Geschenk aus dem Jenseits

Fasziniert standen Andreas und Katia vor der gemieteten Motorjacht.
Es war ein stolzes Schiff, auf dem sie acht Tage lang Irlands Gewässer erkunden würden.

Am Funkeln der Augen ihres Mannes erkannte Katia, dass für ihn ein lang ersehnter Wunsch in Erfüllung ging.
Von Kindesbeinen an träumte Andreas davon Kapitän zu sein. Andere Jungs wollten Lokomotivführer werden oder Pilot. Ihn hatte es immer zum Wasser gezogen.
Vielleicht war es Angst vor der eigenen Courage gewesen, oder es mangelte ihm an Durchsetzungsvermögen, er vermochte es nicht zu sagen. Jedenfalls studierte er nach dem Abitur Maschinenbau und blieb eine „Landratte“.
Tief in seinem Herzen glimmte immer noch die ehemalige Schwärmerei für alles Maritime.
Den Führerschein für Binnengewässer hatte er lange schon in der Tasche, doch um mit einem Schiff zu verreisen, fehlten ihm bisher Zeit und Geld.

Beides nahm sich Andreas anlässlich seines dreißigsten Geburtstags und verwirklichte einen Traum.
Diese Art des Urlaubs machte auch seiner Frau große Freude.
Jeden Tag wechselte das Panorama. Mal fuhren sie durch einsame Landschaften, Mal ankerten sie im Hafen einer großen Stadt. Die Eindrücke waren überwältigend.
Bevor der Urlaub zu Ende ging, wagte sich das Paar auf einen der großen Seen hinaus, dessen starker Wellengang eine lockende Herausforderung war.

Dunkle Wolkenberge hatten sich vor die Sonne geschoben. Erste Böen wühlten Wellen auf, die eine schmutzigbraune Farbe angenommen hatten.
Das Schiff schwankte bedenklich.
Andreas musste sich an der Reling festhalten, als er besorgt zum nachtschwarz gewordenen Himmel blickte.
Bizarr geformte Blitze zuckten herab, gefolgt von ohrenbetäubendem Donner.
Er hatte keine Zeit das Naturschauspiel zu genießen. Um sich und das Schiff nicht in Gefahr zu bringen, musste er schleunigst die nächste Anlegestelle erreichen.
Andreas eilte zum Ruder, als ihn der Schrei seiner Frau stoppte.

„Da vorne! Halt an! Nicht weiter, du überfährst ihn ja noch! Wir müssen ihn aus dem Wasser holen!“

„Was sollen wir aus dem Wasser holen? Außer unsere Jacht ist weit und breit nichts zu sehen. Hör auf mir einen Schrecken einzujagen“, fauchte Andreas ärgerlich. „Gerade bei diesem Wetter kann ich solche Scherze nicht vertragen.“

Vor Aufregung zitterte Katia am ganzen Körper.
„Sag bloß, dass du nichts gesehen hast! Immer wenn ein Blitz aufleuchtete, konnte ich deutlich erkennen, wie ein Mann um sein Leben kämpfte.“

„Wo soll das gewesen sein?“, fragte Andreas erstaunt.
„Na dort vorne, wir steuern direkt auf ihn zu. Er streckte hilfesuchend seine Hände nach uns aus. Wenn wir nichts tun, ertrinkt er.“

Andreas versuchte angestrengt den vermutlich Schiffbrüchigen zu erkennen.
„Ich sehe niemand. Wenn er ins Wasser gefallen wäre, müsste ein verlassenes Boot auf dem See schwimmen. Bist du dir sicher, dich nicht getäuscht zu haben?“
„Selbstverständlich habe ich mich nicht getäuscht! So einen Anblick kann man sich nicht einbilden.“ Mit tränenerstickter Stimme fügte Katia noch hinzu.
„Ich werde mein Leben lang Albträume bekommen, wenn wir nicht versuchen ihn zu retten.“

„Wie stellst du dir das vor? Zeige mir, wo ich suchen soll. So bald er wieder auftaucht, ziehe ich ihn sofort an Bord.“

Doch Katia konnte den Mann auch nicht mehr entdecken. Die Vorstellung, dass er vor ihren Augen ertrunken sei, lag quälend auf ihrem Gewissen. Regentropfen prasselten auf ihr Gesicht und milderten den Anblick verweinter Augen.

Froh, endlich die Anlegestelle erreicht zu haben, sprang die junge Frau auf den Steg.
Pflichtbewusst zurrte Katia das vordere Tau an dem eingelassenen Pflock fest. Bevor sie das Heck sichern konnte, trieben hohe Wellen das Schiff zur Seite.

Gleichzeitig zerrte Andreas am Ruder, doch ohne laufenden Motor war die Jacht manövrierunfähig.
„Mach schnell los, der Sturm verdrückt den ganzen Bug! Ich steuere von der anderen Seite an“, rief Andreas gegen den Wind.
Panik verlieh seiner Stimme ungeahnte Stärke. Trotzdem verschluckte das Heulen der Naturgewalten fast jedes Wort.

Katia hatte die drohende Gefahr längst erkannt. Sie beeilte sich die Leine loszumachen und warf beide Taue aufs Schiff zurück.
Unter ihrer Regenjacke schwitzte sie vor Anstrengung.
Andreas startete den Motor und ließ ihn rückwärts laufen.
Er fuhr einen weiten Bogen, um von der entgegengesetzten Seite aus am Pier anzulegen.
Nun wurde der Rumpf gegen Holzplanken gedrückt, doch ausgeworfene Fender schützten die Außenhaut der Jacht.

„Ihm fehlt noch ne ganze Menge Übung“, dachte Katia versöhnlich. „Zu blöd, dass uns das ausgerechnet jetzt passieren musste.“
Sie war stolz darauf, durch rechtzeitiges Reagieren Schaden verhindert zu haben.

„Komm endlich an Bord oder wartest du darauf vom Blitz erschlagen zu werden?“

Als sie ihren Mann rufen hörte, hatte Katia erneut eine Erscheinung.
Der Fremde war ganz nahe, fast hätte sie ihn anfassen können. Er schwebte über den Wellen und winkte ihr zu.
In seinem durch Falten zerfurchten Gesicht blitzte ein freundliches Lächeln auf. Trotz seines offensichtlichen Alters war der Kopf von dichtem Haar bedeckt. Er trug den grün karierten Kilt früherer irischer Landlords.
Erst nachdem Katia ihn genauer betrachten konnte, fiel ihr auf, dass keine Tropfen ihn durchnässten.

Das Gewitter tobte unverändert stark.

„Um Gottes Willen Katia, ist dir was passiert?“
Andreas sah, wie seine Frau verstört am Steg stand. Er sprang sofort von Bord, nahm sie in die Arme und half ihr aufs Schiff hinauf.
„Alles ist noch mal gut gegangen“, sprach er beruhigend auf sie ein. „Ich mache uns gleich einen heißen Tee, der wird dir gut tun.“

„Er war wieder da gewesen und wollte mich mitnehmen“, stammelte Katia.

Andreas reagierte ungewöhnlich heftig.
„Dich nimmt keiner mit! Wer es versuchen sollte, der kann mich kennen lernen.“ Empört krempelte er die Ärmel seines Pullovers hoch.

Als Katia die Wut im Gesicht von Andreas sah, war ihre Furcht verflogen. Mit sanfter Stimme fragte sie ihn.
„Was willst du denn gegen einen Geist ausrichten? Der lässt sich nicht verprügeln. Er kommt und geht, wie es ihm passt.“

„Ist dir eigentlich klar, was du sagst? Der Mann, der dich zu Tode erschreckte, soll nicht real gewesen sein?“

„Dieses Mal sah ich ihn nicht im Wasser versinken, sondern darüber gleiten. Die ganze Zeit hatte es Bindfäden geregnet, doch seine Kleidung war trocken geblieben. So etwas kann nicht mit rechten Dingen zugehen, ich muss auf ein Phantom hereingefallen sein. Tut mir leid, dass mir das nicht früher aufgefallen ist.“

Andreas wurde nachdenklich.
„Hm. Was soll ich dazu sagen? Es ist durchaus möglich, dass an dieser Stelle sich jemand das Leben genommen hat und nun seine ruhelose Seele noch andere ins Verderben ziehen will. Hier in Irland gibt es viele unerklärbare Erscheinungen.“

„Meinst du?“

„Nein, das meine ich nicht nur, ich kann es dir schwarz auf weiß zeigen.“

„Na wenigstens glaubst du mir jetzt.“

„Schatz, ich habe dir doch immer geglaubt.
Mir war gar nicht wohl, als ich beim Einfahren in die Bucht eine Kirchenruine und die verwitterten Grabsteine sah.
Wir konnten nicht auf dem See bleiben, das wäre bei diesem Gewitter viel zu gefährlich gewesen. Ich hatte keine andere Wahl.“

Sie unterhielten sich noch lange über unerklärbare Ereignisse, die sich in Irland abgespielt haben sollen. Andreas hatte sich extra ein Buch darüber gekauft. Interessiert blätterte das Paar darin und las die unglaublichsten Geschichten. Als beiden die Augen zufielen, gingen sie zu Bett und schliefen dicht aneinander gekuschelt ein.

Am nächsten Tag, als sie das Schiff klar machten, um zum Verleiher zurückzufahren, lag ein Rosenkranz mitten auf dem Steg.
Seine Perlen waren aus purpurrotem Amethyst gefertigt. Die Farbe ähnelte vergossenem Blut. Es musste eine, nur für sie bestimmte Bedeutung dahinter stecken.

Katia war sich nicht mehr sicher, ob der Geist sie ins Wasser locken wollte, oder ob er sie vor einer unbekannten Gefahr beschützt hatte.
Sie hob das Geschenk aus dem Jenseits auf und steckte es in ihre Jackentasche.
"Ich werde für Dich beten, damit Deine Seele Ruhe finden kann", sagte sie leise ins Nichts hinein.

„Adieu Land der Mythen, Geister und Dämonen“, verabschiedete sich die junge Frau in Gedanken, als das Flugzeug eine Schleife über die grüne Insel drehte.