lernten sie verschiedene Vogelarten anhand der unterschiedlichen Stimmen zu erkennen. Jeder Gang in die Natur wurde für die Kleinen zu einem spannenden Erlebnis.

 

Besonders zu dem Mädchen Klara fühlte sich Johanna hingezogen. denn es war sehr wissbegierig. Blaue Flecken an Armen und Hals verrieten, dass es zu Hause oft geschlagen wurde.

 

„Wer hat dir das angetan?“, fragte Johanna eines Tages.“

„Mein Vater“; antwortete Klara traurig.

 „Er sagt, ich sei wie meine Großmutter. Die hätte auch den Teufel im Leib gehabt. Aber bei ihr wird er ihn herausprügeln. Dies sieht er als Liebesdienst an, für den ich ihm später noch dankbar sein werde“.

Johanna war entsetzt.

„Kanntest du deine Großmutter?“

„Nein. Kurz bevor ich geboren wurde starb sie. Aber oft träume ich von ihr. Wenn ich nachts weine, dann tröstet sie mich und verspricht mir, dass bald jemand kommt, der mein Leben ändern kann.        

 

Johanna ahnte, dass Klaras Großmutter eine von ihnen gewesen war. Ihrem Enkelkind hatte sie übernatürlichen Fähigkeiten vererbt, die dem Vater als Hexerei vorkamen.

„Wirst du mir helfen?“, fragte das Mädchen.

„Dir kann niemand mehr ein Leid antun, denn ich umhülle dich mit einem unsichtbaren Schutz.“, antworte Johanna. Wer immer dich schlagen oder verletzen möchte wird Vergeltung erhalten. Doch ich sage dir gleich, lange kannst du nicht mehr bei deiner Familie bleiben. Dein Vater wird es nicht dulden, dass du für ihn unantastbar geworden bist.

 

Nachdenklich machte sich Klara auf den Heimweg. Was sie an diesem Tag erfahren hatte war so unglaublich, dass sie meinte, mit offenen Augen zu träumen. Diese schöne junge Frau, der einzige Mensch bei dem sie sich verstanden fühlte, sollte eine Hexe sein?

Aber Hexen waren doch alt, hässlich, hatten einen Buckel und eine dicke Warze auf der gebogenen Nase.

Der Prügelschutz war bestimmt auch eher ein Wunschgedanke, als Realität.

 

Als sie zu Hause ankam, fragte der Vater mit bedrohlicher Stimme.“

Wo hast du dich so lange herumgetrieben?“

„Ich habe mich nicht herumgetrieben, sondern war bei Johanna.“, antwortete Klara ehrlich. „Wir haben einen wunderschönen Nachmittag verbracht.“

„So, so, bei der Kräutertante warst du. Sie macht alle Weiber im Ort närrisch. Ich verbiete dir, sie noch einmal zu besuchen.“

Das erste Mal in ihrem Leben wagte Klara zu widersprechen.

„Was willst du dagegen tun, wenn ich trotzdem hingehe?“

Zornig hob der Vater die Hand und wollte seiner Tochter einen Hieb versetzen, doch dieses Mal war er es, der mit voller Wucht zu Boden fiel. Außerdem tat ihm seine Hand höllisch weh.

Verblüfft sah er Klara an. Sie stand noch am gleichen Platz, ihre Augen waren vor Schreck weit aufgerissen.

Benommen rappelte er sich auf. Bevor er das Zimmer verließ, drehte er sich noch einmal zu seiner Tochter um.

„Wir sprechen uns später. Glaub bloß nicht, dass ich mir deine Frechheit bieten lasse.“

 

Im Gasthaus „Zum Hirsch“, versammelten sich alle ehrenwerten Männer des Dorfes. Johanna muss schnellstens verschwinden, um die öffentliche Ordnung wieder herzustellen. Darin waren sich alle einig. So ging es jedenfalls nicht mehr weiter.

Der Apotheker beklagte, dass kaum noch seine Medikamente gekauft wurden und auch der Arzt blickte auf bedenklich viele leere Stühle in seinem Wartezimmer.

Der Lehrer in der Grundschule wusste nicht mehr, was er den Kindern im Naturkundeunterricht beibringen sollte. Sie hatten inzwischen mehr Ahnung, als ihr Lehrmeister. 

Die Frauen im ganzen Ort stellten plötzlich Ansprüche und verlangten, dass das Haus ihr Bereich ist,  wo sie die alleinige Verantwortung tragen.

Da stand Klaras Vater auf und berichtete, was ihm widerfahren war.

„Das ist der Beweis, auf den wir alle gewartet haben.“, verkündigte der Bürgermeister hocherfreut.

„In unserem Dorf treibt eine Hexe ihr Unwesen. Wir müssen sie vernichten, bevor es zu spät ist.“

„Aber wie sollen wir das tun?“, fragte der Apotheker.

„Ich habe eine ausgezeichnete Idee, aber dafür brauche ich willensstarke Männer.“, äußerte sich der Lehrer.

Bevor er mit der Sprache herausrückte, gab er eine Runde Bier aus.

„Auf die alten Zeiten Mögen sie bald wiederkommen.“, lautete sein Trinkspruch. Dann wurde er ernst.

„Heute haben wir den dreiundzwanzigste Juni, wenn das kein Zeichen vom Himmel ist.“

In der Runde, sah er nur verständnislose Gesichter.

„Habt ihr schon mal etwas vom Johannisfeuer gehört?“

Um seine Bildung zu beweise, meldete sich der Doktor zu Wort.

„Das ist ein Brauchtum bei dem ein Scheiterhaufen errichtet und angezündet wird. Die Verbrennung des Hansl, einer Strohpuppe, soll vor Dämonen, Hagel und Viehschäden schützen.“

„Genau. Johanna ist ein Dämon, vor dem uns das Johannisfeuer schützen wird.“

„Aber wir haben weder Scheiterhaufen, noch eine Strohpuppe, die darauf verbrannt werden kann.“

„Solche Dinge brauchen wir nicht. Unser Dämon lebt bereits in einem Holzhaus. Mit Balken verschließen wir Fenster und Tür, damit die Kräuterhexe nicht hinaus kann. Ein Ballen Stroh  reicht aus. Wenn wir ihn gut verteilen, brennt alles wie Zunder.

Nun ziert euch nicht und macht mit. Noch diese Nacht werden wir das teuflische Treiben los.“, drängte der Lehrer.

„Das ist ein Verbrechen, ihr geht eindeutig zu weit! Ohne mich. Was wollt ihr demnächst mit meiner Tochter machen?“ Klaras Vater ergriff panische Angst.

„Mach dir mal keine Sorgen. Klara ist ein liebes Kind, ihr werden wir nichts tun. Vielleicht  bist du auch nur ausgerutscht“, beruhigte der Bürgermeister den aufgeregten Mann.

„Noch ein Bier für meine Freunde, dieses Mal bezahle ich“, rief er dem Wirt zu.  

 

Das Feuer erhellte den Nachthimmel, als Johannas Häuschen brannte. Jene, die sowieso nicht schlafen konnten gingen hinaus, um nachzusehen, was passiert war. Es verschlug ihnen den Atem, als sie die Männer um lodernde Flammen tanzen sahen. Zum Löschen war es viel zu spät, doch alle Frauen wurden alarmiert, damit sie mit eigenen Augen sahen, welches  ungeheuerliche Verhalten in ihrem Dorf möglich war.

 

Klara bekam von all dem nichts mit. Beim Frühstück fragte das Mädchen nach ihrem Vater, der sonst immer an der Stirnseite des Tisches saß.

„Der schläft noch seinen Rausch aus. Wenn er wach ist, habe ich ein ernstes Wörtchen mit ihm zu reden.“

Das Mädchen bekam es mit der Angst zu tun.

„Was ist passiert?“

„Es sieht so aus, als hätten er und seine wahnsinnigen Freunde Johannas Haus angesteckt.“

„Ist sie schlimm verletzt?“

„Weiß nicht, niemand hat sie bisher gesehen.“

Klara stieß einen schrillen Schrei aus. Nichts hielt sie mehr zurück. In Windeseile erreichte sie den Platz, wo gestern noch das Holzhäuschen stand. Ein stechend beißender Geruch nahm ihr fast den Atem.

Vor den verkohlten Überresten brach das Mädchen schluchzend zusammen.                                              

„Nicht traurig sein“, sagte eine vertraute Stimme.

Wie vom Blitz getroffen fuhr Klara herum und blickte in Johannas Augen. Erleichtert fiel sie ihr in die Arme.      

„Wie konntest du den Flammen entkommen?“, stammelte das Kind

„Die Männer waren nicht gerade leise, als sie vor meinem Haus standen. Ich wusste sofort was sie im Schilde führten. Also verwandelte ich mich in einen Junikäfer und flog unbemerkt davon.“

„Du kannst dich verwandeln?“, fragte das Mädchen erstaunt.

„Hexen können noch viel mehr, aber wir wenden unsere Fähigkeiten nur im Notfall an.“

Dann wurde Johanna ernst.

„Ich sagte dir bereits, dass du nicht mehr lange zu Hause leben kannst. Schau nur, was sie mir antun wollten.“

„Wo soll ich denn sonst hin?“ Tränen glänzten in Klaras Augen.               

„Bleib einfach bei mir. Ich verspreche dir, dass du alles lernen wirst, was du wissen musst und auch das, was du möchtest.

„Oh ja“, jubelte das Mädchen. Bringst du mir auch bei, wie ich mich verwandeln kann?“

„Das kommt ganz darauf an, welche Fähigkeiten du besitzt.“

 

Arm in Arm gingen sie dem Horizont entgegen und wurden von niemand mehr gesehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der magische Kuss

 

Das Schloss der Maikönigin Marijella sah wundervoll aus. An seinen Mauern kletterte Blauregen hoch, dessen prächtige Blüten das Herz eines jeden erfreute.

Wenn die Sonne sanfte Wärme verbreitete, schlenderte die Maikönigin gern im Garten umher und genoss den Anblick des zart rosa blühenden Perlmuttstrauchs, der Sträucher, an denen dicht wachsende Schneebälle hingen, des duftenden Flieders und bewunderte die aufbrechenden Knospen der Kirschbäume. Doch nicht nur Bäume und Büsche fanden ihre Beachtung, auch die kleinen, unscheinbaren Pflanzen mochte sie gern.

Ganz besonders liebte sie die im angrenzenden Buchenwald versteckten Maiglöckchen.

Vögel bauten an ihren Nestern und zwitscherten munter. Auch das Summen der Bienen verriet emsiges Leben.

Marijella war glücklich über die Geschenke der Natur.

Auch ihr Volk wusste den Mai zu schätzen. Es gab viel zu tun, aber während der Arbeit hatten die Menschen immer ein Lied auf den Lippen.

 

Diese heitere Stimmung war Zakistro, dem Herrscher des Nachbarlandes, ein Dorn im Auge.

In seinem Reich fürchtete sich die Bevölkerung vor dem großen Zauberer. Er regierte mit unnachgiebiger Strenge, weil es ihm Freude machte, andere leiden zu sehen.

Selten drang Kinderlachen an sein Ohr. Sogar Vögel, die sein Land überflogen, verstummten.

Im Laufe der Zeit war sein Herz hart wie Stein geworden. Es ließ keine Gefühle mehr zu.

Wenn er jedoch ausritt und einen Blick in das Reich der Maikönigin warf, spürte er, dass ihm etwas fehlte. Dann wurde er zornig und ließ seinen Unmut an jedem aus, der ihm begegnete,

Aber nachts, wenn er sich zur Ruhe begab, quälte er sich mit dem Wissen herum, dass er etwas nicht hatte, das andere besaßen.

 

Eifrig suchte er in seinen Zauberbüchern nach einem Spruch, der ihn von diesem Mangel befreien würde, doch er fand nichts Passendes. Wütend schleuderte er die alten Meisterwerke in eine Ecke.

Dabei landete eines der Bücher weit geöffnet im Schmutz, und als Zakistro es aufheben wollte, stand auf einer Seite geschrieben:

Wen die Maikönigin küsst, dessen hartes Herz wird erweichen, damit Friede und Zufriedenheit wieder in ihm Einzug halten kann.

Es gab auch eine Bedingung.

Dieser Kuss müsse aus freiem Willen gewährt werden, keine Drohung dürfe gegen sie ausgesprochen werden, sonst sei der Zauber unwirksam.

Jahrhunderte lang hatte Zakistro gebraucht, um seine Herzensgüte loszuwerden. Er wollte sie auch nie wieder erlangen. Aber, wenn er so tat, als würde er tief bereuen, hätte die Maikönigin gar keine andere Wahl, als ihm zu helfen. Dann kam es darauf an, wessen Zauberkräfte stärker waren. Es würde einen Kampf zwischen Gut und Böse geben. Der Zauberer jubelte. Er war sich sicher, mit Tricks und Lügen dieses Duell für sich zu entscheiden.

Da er weder missgestaltet noch hässlich war, würde die Maikönigin ihm diesen magischen Kuss geben und damit ihr Schicksal besiegeln.

 

Am folgenden Tag stand Zakistro ungewöhnlich früh auf. Er zog sich die schönsten Kleider an, kämmte sein Haar, bis es glänzte, und sprühte sich mit wohlriechenden Düften ein. Als er sein Spiegelbild betrachtete, war er sehr zufrieden. Heute würde er der Schönste sein.

Wenig später hielt er eine Schatulle in der Hand. Ihr Inhalt konnte sogar eine Königin schwach werden lassen, dachte er.

 

Die Untertanen der Maikönigin waren sehr erstaunt, als sie den großen Zauberer erblickten. Sie hatten schon so viel von ihm gehört, dass sie ihn gleich erkannten. Trotz seiner Jugend sagte man ihm nach, dass er abgrundtief schlecht sein solle. Sein Stolz war bekannt, auch dass er schwarze Farben liebte. In seiner Nähe wurde es kalt. Dies war ein untrügliches Zeichen. Selbst bei strahlender Sonne begannen die Menschen zu frieren, wo immer er auftauchte.

Als Marijella ihn sah, trat sie ihm entschlossen entgegen.

„Was verschafft mir die Ehre Eures Besuchs?“, fragte sie ohne Umschweife.

Zakistro verneigte sich tief vor der Königin.

„Verzeiht, Eure Majestät. Erweist mir die Gunst, dies mit Euch unter vier Augen zu sprechen.“

Marijella sah sich um. Tatsächlich umringten sie neugierige Zuhörer.

„Wie Ihr wünscht. Zwar habe ich keine Geheimnisse vor den Bewohnern meines Landes, jedoch, da Ihr hier fremd seid, erlaube ich Euch, mich in die Bibliothek zu begleiten. Dort sind wir ungestört.

Sie bot dem Zauberer ihren Arm. Gemeinsam betraten sie das Schloss.

Kaum waren sie allein, überreichte der Zauberer ihr sein Geschenk. Im Kästchen lag eine Kette aus funkelnden Diamanten. Königin Marijella warf einen kurzen Blick darauf und legte es achtlos zu Seite.

„Sagt mir, Meister der Magie, was ist Euer Begehren?“

Zakistro fiel es schwer, seinen Wunsch zu äußern. Er redete allerlei um den heißen Brei herum, lobte die Schönheit der Königin und wie weise sie regieren würde. Vergeblich suchte er nach den richtigen Worten.

„Erspart Euch die Schmeicheleien. Sagt gerade heraus, was Ihr wollt.“, unterbrach ihn Marijella.

„Fast nichts, nur einen Kuss von Eurer Gnaden. Wenn Ihr mir den gewährt, kann ich wieder Mitleid empfinden.“

Die Maikönigin wich einen Schritt zurück. Sie wusste zwar von ihrer Fähigkeit, musste sie jedoch nie zuvor anwenden.

„Seid Ihr sicher, dass Ihr Euch von Grund auf ändern wollt, oder gibt es nicht genügend Frauen in Eurem Reich?“

„Frauen haben wir genug, aber nur Ihr könnt mir ein feinfühliges Herz geben.“

„Mir wurde berichtet, dass Ihr Eure Untertanen schlecht behandelt. Schaut Euch bei mir um. Hier werdet Ihr nur zufriedene Leute finden. Wir haben nichts gemeinsam. Ihr bürdet mir eine große Verantwortung auf. Nach meinem Kuss wird in Eurem Reich nichts mehr so sein, wie es war“

Da fiel Zakistro auf die Knie.

„Ich flehe Euch an. Mein erkaltetes Herz bringt Unglück über das ganze Land. Es liegt an Euch, dies zu ändern. Wie könnt Ihr an meiner Entschlossenheit zweifeln?“

„Nun denn. Wenn es unbedingt sein muss, bringen wir es schnell hinter uns.“

Der Zauberer spitzte triumphierend die Lippen. Doch als Königin Mariella ihm in die eiskalten Augen sah, konnte sie darin Gedanken lesen und erkannte Zakistros schändliche Absicht.

Bei diesem Kuss würde sie all ihre Zauberkräfte einsetzen müssen. In diesen schutzlosen Momenten konnte er Macht über sie erlangen und ihr ganzes Volk unterwerfen.

Marijella stieß einen Schrei aus und stieß sie ihn weit von sich.

„Elender Betrüger! Niemals werdet Ihr Euer Ziel erreichen. Wagt es nicht noch einmal mich zu belästigen und verlasst auf der Stelle mein Land!“

Zornig deutete sie auf das Kästchen mit dem Schmuck.

„Vergesst Euer Geschenk nicht, ich habe keine Verwendung dafür.“

„Das werdet Ihr noch bitter bereuen“, drohte Zakistro und machte sich auf den Heimweg.

 

Diese Demütigung wird ihr noch leid tun, zürnte Zakistro und rief seine getreuen Untertanen herbei, die „gestrengen Eismänner“.

Nacheinander wollten sie die Maikönigin aufsuchen und ihr Blütenmeer zerstören.

Am zwölften Mai suchte Pankratius das Land der Königin heim:

„Wenn's an Pankratius friert, so wird im Garten viel ruiniert“, dichtete er voller Schadenfreude und überzog die Erde mit einer dicken Raureifschicht.

Dies war die erste Missetat, weitere sollten folgen. Danach würde sich die Königin zweimal überlegen, ob es nicht doch besser sei, den Wunsch ihres Regenten zu erfüllen.

 

Am dreizehnten Mai versuchte Sevatius sein Glück. Er brachte starken Nachtfrost. Als er sein Unwesen trieb, warnten die Bäume ihre Königin:

„Servatius' Hund der Ostwind ist – hat manches Blümlein totgeküsst.“

 

Marijella weinte bittere Tränen. Am Tag darauf ging sie in den Garten und redete mit den Pflanzen. Sie erklärte ihnen, woher die plötzliche Kälte kam und was Zakistro von ihr verlangt hatte.

„Bleibt standhaft und macht Euch keine Sorgen“, trösteten sie die Blumen, obwohl der Frost ihnen arg zusetzte. „Unsere Wurzeln sind gut geschützt, wir haben schon Schlimmeres überstanden. Unsere Blüten kommen wieder, und dann sehen wir noch prächtiger aus.“

 

 

Nach Servatius musste das Land der Königin noch Bonifatius und die kalte Sofie ertragen.

Als auch die keinen unwiederbringlichen Schaden anrichteten, gab Zakistro endgültig auf.

Bald verkündete das fröhliche Klingeln der Maiglöckchen, dass die Kälte überstanden war.

Der Zauberer nahm seine Niederlage zähneknirschend hin. Im nächsten Jahr würde er es aufs Neue versuchen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein schwieriger Geselle.
 


Zwölf Kinder waren zum großen Familientreffen geladen worden, und alle erschienen mit unterschiedlichen Erwartungen.
Keines konnte sagen warum es diese seltsame Unruhe verspürte. Jedes ahnte, dass sie nie wieder alle zusammen sein würden.
Die Jahresmutter war eine Dame im zeitlosen Alter. Liebevoll hatte sie sich um jeden Einzelnen ihrer Söhne gekümmert, doch nun war es an der Zeit, sie in die Welt zu entlassen.
Sie hatte einen großen Gabentisch vorbereitet, auf dem alle möglichen Wetterlagen friedlich nebeneinander schlummerten. Sie mussten erst aktiviert werden, bevor sich ihre Wirkung entfalten konnte.

Die Begrüßung verlief herzlich, alle freuten sich über die unerwartete Einladung.
Es wurde viel geredet. Doch als die Brüder feststellten, wie unterschiedlich sie über ihre Zukunft dachten, gerieten sie darüber in Streit.

Da sprach die Jahresmutter mit lauter Stimme:
„Ihr seid jetzt alle erwachsen, deshalb trennen sich unsere Wege. Ich war gern eure Mutter und hoffe jedem das beigebracht zuhaben, was er für sein Leben braucht.“
Sie zeigte auf den Tisch.

„Hier finde ihr alles, um eurer Aufgaben zu erfüllen. Jeder kann sich das nehmen, was ihm gefällt. Greift unbekümmert zu, von allem ist reichlich vorhanden.
Dies werden meine letzten Geschenke an euch sein. Geht sorgsam mit ihnen um und macht mir keine Schande.“

Neugierig näherten sich Januar und Februar dem Gabentisch. Die beiden konnten sich gut leiden, oft genug steckten sie ihre Köpfe zusammen. So viele Wetterlagen an einem Ort hatten sie noch nie gesehen. Unschlüssig schweiften ihre Blicke umher. Bald fanden sie Schnee, Eis und frostige Nächte. Doch was sollten sie mit brütender Hitze anfangen? Ein bisschen Sonnenschein steckten sie sich ein, außerdem noch Wind und Regen. Zufrieden zogen sich die Wintermonate zurück. Damit würden sie gut über die Runden kommen.
Die anderen machten es ihnen nach. Eine Entscheidung zu treffen und sich etwas Passendes auszusuchen, war gar nicht so einfach. Da sie aber jede Art von Wetter mitnehmen konnten, wählten sie Situationen aus, die ihnen keiner zugetraut hätte. So fanden auch gravierende Ereignisse, wie Überschwemmungen und Wirbelstürme ihre wohlwollenden Abnehmer.

Bald hatte sich jeder Monat mit allem eingedeckt, was er begehrte. Nur der April stand noch unschlüssig herum. Er konnte sich einfach nicht entscheiden.
Zuerst raffte er alle auf dem Tisch liegenden Wetter zusammen. Doch weil er damit nur den Spott seiner Brüder herausforderte, wurde er wütend und warf alles wieder auf seinen ursprünglichen Platz zurück.
„Sei doch vernünftig“, wollte der August vermitteln.
„Du kannst nicht Sturm und Nebel gleichzeitig benutzen. Starker Wind reißt die Nebelbank auseinander“
„Ich will aber beides“, trumpfte der April auf.
„Wie sollen trockene Böden entstehen, wenn Du jede Menge Regen eingepackt hast?“
„Ich will sie trotzdem haben.“
„Einerseits nimmst du frostige Nächte, und dann wiederum sonnenwarme Tage mit aufblühenden Blumen. Hast du keine Angst, dass Kälte die zarten Knospen zerstört?“
„Und wenn schon. Dann fege ich eben mit Hagel alle abgestorbenen Pflanzenteile wieder hinweg.“
„Du machst Scherze - Aprilscherze.“
Hinter seinem Rücken hörte er einen Bruder lästern:
„Lass ihn doch. Die Sterblichen haben dafür ein Sprichwort. Sie sagen:
Des Menschen Wille ist sein Himmelreich.“
In seiner Aufregung, verstand der April nur das letzte Wort. Prompt verlangte er:
„Himmelreich, das will ich auch.“
Übermütig sprang er auf den Tisch und wühlte alle Geschenke durcheinander. Eine Weile später rief er nach seiner Mutter.
„Ich kann das Himmelreich nicht finden, wo hast du es versteckt?“
Die Jahresmutter wusste nicht, wovon die Rede war. Hilfesuchend wandte sie sich an die anderen Anwesenden. Der Juni machte ein eindeutiges Zeichen, dass er den April für einen Spinner hielt, und klärte sie über das Missverständnis auf.
Kopfschüttelnd wies sie ihren Sohn zurecht.
„Junger Mann, bei dir scheinen meine Erziehungsmethoden fehlgeschlagen zu sein. Du benimmst dich immer noch wie ein ungezogenes Kind. Dich kann ich nicht allein lassen, deshalb werde ich März und Mai bitten, auf dich aufzupassen.
Was sehe ich da? Du hast ja noch gar keine Gaben eingesammelt. Komm, gemeinsam suchen wir uns eine schöne Zusammenstellung für dich aus.“
Mit dem unterschiedlichsten Wetter beladen, musste der April seinen Platz zwischen den vernünftigeren Frühlingsmonaten einnehmen. Diese waren zwar von der Entscheidung ihrer Mutter nicht begeistert, konnten ihr aber keinen Wunsch abschlagen.

Nachdem alles zur Zufriedenheit der Jahresmutter geregelt war, konnte sie sich endlich zurückziehen und ihren Söhnen die Verantwortung übergeben.
Vier Wochen lang sollten sie sich ungestört austoben, mussten aber beim nachfolgenden Monat Rechenschaft ablegen. So war ihrer Meinung nach die Zusammenarbeit mit der Natur gewährleistet.
Als der April an der Reihe war, sann er lange über seine Möglichkeiten nach. Wie konnte er es den Menschen heimzahlen, dass sie ein Himmelreich besaßen, er aber nicht. Immer noch gab sich der April unberechenbar. Vernünftig sein, war ihm viel zu langweilig. Er wollte Spaß haben.
Sah er zum Beispiel einen Sterblichen, wie der Beete seines Gartens zur Aussaat vorbereitete, dann zog er eine Wolke heran und ließ es kräftig regnen. Völlig durchnässt, mit zentimeterdicken Schlamm an den Schuhen klebend, musste der arme Mensch seine Arbeit aufgeben.

Danach konnte die Sonne ruhig wieder scheinen.
Anderen Leuten blies der April Hut oder Mütze vom Kopf. So bald sie sich danach bückten, flog ihre Kopfbedeckung weiter weg, bis sie in einer nahe gelegenen Pfütze landete.
Er amüsierte sich köstlich über seine gelungenen Streiche, die keinen großen Schaden anrichten.

Menschen waren seine bevorzugten Opfer. Noch immer hatte der April ihnen nicht verziehen, dass er kein Himmelreich haben konnte.

Sollten sie sich doch dorthin zurückziehen. Solange sie noch auf der Erde weilten, würde er sie ärgern, wo er konnte.    
 


 

 

Bruderzwist

 

Im Wald herrschte Eiseskälte. Zierliche Elfen schwebten bibbernd im Dickicht des Waldes umher. Ihre zarten Flügel waren vor Kälte ganz steif geworden, sodass ihnen das Fliegen schwer fiel.

„Wo bleibt der Frühling nur?“, fragten sie einander ungeduldig.

Sie trugen hauchdünne Kleidchen, die im Winter keinen Schutz gegen den grimmigen Frost boten. Alle Elfen sehnten den Frühling herbei - wie schön ist es, wenn zartes Grün durch feuchten Boden stößt, die ersten Blumen sich entfalten und Sonnenstrahlen graue Wolkengebirge durchbrechen. Auch ihr Dasein wird dann leichter und fröhlicher.

So sehr sich die kleinen Wesen auch umschauten, nur Schneeglöckchen und Gelblinge kündigten an, dass im Jahresbuch schon März stand.

Bäume stöhnten bereits. Auf ihren Ästen lag immer noch Schnee, es war viel zu kalt, sich mit aufbrechendem Grün zu bekleiden.

 

„Mir reicht’s, ich werde den Winter besuchen und ihn fragen, wann er sich endlich zurückzieht!“, kündigte Ranja an. Sie war die mutigste der Elfen.

„Pass bloß auf, dass er dir nichts antut“, warnten ihre Schwestern ängstlich.

Doch Ranja hielt an ihrem Entschluss fest.

Auf dem Weg zum Winter verließ sie jedoch der Mut, und es stiegen Zweifel in ihr auf. Noch nie hatte sie ihm gegenüber gestanden. Wie würde er sie empfangen? Tausend Gedanken schwirrten in ihrem Kopf herum. Um die Furcht zu vertreiben, pfiff Ranja laut vor sich hin.

 

Plötzlich schreckte sie auf.

„Wer stört?“, schallte es bedrohlich in ihren Ohren.

Vor ihr stand ein älterer Mann, eingehüllt in dicke Winterkleidung. Eine fellbesetzte Kapuze war tief ins Gesicht gezogen. Eiskristalle zierten buschige Augenbrauen und den bis zum Knie reichenden Kinnbart.

Am liebsten hätte sich Ranja unsichtbar gemacht.

„Ich bin’s, Ranja, und suche den Winter.“

„Hast ihn gefunden, was willst du von mir?“, fragte der Winter barsch.

„Ich möchte Euch etwas fragen.“

„Blödsinn, von mir will keiner was wissen. Los, raus mit der Sprache. Warum bist du hier? Bestimmt willst du mich vertreiben, aber das lass ich nicht zu. - Noch nicht!“

Eisiger Hauch ließ Ranjas Flügel erstarren. Beinahe wären sie zerbrochen. Die Elfe bekam Angst.

„Haltet ein! Ich bitte Euch. Denkt doch mal nach, wie könnte ein schwaches Wesen, wie ich, Euch vertreiben?“

„Hm. – Hast Recht, das geht nicht. Also, warum hast du mich gesucht?“, die Stimme war etwas freundlicher geworden.

„Ich wollte Euch fragen, wann Ihr das Wetter dem Frühling überlasst.“

„Hatte ich doch gleich Recht! Du gehörst auch zu denen, die mich nicht früh genug loswerden, aber noch kann ich mich wehren!“

Der Winter warf Eiszapfen nach Ranja, doch sie wich den Geschossen geschickt aus.     

„Ich möchte doch nur mit Euch reden, was ist daran so schlimm?“

„Du bist böse.“

„Bin ich nicht.“

„Bist du doch.“

„Nein.“

„Du hasst mich.“

„Wieso sollte ich das tun?“

„Weil ich kalt bin.“

„Aber das ist doch gut so.“

Diese Antwort hatte der Winter nicht erwartet. Sie machte ihn neugierig.

„Meinst du das wirklich?“

„Elfen lügen nicht.“

„Warum hast du dann nach dem Frühling gefragt?“

„Können wir in Ruhe darüber reden?“

„Nur, wenn du aufhörst, ständig um mich herumzuflattern.“

„Lasst erst Eure Eiszapfen fallen.“

Mit einem Lächeln legte er seine Waffen nieder.

„Hab dir ganz schön Angst gemacht, stimmt’s?“

Außer Puste geraten, setzte sich Ranja auf einen Stein. 

„So schnell bin ich in meinem ganzen Leben noch nicht geflogen“.

„Selber schuld, was fragst du auch nach dem Frühling? Er ist mein ärgster Feind.“

„Wieso denn? Ich dachte, er wäre Euer Bruder.“

„Ist er auch. Jeder freut sich auf ihn und kann es nicht erwarten, bis er mich besiegt hat. So etwas verbittert, ich kann ihn nicht leiden.“

„Habt ihr vergessen, wie sehnsüchtig nach dem ersten Schnee Ausschau gehalten wird? Liebevoll deckt ihr die Erde mit einer weißen Decke zu. Unter ihrem Schutz können die Pflanzen ruhen und neue Kräfte sammeln.

Außerdem feiern Menschen ihr schönstes Fest im Winter. So wichtig und wertvoll seid Ihr. Doch nach einer bestimmten Zeit müsst Ihr das Wetter dem Frühling überlassen. Der wird dem Sommer weichen, und dieser wiederum übergibt das Regiment dem Herbst. So und nur so funktioniert Mutter Natur.“

„Du meinst, ich muss nicht eifersüchtig sein?“

„Ganz und gar nicht. Alle Jahreszeiten haben ihre Berechtigung. Jede nimmt und gibt gleichermaßen, keine kommt zu kurz.“

„Und was soll ich deiner Meinung nach tun?“

„Versöhnt Euch mit Eurem Bruder und lasst die Streitereien, sie führen zu nichts.“

„Jedes Jahr vertreibt mich der Frühling aufs Neue. Immer bin ich ihm unterlegen, deshalb wird es keinen Frieden zwischen uns geben.“

Ranja sah ein, dass dieser Konflikt tiefere Ursachen hatte. Nur durch Einsicht des Winters konnten sie gelöst werden. Sie fühlte sich hilflos und das machte sie sehr zornig.

„Frühling, Sommer, Herbst und Winter helfen beim Wachsen und Gedeihen der Pflanzen. Jede Jahreszeit wird gleichermaßen gebraucht. Eure Aufgabe ist es, der Natur eine Verschnaufpause zu schenken und die endet mit dem Erscheinen Eures Bruders. Ich warne Euch, es gibt es auf der Erde Länder, die kennen gar keinen Winter, und trotzdem erblüht reichhaltig das Leben. Passt gut auf, wenn Ihr so weiter macht, dann werdet Ihr einfach weggelassen.“

Noch verschlafen erschien der Frühling und rieb seine Augen. Er war zwar noch klein und trug einen spärlich bestickten Anzug, aber die von ihm ausströmende frische Kraft überzeugte auch so.

„Was ist los? Weshalb streitet ihr euch?“, wollte er wissen. An Ranja richtete er die Frage:

„Was hast du hier zu suchen?“

„Aber ich…doch nur…“, vor Überraschung bekam sie kaum ein Wort heraus.

Schützend stellte sich der junge Frühling vor den schwach gewordenen alten Winter. Der konnte sich kaum noch auf den Beinen halten, deshalb wurde er von seinem Bruder unter den Armen gestützt.

„Ruh dich ruhig aus. Ich denke, deine Zeit ist nun um“, sagte der Frühling beruhigend.

Warmer Wind begleitete ihn.

Ranjas Flügel tauten auf und gewannen ihre ursprüngliche Beweglichkeit wieder.

Fassungslos bemerkte die Elfe, wie ihr Besuch missverstanden wurde.

„Ihr tut mir unrecht. Ich wollte Eurem Bruder nichts Böses antun. Dass er sich jetzt so schlecht fühlt, liegt an Eurer ausstrahlenden Wärme. Gern hätte ich gesehen, dass er nicht leiden muss und sich würdevoll verabschieden kann. Nur deshalb habe ich ihn aufgesucht, etwas anderes hatte ich nicht vor.“

 

„Sag kleine Elfe, würdest du mich auch mal im Dezember besuchen? Dann bin ich jung und kräftig und wir könnten uns bunt strahlende Lichterketten ansehen. Es war schön, dich kennenzulernen. Als Einzig hältst du noch zu mir. Das zu wissen erleichtert mir den Abschied.“, sagte der Winter mit letzter Kraft.

Seine Stimme wurde leiser, doch in den Augen lag ein Hoffnungsschimmer.    

„Gern“, rief Ranja. „Ich denke, dass wir richtig gute Freunde werden.“

Lächelnd winkte sie dem scheidenden alten Mann zu.

 

„Was sind schon bunte Lichterketten gegen das Aufblühen prächtiger Blumen?“, fragte der Frühling erstaunt.

„Weil es im Winter an Farben fehlt, schmücken die Menschen ihr Fest mit leuchtenden Lampen. Das sieht zwar toll aus, ist aber nur künstlicher Schein.“, bekam er als Antwort.

„Ihr dagegen verkörpert neues Leben. Aber das könnt Ihr nur, weil der Winter zuvor Ruhe und Erholung auf Erden bringt. Ohne ihn, würden wir Eure Zeit nicht schätzen.

Schaut nur, da kommen die Tiere. Sie haben mächtigen Hunger. Ihr habt viel zu tun, bis alle wieder satt werden können und da möchte ich Euch nicht länger aufhalten. Ich wünsche Euch viel Freude an der Aufgabe.“

„Wirst du mich auch besuchen?“

„Wenn es Euch Recht ist, dann hätte ich am ersten Mai Zeit. Nun muss ich aber los, meine Schwestern erwarten mich.“

         

Erleichtert flog sie nach Hause, ihre Mission war beendet. Unterwegs begrüßten sie die aufblühenden Krokusse und Weidenkätzchen winkten ihr freudig zu.  

    

 

         

 

 

 

 

 

 

 

Zwei Waldgeister in der Fremde.

 

„Diese Langeweile ist unerträglich“, stöhnte Troll Gel im hohen Norden Schwedens.

„Immer die gleiche Umgebung und Menschen Ärgern macht auch nicht mehr so viel Spaß wie früher. Ich glaub, ein Urlaub würde uns beiden gut tun“.

„Urlaub? Wieso willst du Urlaub machen? Hier geht es uns doch gut. Wenn´s dem Esel zu bunt wird, dann geht er aufs Glatteis. Apropos Glatteis, davon könnten wir ruhig etwas mehr gebrauchen. Es ist so lustig, wenn die Leute aufrecht gehen wollen, ihre Beine jedoch unterm Hintern wegrutschen. Dann rudern sie mit den Armen, als würden sie fliegen lernen. Genutzt hat es bisher keinem, alle landen doch auf dem Hosenboden. Ich kann mich gar nicht daran satt sehen. Macht es dir denn gar keine Freude mehr?“, erwiderte Rai, sein Zwillingsbruder.

„Doch schon, aber ich bekomme langsam ein schlechtes Gewissen. Die Leute respektieren uns. Eigentlich sind sie ganz lieb und wir amüsieren uns auf ihre Kosten.“, gab Gel zu bedenken.

Rai formte einen großen Schneeball und warf ihn mitten in Gels Gesicht.

„Hier hast du meine Antwort zum Thema schlechtes Gewissen. Stell dich nicht so an und spiel mit mir“. Es begann eine wilde Schneeballschlacht der Gel nur heil entkommen konnte, indem er die auf ihn zu fliegenden Geschossen durch kräftige Windböen abwies.

Da beide Geister waren, die im Eifer des Gefechts vergaßen sich festzukrallen, wurden sie in den Himmel gehoben.

„He, Wind, was tust du da? Lass uns wieder runter“, rief Gel seinem stürmischen Vetter zu.

„Habe ich eben gerade nicht etwas von Urlaub gehört?“, bekam er als Antwort.

„Ihr könnt mir vertrauen, ich bringe euch in ein Land, in dem alles anders ist. Das wird bestimmt spannend“.

Staunend betrachteten sie das intensive Licht über den Wolken. In einer Stadt, die hinter dem großen Wasser lag, sanken sie langsam zu Boden.

Häuser, in denen es sich Menschen gemütlich machen, kannten sie. Doch nahe den Wäldern Schwedens waren sie meistens aus Holz gefertigt. Dort, wo sie hingetrieben wurden, gab es nur Steinbauten. Sogar die Wege schienen aus Stein zu sein. Kaum ein Pflänzchen lockerte den einheitlich grauen Anblick auf.

„Wo sind wir? Ich will nach Hause, hier gefällt es mir nicht“, jammerte Rai.

„Wart’s ab, wenn wir schon Mal da sind, dann möchte ich mich auch in Ruhe umsehen. An diesem Ort riecht es merkwürdig. Ich höre auch kaum Vogelgezwitscher, jedoch viel Lärm von den seltsamen Wegen herkommend“

„Und wo sollen wir wohnen?“. fragte Rai besorgt.

Nach einem kleinen Erkundungsflug fanden sie den Stadtpark. Dort gab es zwar auch Bäume in denen sich die Trolle verstecken konnten, aber im Vergleich zu einem richtigen Wald, war es nur ein Notbehelf.

Noch nie hatten sie Pflanzen gesehen, denen ihr freies Wachstum beschnitten wurde. Mehr und mehr wurde Gel auf die Bewohner der Stadt neugierig.

Wenigstens fing es an zu schneien. Das machte ihren Aufenthalt etwas angenehmer. Fein herunterrieselnde Flocken bedeckten nur wenig die kahlen Äste. Die Trolle waren enttäuscht. Kinder jedoch, die gerade aus der Schule kamen jubelten. Sie kratzten das bisschen Schnee zusammen und bewarfen sich mit schmutzigen Eisbällen.

Langsam füllte sich der Park mit Menschen. Alle freuten sich über das stimmungsvolle Wetter. Doch kaum überzog hauchdünnes Weiß den Ort, hörte es auch schon wieder auf zu schneien.

 

„War das etwa schon alles? Es ist Mitte Februar. Wenn jetzt nicht mehr vom Himmel fällt, wenn dann? Dieses Elend sich ansehen zu müssen ist schlimm“, dachte Gel und beschloss den Bürgern eine Freude zu bereiten, die sie nicht so schnell vergessen sollten.

 

Die nächsten Tage spendete er ihnen weißen Segen, bis niederfallende Schneemassen sich zu Bergen auftürmten und es unmöglich machten auf der Straße zu fahren. Mit einer frischen Brise fegte er den üblen Stadtgeruch hinweg und lies die Bürger sauerstoffreiche Luft atmen. Was er nicht wissen konnte war, dass Maste und Bäume solch ungewöhnlichen Lasten nicht stand hielten. Sie knickten ein und der daraus folgende Stromausfall legte die ganze Stadt lahm. Es kehrte eine gespenstige Ruhe ein, die nur manchmal durch das Heulen eines Martinshorns unterbrochen wurde. Ohne diesen ohrenbetäubenden Krach hätten sich die Waldgeister beinahe wie zu Hause gefühlt.

 

Warum gingen die Leute bloß nicht ins Freie? Anstatt die weiße Pracht zu genießen, blieben sie in ihren Steinbauten.

Eine Amsel zwitscherte ihr Leid, weil das Vogelhäuschen trotz mehrerer Anflüge leer blieb Normalerweise war es immer gut gefüllt, doch jetzt schien es keinen Nachschub mehr zu geben.

„Wenn dieses Unwetter noch lange anhält werden wir noch verhungern. Den Menschen ergeht es auch nicht viel besser. Sie sitzen in ihren Häusern und zittern wie nie zuvor. Bald erfriert noch einer in seiner Wohnung. Womit haben wir das verdient?“

Gel hörte bestürzt zu. Er war sich zwar keiner Schuld bewusst, doch offensichtlich mussten Menschen und Tiere wegen ihm leiden. Das hatte er nicht gewollt. Angestrengt dachte er nach, wie er den angerichteten Schaden wieder gut machen konnte.

Der Wind kam ihm zu Hilfe.

„Na ihr beiden, ist wohl nicht alles so gelaufen, wie ihr dachtet. Andere Länder, andere Lebensweisen. Da muss man sich anpassen, oder es gibt ein Unglück.“, raunte er in die Ohren der Trolle.

„Ach Vetter, was kann ich nur tun um alles wieder rückgängig zu machen?“, klagte Gel. Rai konnte es sich nicht verkneifen über seinen Bruder zu schimpfen.

„Ruhe jetzt!“, wurde Rai angepfiffen.

Über Gels Kopf strich der Wind jedoch sanft.

„Lass Mal den Kopf nicht hängen. Stromausfall ist hier nichts Neues. Ein Trupp zum reparieren ist schon unterwegs. Du kannst allerdings helfen die Masten aufzurichten. Dann geht es schneller und in den Häusern der Menschen wird es wieder warm.

Und zu Rai gewandt meinte er.

„Was hältst Du davon die Straßen frei zu fegen? Das sind diese Steinwege, über die ihr euch gewundert habt“.

Rai war mit dieser Aufgabe einverstanden. Sicherlich würde ihm es ihm sogar Spaß machen den Schnee wegzustäuben.

Er hatte viel zu tun, bis alle Wege geräumt waren. Hinter ihm bildete sich eine Schlange aus Lastwagen. Das erste Mal in seiner Existenz war Rai an der Spitze einer Gruppe. – Er fand es großartige, so wichtig zu sein.

 

Gel half inzwischen die umgefallenen Masten aufzurichten. Dabei lernte er die Menschen ein bisschen näher kennen. Zuerst waren sie erstaunt, dass ihre Tätigkeit so leicht von der Hand ging. Unheimlich wurde ihnen erst, als ein Träger in der Luft schwebte und sie ihn nur noch ins vorbereitete Erdloch dirigieren mussten.

„Was geht hier vor? Das ist doch nicht normal!“, wunderten sich die Arbeiter. Gel musste kichern.

„Keine Bange, ich will mich doch nur nützlich machen. Gemeinsam werden wir schneller fertig“.

Seine Stimme wurde gehört, doch keiner konnte den Helfer sehen.

„Wer, oder was bist du?“, fragten die Männer, deren Nackenhaare sich sträubten.

„Ich bin ein Troll und mache hier Urlaub, was dagegen?“

„Troll – nie gehört das Wort. Warum zeigst du dich uns nicht?“

„Aber ihr müsst mir versprechen, niemanden etwas von meiner Anwesenheit zu verraten“.

„Ehrenwort“, tönte es aus der Runde.

Wie gewünscht erschien ein kleines, dickliches Männlein in ihrer Mitte. Es trug einen warmen Anorak, dessen fellbesetzte Kapuze tief ins Gesicht gezogen war. Daraus ragte eine überdimensionale Nase hervor, die sich zwischen zwei freundlich zwinkernden Augen breit machte. Am beeindruckendsten waren jedoch seine Patschehändchen, die kräftig zupacken konnten. Das Kerlchen sah so hässlich aus, dass man es fast schon wieder als hübsch bezeichnen konnte.

„So, jetzt genug gestaunt, wir haben noch was zu erledigen“, trieb Gel die Männer an.

„Ich stelle die Masten und ihr müsst nur noch das Kabel anschließen. Damit kenne ich mich nicht aus“.

Gesagt, getan. In kürzester Zeit, hatten alle Stadtbewohner wieder Strom und die Arbeiter freuten sich über eine satte Prämie, die nun wegen ihres schnellen Einsatzes fällig war.

Das gegenseitige Abschied nehmen fiel allen Beteiligten schwer. Alles Zureden, den hilfreichen Troll noch zum Bleiben zu überreden, nutzte nichts. Gel wollte nach Hause.

 

Gemeinsam mit Rai, rief er den Wind zur Hilfe. In diesem Urlaub hatten sie genug erlebt.

Ein letztes Mal fegte Sturm über die Stadt, der die Fremdlinge in ihr Heimatland trug. Danach setzte in der Stadt das ersehnte Tauwetter endlich ein.

 

Glücklich kamen die Walgeister zu Hause an. Neugierig wurden sie von ihren Artgenossen befragt. Gel und Rai fingen an zu erzählen. Mit der Wahrheit nahmen sie es nicht so genau, doch von ihren Heldengeschichten waren Jung und Alt begeistert.

Und wenn ihnen die Fantasie treu geblieben ist, dann erzählen sie noch heute.

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eisprinzessin Einar


Es dämmerte bereits. als ein dreizehnjähriges Mädchen alleine durch den Stadtpark ging und seinen Lieblingsplatz anstrebte. Auf einer Bank, die direkt am Teich stand, ließ es sich seufzend

nieder. Tief in Gedanken versunken bemerkte es nicht, wie die beißende Kälte Besitz von seinem zarten Körper ergriff. Hauchdünne Schneeflocken rieselten auf die Kleidung herab und bedeckten sie bald mit einer weißen Schicht. Nichts von dem schien es zu bemerken. Das Kind saß bewegungslos da. Der Schmerz legte sich wie ein eisernes Band um sein kleines Herz und drohte es zu zerdrücken. Tränen brachen hervor und liefen die Wangen herab. Plötzlich sprang es auf. Ja, das wollte es tun. Ins Wasser gehen und sterben. Eine andere Lösung gab es nicht.

 

Langsam hob es einen Fuß nach dem anderen, um in die Fluten einzutauchen. Gleich musste kaltes Wasser in seine Stiefel eindringen, doch nichts geschah. Eisschollen bildeten sich genau dort, wo es den Fuß aufsetzte. Noch traute das Mädchen dem Wunder nicht und rechnete damit jeden Augenblick einzubrechen. Da es aber sowieso vorhatte zu versinken, ging es weiter, bis fast die Mitte des kleinen Sees erreicht war. Übers Wasser gehen zu können machte ihm so viel Spaß, dass es darüber seinen Kummer vergaß. Rechts und links von ihm schnatterten aufgeregte Enten, die im eisfreien Wasser schwammen. Den Tieren war das merkwürdige Menschenkind unheimlich.   

 

„Wenn du nicht bald nach Hause gehst, ist der ganze Teich zugefroren“.

Eine freundliche Stimme riss das Kind aus seiner Freude über das ungewöhnliche Schauspiel heraus. Neugierig sah es sich um. Neben ihm stand eine bildschöne junge Frau. Sie trug keine Winterkleidung, sondern nur ein feines Kleid, das mit weißen Sternen bestickt war. Lange, dunkle Haare fielen über ihre Schultern und auf dem Haupt glänzte eine Krone aus geschwungenen Eiszapfen. Dieses Wesen war so zart, dass es fast durchsichtig zu sein schien.

Bist du eine Fee?“, fragte das Mädchen erstaunt.

„Nicht ganz, ich bin die Eisprinzessin“, antwortete sie lächelnd.   

„Entschuldigung Eure Hoheit, dass ich Euch nicht erkannt habe“.

„Wenn du willst kannst du mich Einar nennen. Und mit wem habe ich das Vergnügen?“

„Ich bin die Klara“

Zweifelnd fügte das Mädchen hinzu.

„Erlebe ich das wirklich, oder ist alles nur ein Traum? Eine richtige Eisprinzessin gibt es doch gar nicht“.

„Achte auf deine Worte Klara. Wenn es mich nicht gäbe, dann würdest du jetzt auf dem Grund des Sees liegen“.   

Klara senkte den Kopf.

„Aber ich wollte doch wirklich sterben Einar, warum hast du es nicht zugelassen? Noch einmal schaffe ich es nicht. Bis ich zu diesem Schritt bereit war, kostete es mich große Überwindung“.

„Du bist so jung, dein Leben wird dir noch viel Schönes schenken. Sich zu töten ist immer der falsche Weg. Egal aus welchem Grund du ihn wählst.   

Hast du Mal an deine Eltern gedacht? Ist dir klar, was du ihnen antun würdest? Sie lieben dich, was empfindet du für sie?“

„Papa und Mama habe ich sehr lieb. Bei Jens ist das doch etwas ganz anderes. Ich kann es gar nicht richtig beschreiben. Doch jetzt hat er eine Andere geküsst“.  

„Ach so – du hast Liebeskummer. In deinem Alter, das erklärt einiges. Selbst Erwachsene können damit nur schwer umgehen. Komm mit, ich möchte dir etwas zeigen“.

 

Prinzessin Einar gab ein Zeichen.

Zwei weiße Pferde erschienen, die einen Schlitten zogen.

Als beide im Schlitten Platz genommen hatten, erhoben sie sich in den Himmel. Langsam wurden Konturen eines Schlosses sichtbar, dessen Mauern aus glatt polierten Eisblöcken bestanden. Noch fiel etwas Licht auf das Gebäude und brach sich in allen erdenklichen Farben.

„Das ist mein Heim. Nicht einfach nur weiß, wie Märchenbücher die Kinder glauben lassen möchte, sondern…, ach, das kannst du ja selbst sehen, sei willkommen“.

Klara war überwältigt von der leuchtenden Vielfalt. Zögernd folgte sie ihrer Gastgeberin ins Innere hinein. Auch dort kam sie aus dem Staunen nicht heraus. Alles war so unwirklich, kein Kratzer spiegelte sich an den Wänden. Ihr wurde schwindlig, weil sie keinen Anhaltspunkt fand um sich zu orientieren.

Einar ergriff ihre Hand und sagte:

„Ich möchte, dass du dir genau ansiehst, was in der Vergangenheit geschah“.

 

Vor einer Wand erschien plötzlich der Ort, in dem Klara zu Hause war. Als würde sie den Straßen entlang schlendern, entdeckte sie Meike neben sich gehen. Sie war eine Klassenkameradin, die Klara noch nie leiden konnte. Zielstrebig ging Meike auf das Haus zu, in dem Jens wohnte. Vor der Eingangstür zupfte das Mädchen ein letztes Mal an seiner Kleidung. Es war alles in Ordnung, auch die Frisur saß perfekt. Verführerisch stellte es sich in Position und drückte auf den Klingelknopf.     

Jens öffnete.

Sichtbar enttäuscht Meike vorzufinden, fuhr er sie mit barschem Ton an:

„Was willst du denn schon wieder?“

Das klang nicht gerade nach einem Willkommensgruß.

Davon unbeeindruckt fiel Meike ihm um den Hals und küsste ihn zärtlich. Jens war so perplex, dass er sich nicht wehrte.

Genau in diesem Moment entdeckte Klara die beiden. Als ob ein glühendes Schwert ihr Herz durchbohren würde, rannte sie vor diesem Anblick davon. Deshalb konnte sie auch nicht hören, wie Jens kurz darauf Meike beschimpfte. Gedemütigt schlich sie sich weinend nach Hause.

Das Bild verschwand und die Wand wurde wieder weiß.

 

Klara war erleichtert.

„Das hat Jens wirklich gesagt? Oder machst du mir nur etwas vor, damit ich nicht gleich wieder auf dumme Gedanken komme?“

„Dumme Gedanken sind genau die richtigen Worte. Es zeigt, dass ich mir keine Sorgen mehr um dich machen muss. 

An der Vergangenheit kann ich nichts ändern, sie ist abgeschlossen. Alles geschah genauso, wie du es gesehen hast.“, antwortete Einar. 

„Warum hast du dann diese Wand, wozu soll sie gut sein?“

Einar drehte Klaras Kopf leicht herum.

Plötzlich erschien ihr schimpfender Vater.

„Wo bleibt das Mädchen nur, es wird schon dunkel. Klara sollte schon längst da sein“.

„Um sich Sorgen zu machen ist es noch viel zu früh“, beruhigte die Mutter ihren Mann.

„Immer hältst du zu ihr. Ich habe in diesem Haus gar nichts mehr zu sagen!“,

wütend schlug der Vater die Küchentür zu.

 

„Das ist die Gegenwart. Hier kann ich nur eingreifen, wenn kein anderer Mensch mich sieht. So wie ich es bei dir getan habe. Hätte ich dich ins Wasser gehen lassen, wäre das Leben deiner Eltern auch zerstört gewesen. Sie würden diesen Schock nicht überwinden und sich immer Vorwürfe machen. Eine ganze Familie wäre ins Unglück gestoßen worden, bloß weil du einen Teil der Wirklichkeit nicht mitbekommen hast“.

„Kannst du auch in die Zukunft sehen?“

„Nein, die Zukunft bleibt sogar mir verborgen und das ist gut so. Jetzt wird es aber Zeit, dass du nach Hause kommst“.

 

Einar setzte das Mädchen vor derselben Bank ab, bei der es ihr aufgefallen war.

Kaum war Klara aus dem Schlitten gestiegen, wurde ihr kalt und sie lief eilig heim.

Ihr Vater drückte seine Kleine ganz fest an sich und ihre Mutter fragte, einen triumphierendem Blick auf ihren Mann gerichtet;

„Es ist ziemlich spät geworden, sag Mal, wo hast du eigentlich gesteckt?“

„Die ganze Zeit war ich bei Einar. Sie hat gut auf mich aufgepasst, damit mir nichts passiert und ich habe viel bei ihr gelernt.

„Wer ist Einar und woher kennst du sie?“.

„Ach Mama, ich würde es dir so gerne erzählen, aber das glaubt mir kein Mensch – nicht einmal du“. 

  

 

 

 

   

 

 

 

 

 

 

 

Wintersonnenwende

 

Bedrohliche Schatten huschten umher, krochen in Steinspalten, schlüpften durch Ritzen bewohnter Häuser und durchsuchten verlassene Ruinen. Wälder und Täler hatten sie schon nach der Frau abgesucht, doch nichts gefunden. Irgendwo musste sie sich versteckt haben, die Zeit drängte.

Noch eine erfolglose Nacht, dann würde die Wintersonnenwende eintreffen. Wieder einmal hätten sie ihr Ziel nicht erreicht. Jedes Jahr strebte eine finstere Gruppe die Weltherrschaft an. Bisher ohne Erfolg, doch sie gaben nicht auf.

 

„Los, los, macht schon, es darf doch nicht wahr sein, dass sich diese Göttin unauffindbar versteckt hat. Sie ist hier, ich kann ihre Anwesenheit beinahe riechen. Denkt an die Wonnen, die uns bevorstehen, wenn sie ihr Kind nicht auf die Welt bringen kann, das wird euch bei der Suche antreiben!“

Der Schattenkönig versuchte mehr Druck auf seine Untergebenen zu machen, doch er wusste ganz genau, dass sie bereits ihr Möglichstes taten.

 

„Wenn du die Anwesenheit von Sulis wahrnehmen kannst, warum holst du sie dann nicht selbst aus ihrem Unterschlupf heraus?“,

fragte einer der jüngeren Gesellen.

„Werd erst mal erwachsen, bevor du frech werden darfst. Vor dir muss ich mich nicht rechtfertigen. Nie und nimmer!“

Empört plusterte sich der Anführer auf, so dass der Untergebene in die Dunkelheit zu versinken drohte.

Oh ja, es gab noch Schlimmeres, als Finsternis. Vor dem absoluten ausgelöscht sein hatten sogar Schatten Angst. Diese Strafe konnte der König gegen seine Diener verhängen, wenn ihm danach war. Doch er tat es nur in Ausnahmefällen und wenn seine Autorität angezweifelt wurde.           

 

„Ich bitte um Vergebung. Nie wieder werde ich es wagen Euer Gnaden mit dieser Frage zu belästigen“, beeilte sich der Gescholtene zu versichern. Aus Angst vor der Macht seines Herrschers begann er zu zittern.

„Wir sind wohl alle zur Zeit etwas überreizt“, lenkte der Schattenkönig beruhigend ein.       

Er hatte gar nicht vor seinen Diener zu verschlingen, denn was wäre ein Regent ohne Untertanen? Die Drohungen wurden jedenfalls ernst genommen und das beruhigte ihn sehr.

 

Der Morgen graute, die Suche musste beendet werden. Erschöpft versammelten sich die Schatten in einer eiskalten Grotte. Sie sprachen sich gegenseitig Mut zu, doch das konnte ihre depressive Stimmung nicht beheben.

Damit seine Getreuen auf andere Gedanken kamen, erzählte der Schattenkönig von der letzten Eiszeit, die sich vor achtzehntausend Jahren in dieser Region ausbreitete.           

Damals hielt meterdickes Eis das Land in einem frostigen Würgegriff gefangen. Alles Leben schien erstickt zu sein. Außer unendlicher Ruhe gab es nichts. Älteren Schatten hatten die beißende Kälte noch erleben dürfen. Staunend lauschten die Jüngeren den Berichten vom verlorenen Paradies.

 

In der Zwischenzeit bereitete sich die keltische Göttin Sulis in der finstersten Tiefe der Erde auf eine Geburt vor. Diesen Platz wählte sie bewusst aus, denn kein Schatten vermutete jemals, dass sie sich ausgerechnet im Zentrum des dunklen Reiches verstecken würde. Heimlich und zur stillsten aller Stunden kam ihr Lichtbaby zur Welt.

Nun musste das Kind nur noch zur Sonne aufsteigen, um dem Himmelskörper frische Kraft zu verleihen. Danach würden die Tage länger und die Macht der Schatten war gebrochen. Was tot und verloren schien, hatte nur tief geschlafen.

Am einundzwanzigsten Dezember, der längsten Nacht des Jahres, erfüllte sich das Wiedererwachen allen Lebens

 

Langsam erreichte Sulis mit ihrem Baby im Arm die Erdoberfläche. Kaum schaute ihr Kopf hervor, wurde sie entdeckt.

Voller Zynismus rief der Schattenkönig

„Welch eine Freude meine Liebe. Erhebe dich und gönne mir deinen Anblick. Jahrtausendelang habe ich nach dir gesucht und jetzt stehst Du plötzlich vor mir. Was für ein Triumph, ich kann es noch gar nicht fassen. Was verbirgst du denn hinter deinem Rücken? Ist das etwa ein Geschenk für mich? Aber das wäre doch nicht nötig gewesen. Ich meine, so gute Freunde sind wir ja auch wieder nicht.“

Dann fuhr im herrischen Ton fort

„Mach schon, gib her!“

„Nein, meinen Sohn bekommst Du nicht!“, verteidigte die Göttin ihr Kind.

„Wer will mich denn daran hindern? Ich sehe weit und breit niemanden, der das könnte“.

„Denk an meine Macht“.

„Ha, ha, ha, deine Macht. Die kannst du vergessen. In all den Jahren habe ich dazu gewonnen, während du es dir hast gut gehen lassen“.

„Geh mir aus dem Weg, oder du wirst im Licht meines Babys vergehen“.

Zu den umherstehenden Dienern meinte der König belustigt,

“Huuu, wie ich mich vor ihr fürchte!", der Schattenkönig und sein Heer, das ihn umringte, brach in höhnisches Gelächter aus.

"Auch einer Göttin sind Grenzen gesetzt, nur weiß sie das noch nicht.
Zeigen wir ihr, wer hier die Macht hat“.

 

Auf sein Zeichen hin verschmolzen die dunklen Gesellen zu einer dichten Masse, die immer schwerer und undurchdringlicher wurde. Bald würde auch das Licht darin verschwinden.

Sulis erkannte die Gefahr sofort. In ihrer Not rief sie Teutates an. Er war ein richtiger Kriegsgott und konnte ihr beistehen.

„Spar dir die Mühe und rück das Kind endlich raus. Dann kannst du zusehen, wie ich es verschlingen werde und gleich danach bist du dran“.

 

 

Kaum waren seine Worte verklungen, ertönte ohrenbetäubender Lärm. Ein Feuerring umloderte Mutter und Kind. Entsetzt wichen die dunklen Wesen zurück.

Mit Donnerhall verkündete Teutates:

„Wenn du dich mit jemand anlegen willst, dann stehe ich dir gerne zur Verfügung, aber  lass meine Schwester in Ruhe. Wie kannst Du es wagen, Hand an eine Göttin zu legen, du niedrige Kreatur!“
Flammen züngelten empor, sogar der Himmel glühte.

Der Schattenkönig wollte sich ins Erdreich verdrücken, doch er wurde vom Kriegsgott mit gleißenden Blitzen festgehalten.

„Bleib!“, herrschte Teutates den Schattenkönig an. „So schnell kommst du mir nicht davon“.

Wie ein Wurm zappelte der finstere Herrscher in panischer Angst.

„Schau dich nur um, wo sind deine Getreuen jetzt hin?“

Die Geister der Nacht hatten sich verzogen.

„Elendes Geschmeiß! Glaubst die Weltherrschaft an dich reißen zu können und den ganzen Planeten ins Verderben zu stürzen. Niemals hätten wir Götter das zugelassen.“

In Todesangst wimmerte der König um Gnade.     

Unerwartet sanft setzte Teutates den Widersacher zu Boden.

„Ruf deine Mitstreiter zusammen, ich werde ein Urteil über euch fällen.“

Dem Schicksal ergeben kamen alle Schatten aus ihren Löchern gekrochen. Das erste Mal hatten sie wahre Macht erlebt.

 

„Weil ihr es gewagt habt meine Schwester und ihren Sohn töten zu wollen, werdet ihr fortan gefangen sein. Nie wieder muss sich Sulis vor euch verstecken. Wo immer Licht ist, werdet ihr ein Abbild von dem, was beleuchtet ist, auf die Erde zeichnen. Egal, ob Tier, Pflanzen oder Gegenstand. Es ist euch nicht mehr erlaubt sich aufzurichten. Als Sklaven müsst ihr im Staube kriechen. Von jetzt an, bis in Ewigkeit.“

 

Mit sich und seinem Richterspruch zufrieden, zog sich Teutates zurück und Sulis begleitete ihren Sohn auf den Weg zur Sonne.

Seitdem wurde dieser Sieg zur Wintersonnenwende ausgiebig von den Menschen gefeiert und wenn die Tage wieder länger werden, dann feiern sie das Ereignis noch heute.  

 

 

 

        

 

 

Nebelhexe Schattira

 

Auf der breit gefächerten Treppe des von weißen Wolken umgebenen Luftschlosses, saß ein junges Mädchen. Sein Gesicht barg es in beiden Händen, damit niemand sehen konnte, dass es weinte. Langes, dunkelbraunes Haar fiel über zarte Schultern. Es trug ein fein gewebtes, mit tausend Wasserperlen besticktes Kleid. Kühle Frische umhüllte seine Gestalt.    

 

Drinnen, im Palais, erklang heitere Musik. Das Jahr hatte zum Fest geladen und alle Monate waren gekommen. Nur der November fehlte noch, doch bei diesem fröhlichen Treiben vermisste ihn niemand.    

Schattira, das Mädchen, hatte auch eine Einladung erhalten. Als es den Saal betreten wollte, schlug ihm eine feindliche Stimmung entgegen.

„Muss es unbedingt sein, dass du Nebelhexe unsere farbenfrohe Runde mit deinem scheußlichen Grau verunzierst? Hättest du dir wenigsten für diesen Anlass nicht etwas anderes anziehen können? Schau dich nur an, wie du aussiehst. Feucht, kalt und von Grund auf hässlich. Dein Anblick verdirbt mir jede Freude. Verschwinde, so nutzlose Wesen wie du, sind hier nicht willkommen“.

Die boshafte Anfeindung des Monats verletzte das Mädchen zutiefst. Mit gesenktem Haupt verließ es das Gebäude, um sich auf der Treppe nieder zu lassen.

Ohne November war das Jahr unvollständig. Mochte der Mai sagen, was er wollte. Ihm konnte er den Eintritt nicht verwehren. Schattira war fest entschlossen auf den Nachzügler zu warten. 

Sie hatte sich sehr auf das Fest gefreut und nun sollte sie ausgeschlossen werden. Im Schmerz versunken fiel ihr gar nicht auf, dass ein älterer Mann sie beobachtete.

 

„So jung und schon so traurig, das ist nicht gut. Warum gehst du nicht in den Festsaal, singst und tanzt mit den Anderen und erfreust dich deines Seins? Dafür hat das Jahr dich doch eingeladen.“

Schattira schaute erstaunt auf.

Neben ihr stand ein gepflegt aussehender Herr. Er trug einen maßgeschneiderten Anzug, der hervorragend zu seinem weißen Haar passte. Dicht wachsende Locken umschmeichelten den sorgfältig frisierten Kopf. Kleine Falten umrandeten freundlich blickende, braune Augen.

„Sind sie der erwartete November?“, fragte die Nebelhexe.

Die warmherzig klingende Stimme des Fremden erweckte Hoffnung bei Schattira. 

Als er sich formvollendet vorgestellt hatte, wäre ihm das Mädchen am liebsten um den Hals gefallen.

„Dann gehören wir ja zusammen“. jubelte es.

Der November wollte es zum Portal geleiten, doch die Nebelhexe zögerte.

„Da drinnen werde ich nicht geduldet. Meine Grauschleier lassen angeblich alle leuchtenden Farben verblassen“, sagte sie schamhaft. Außerdem sei ich so hässlich, dass mein Anblick den Gästen jede Freude am Fest nehmen würde.“

„Wer hat das behauptet?“, fragte der November ärgerlich.

„Der Mai“

„Und was sagt unser Gastgeber dazu?“

„Den habe ich nicht gesehen.“

„Er hat dich doch eingeladen – oder?“

Zur Bestätigung der Frage, hielt die Nebelhexe eine gold beschriebene Karte in Händen.  

„Hier steht, dass er sich freuen würde, mich begrüßen zu können.“

„Na also. Dann gehen wir jetzt auch ins Schloss hinein. Unglaublich, was sich dieser Grünschnabel erlaubt hat. Glaubt wohl etwas Besseres zu sein, dabei ist er noch nicht einmal trocken hinter den Ohren.“

Doch Schattira war nicht davon überzeugt, im Festsaal gern gesehen zu sein. Wenn sie an die prachtvollen Roben dachte, mit denen sich die Begleiter der Gäste schmückten, kam sie sich schäbig vor und das sagte sie auch dem eleganten Herrn November.

„Oh Mädchen, glaube mir, du bist wunderschön.“

„Das sagen sie nur um mich zu trösten.“

„Schau her, ich beweise es dir.“

 Sanfter Wind blies das Kleid der Nebelhexe auseinander, so dass es sich im ganzen Schlossgarten ausbreiten konnte.

„So feines Gewebe steht nur einer Prinzessin zu. Noch dazu sind deine Schleier mit unzähligen Perlen besetzt. Noch nie habe ich ein kostbareres Gewand gesehen.“

„Diese Perlen sind doch nur Wassertropfen, da ist nichts Besonderes dran.“

„Komm mit, ich muss mit dir etwas zeigen.“

Weil Monate überall auf der Welt zu Hause sind, können sie sekundenschnell von einem Kontinent, zum anderen wandeln. Schattira musste all ihre Zauberkräfte einsetzen, um mithalten zu können.

Herr November führte sie nach Südamerika, in die Atacama, die trockenste Wüste der Welt. Bis Regen kommt, vergehen sechs, manchmal sogar bis zu zehn Jahre. Jedoch ist die ganze Gegend von dichten Nebelschleiern durchzogen.

„Hier meine Liebe, wirst du wie eine Göttin verehrt. Ohne dein Tröpfchenkleid, gäbe es an diesem Ort kein Leben. Hör auf zu sagen Wasserperlen wären nicht kostbar.“

„Aber ich sehe doch so grau aus und verschlucke alle Farben“, wandte Schattina schüchtern ein.

„Papperlapapp. Raff deine Schleier zusammen, dann sind sie weiß.“

„Jedoch immer noch nicht bunt.“

„So schnell gibst du wohl nicht auf“, stöhnte Herr November.

„Komm mit. Ich habe versprochen dir zu beweisen, dass du schön bist und was ich gesagt habe, das halte ich auch.“

Sie machten vor einem Gotteshaus halt, wo sich Menschen versammelten, die zu einer Hochzeit eingeladen waren. Brausende Orgelklänge kündigten die Braut an. Jeder wollte ihr Kleid sehen und gebührend bewundern.

„Wer von all den Frauen ist deiner Meinung nach die Schönste?“

„Die Braut“, musste Schattira zugeben.

„Bist du dir ganz sicher? Ich meine, wir hätten da Rosa, Lindgrün und, ach ja, da hinten ist noch eine Dame in Gelb gekleidet.“

„Nein, nein, die Braut in Weiß sticht alle anderen aus.“

„Gut, dass das geklärt ist.“, sagte der November zufrieden.

„Können wir jetzt zum Palast zurück? Es ist unhöflich den Gastgeber warten zu lassen.“

 

Arm in Arm forderte das kühle Paar Einlass. Dieses Mal erschien der Schlossherr selbst an der Tür. Erleichtert hieß er den November willkommen. Die Nebelhexe begrüßte er sogar mit einem Handkuss.

Das Mädchen war glücklich.

Mit verliebten Blicken schaute es tief in die Augen seines klugen Begleiters. Nie wieder wollte es sich vom November trennen.

Als Beide auf dem Parkett einen mystischen Reigen eröffneten, schlossen sich zur Freude des Jahres auch die anderen elf Monate an.  

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Amahar, der Urzeitsänger

Udakar, der Schmied

Bodofila, die Maid der Lüfte

Bardaros, im Dienst des Bösen

Idefesom, der Große Geist

 

Im Wunsch gefangen

 

In einem fernen Land, hinter den Wellen des großen Meeres, lebten die Menschen einst glücklich und zufrieden. Herb duftende Kräuter wuchsen auf saftigen Wiesen, die für grasende Tiere Leckerbissen waren. Bunte Blumen umsäumten Flussbetten, in deren klarem Wasser muntere Fischlein sich tummelten. 

Auf Feldern und Gärten angebaute Pflanzen gediehen prächtig. Auch die Bäume trugen schwer an reifem Obst oder Nüssen. Es war eine Freude, die Geschenke der Natur einzusammeln.

Nach der Ernte bedankten sich die Leute bei Idefesom, dem großen Geist, der sie vor allem Ungemach beschützt hatte. Ihm zu Ehren veranstalteten sie ein großes Fest.

Im Gemeindesaal stand eine runde Tafel, die sich unter der Last von aufgetürmten Feldfrüchten bog. Fröhliche Musik erklang und lud zum Tanzen ein.

Voller Missgunst beobachtete Bardardos, wie sich die Leute amüsierten. Er war ausgeschlossen worden. Im Dienst des Bösen, konnte er keine Dankbarkeit erwarten. Etwas musste geschehen, damit seine Existenz von den Sterblichen angemessen gewürdigt wurde. Mit einer List machte er sich das ausgelassene Treiben der Sterblichen zu nutze.

 

Am nächsten Morgen, als noch alle Menschen friedlich schliefen, flüstere Bardaros ihnen zu, wie schön es doch wäre die Zeit anzuhalten und genüsslich auf dem Lager noch etwas länger liegen zu können. Nach dem arbeitsreichen Jahr hätten sie sich redlich etwas Ruhe verdient. Sie müssten es sich nur wünschen, er würde sich dem gerne annehmen. Eine Bedingung müsse er jedoch stellen:

Jeder, der an Idefesoms Fest teilgenommen hatte, müsse zur gleichen Zeit Bardaros Hilfe erbeten. Wenn nur einer fehle, könne sein Zauber nicht wirken.    

 

Die Sonne ging auf und tauchte den Himmel in sanfte Pastelltöne. Ein Hahn kündigte den beginnenden Tag an. Verschlafen rieben sich die Leute ihre Augen, als sie aus den Häusern traten. An diesem Tag fiel es ihnen besonders schwer, mit der Arbeit anzufangen. Das nächtliche Angebot war zu verlockend gewesen. Auf den Straßen vernahm man aufgeregtes Reden. Jeder dachte an das Gleiche. Sehr schnell waren die Bürger sich einig.        

Sie versammelten sich um den runden Tisch, auf dem noch Reste vom vergangenen Fest lagen und fassten sich an den Händen. Der Älteste von ihnen sprach lautvernehmlich:

„Bardaros erhöre unser Flehen. Wir wünschen uns mehr Zeit für die Familie. Ständig haben wir nur gearbeitet. Bitte hilf uns Bardaros.“

 

Nachdem der Spruch verklungen war, schauten sich die Menschen unsicher an. Nichts  geschah. Kein Donnerhall erklang, keine Blitze zuckten aus heiterem Himmel auf die Erde nieder, keine Windböe rüttelte an wackeligen Fensterläden. Alles schien wie immer zu sein. Enttäuscht ging jeder nach Hause.

 

Edasne, Widakems Ehefrau, wollte Essen kochen, doch sie konnte im Herd kein Feuer entfachen. So sehr sie sich auch bemühte, die Flammen loderten nicht auf.  

„Es ist wie verhext. Versuch du es mal, ich gehe derweil in den Stall, Kühe melken.“

Niemand kann sich vorstellen, welch ein Schreck in ihre Glieder fuhr, als sie den Stall betrat. Kein Geräusch war zu hören, die Tiere standen herum, als seien sie aus Gips gefertigt. Sie fraßen kein Heu und tranken nicht. Ihre Euter waren zwar zur Hälfte gefüllt, doch sie ließen sich nicht melken.

Mit dem leeren Eimer in der Hand stürmte Edasne in die Küche.

„Sag mir, von was wir jetzt leben sollen“, fauchte sie Widakem an.

„Es wird schon alles gut, hab nur Geduld. Irgendetwas findet sich immer. Wenn unser Vieh keine Milch mehr gibt, dann essen wir eben Feldfrüchte.“

 

Auf der Straße wurden immer mehr Stimmen laut. In jedem Haushalt gab es die gleichen Probleme. Alle Menschen versuchten Hilfe beim Nachbarn zu bekommen, aber der war genauso übel dran.

„Bardaros hat uns reingelegt, nur er kann helfen. Wir müssen ihn erneut anrufen“, entschieden die Bürger.       

Plötzlich schrie eine Frau aus Leibeskräften. Sie zeigte zum Himmel.         

„Die Sonne! Merkt denn keiner, dass sie nicht weiter zieht?“

„Unmöglich, was schwatzt Du da?“, erhielt sie als Antwort.

Doch alle schauten nach oben.

Tatsächlich. Die Sonne stand noch wie am Vormittag.

Hastig eilten alle Menschen in den Festsaal. Wie zuvor rief der Älteste den Zauberer an:

„Bardaros, ich bitte Dich, mache alles wieder rückgängig. Wir wünschen unser Leben wieder so, wie es heute Morgen noch gewesen war.“

Ein lautes Lachen erfüllte den Raum.

„War mein Zauber etwa nicht gut genug? Ihr habt Zeit gewünscht und die habe ich Euch gegeben. Ist es etwa meine Schuld, wenn die Sonne nicht weicht, kein Feuer zündet und …“

Sein grausiges Lachen ließ jeden vor Furcht erzittern.

„Und kein Wasser fließt?

Eure Pflanzen werden vertrocknen, weil auch die Brunnen versiegen. Noch habt ihr etwas zu essen, doch wie lange hält das vor? Ich werde mit Vergnügen zusehen, wie ihr in Euren Betten darbt, bis der Tod Euch erlöst. Und jetzt stört mich nicht mehr, ich habe etwas Besseres zu tun.“

Verzweifelt weinten die Frauen und ihre Männer schauten grimmig drein. Die Lage war aussichtslos. Das hatten sie sich wirklich nicht gewünscht.  

 

Vor langer Zeit war Amahar, der Urzeitsänger im Ort erschienen und berichtete in seinen Weisen vom Schmied Udakar, der mit seinem gleichmäßigen Hämmern bestimme, wie viele Sekunden es brauche, bevor eine Minute verstrichen sei. Er galt als der wahre Zeitmesser, nach dem sich auch die Sonne richten würde.

Edasne hatte ihm aufmerksam zugehört, währenddessen die Leute ihn fortjagten und als Tunichtgut beschimpften, der sie nur von ihrer Arbeit abhalten wolle.

„Erinnert ihr euch noch, wie schändlich ihr ihn behandelt habt? Dabei sang er wundervolle Lieder.“

Die Angesprochenen sahen betroffen zu Boden und schämten sich für ihre damalige Tat.

„Wo finden wir diesen meisterhaften Schmied und wie können wir mit ihm Kontakt aufnehmen?“, wurde Edasne von allen Seiten her gefragt.

„Eigentlich gar nicht“, bedauerte sie.

„Er lebt in den Wolken und ist für Menschen unerreichbar.“

„Dann rufen wir seinen Namen. Wenn er uns hört wird er wissen wollen, was er für uns tun kann.“

„Das ist keine gute Idee. Dort wo er arbeitet ist es so laut, dass er sogar tosenden Sturm nicht wahrnehmen kann. Zuvor müsste er aufhören zu schlagen. Das wird er aber gewiss nicht tun, denn es ist seine Bestimmung.“

„Warum erzählst du dann von ihm, wenn wir doch nichts tun können? Macht es Dir Freude uns noch mehr zu quälen?“, schnauzten die Leute Edasne an.

„Niemand will Euch quälen, ausgenommen Bardaros. Denkt doch mal nach. Wenn wir auf Wolken keinen Halt finden, kann das doch Bodofila, die Maid der Lüfte für uns tun.“  

Erstaunt sah einer den anderen an. Hätten sie damals nur Amahar, dem Urzeitsänger, besser

zugehört. Der Name Bodofila war ihnen unbekannt.

„Was ist, wenn wir damals Recht hatten und nichts von all dem stimmt?“

„Den Versuch, Bodofila anzurufen, wird es wohl wert sein. Oder hat jemand einen anderen Vorschlag?“

Auffordernd sah sich Edasne um. Keiner meldete sich zu Wort.

„Gut, dann lasst mich jetzt alleine. Ich werde mit der Maid sprechen und will niemand in meiner Nähe sehen. Bodofila ist nämlich sehr schüchtern und wenn sie sich bedrängt fühlt, dann kann sie ausgesprochen böse werden.

Glaubt mir, ist sie erst einmal richtig wütend geworden, dann lässt sie kein Haus unbeschadet stehen und knickt Bäume um, als seien sie Strohhalme.“

 

In der Nähe des Flusses setzte sich Edasne auf einen Stein. Dass es an ihrem Lieblingsplatz so traurig aussehen würde, hatte sie nicht erwartet. In dem wenigen verbliebenen Wasser lagen die Fische wie Kieselsteine auf dem Grund.

Mit Hilfe einer Zauberformel, die Edasne vom Urzeitsänger gelernt hatte, rief sie Bodofila herbei. Wenig später saß eine wunderschöne Frau mit langen blonden Haaren neben ihr.

„Warum hast du mich gerufen Menschenkind?“, wollte sie wissen.

Edasnes Augen waren voller Tränen.

„Sieh doch nur, die Fischlein. Alles Leben ist aus ihrem Körper gewichen.“

„Was ist geschehen?“, fragte Bodofila entsetzt.

„Das ist alles meine Schuld. Bardaros hat versprochen, dass ich mit meinem Mann länger als üblich im Bett liegen bleiben kann, ich habe es mir doch so sehr gewünscht. Aber dass er die Zeit anhält, Verderben über uns alle bringt und sogar diese unschuldigen Lebewesen erstarren lässt, das habe ich nicht gewollt.“

Bodofila sah Edasne schräg von der Seite an.

„Hast du alleine Bardaros angerufen?“

„Nein, wir alle waren es. Aber ich hätte von Amahar, dem Urzeitsänger wissen müssen, wie abgrundtief schlecht der Diener des Bösen ist. Deshalb trage ich alleine die Schuld an allem.“

Edasne weinte bitterlich.

 

Bodofila überlegte nicht lange.

„Mit Bardaros habe ich sowieso noch eine Rechnung zu begleichen, da kommt mir dieser Zwischenfall ganz gelegen. Vertraue mir, ihm werde ich das Handwerk legen.“

Bodofilas strahlendes Lächeln erwärmte Edasnes Herz.

Die Maid der Lüfte eilte zu ihrem Freund Udakar. Sie erzählte dem Schmied, Bardaros habe es geschafft, sein Hämmern in einem Dorf unwirksam zu machen.

„Was? Meine schwere Arbeit soll nutzlos sein? Na dem werd’ ich’s zeigen!“, schnauzte Udakar wütend. Er heizte das Feuer doppelt so stark an und schlug auf glühendes Eisen bis Funken sprühten. 

Auf der Erde tobte ein Gewitter, dass die Sterblichen in Angst und Schrecken versetzte. Nur in der verzauberten Gegend bemerkt niemand etwas davon. Nichts trübte den strahlend blauen Himmel.

Die Maid der Lüfte schwebte übers Wasser, sammelte alle Wolkenberge ein und blies sie vors Angesicht der Sonne.

„He Bodofila, was machst du da, so kann ich doch keine Menschen mehr sehen.“

„Wenn du sie beobachten willst, dann rücke doch einfach zur Seite. Du hast schon viel zu lange hoch am Himmel gestanden. Hörst Du nicht, wie ungeduldig Udakar die Stunden schlägt?“                         

„Eigentlich hast Du Recht. Außerdem langweilt es mich, immer das Gleiche zu sehen. Sollen dicken Regenwolken ruhig meinen Platz einnehmen, ich bin müde geworden“, antwortete der Himmelskörper.

Vor Freude jauchzte Bodofila. Wenn die Sonne bereit war unter zu gehen, dann würde auch die Zeit aus ihrem Schlaf erwachen.   

 

Als Bardaros merkte, dass sein Zauber wirkungslos geworden war, lief er vor Zorn rot an,  wurde dicker und dicker, bis er zu feinem Staub zerplatzte.
Bodofila blies die Überreste auseinander und verteilte sie über die ganze Welt. Seitdem ist das Böse in jedem Land zu Hause. Doch nie wieder findet es zu seiner ehemaligen Stärke zurück.