Inhalt:

Ausgesetzt
Pünktchens Wunsch
Ein Herz für Tiere




Ausgesetzt


Herrchen und Frauchen rufen einfach Struppi, wenn sie etwas von mir wollen. Aufmerksam reagiere ich auf jeden Laut, der sich auch nur im entferntesten so ähnlich anhört.
Oft möchten sie dann mit mir spielen, streicheln, oder Gassi gehen.

Gassi ist auch so ein Wort, auf das ich sofort reagiere. Es bedeutet laufen, Duftmarken setzen und, nicht zu vergessen, einen großen Haufen setzen zu dürfen. Nach dieser Erleichterung fühle ich mich gleich wieder wie ein ordentlicher Hund.
Wenn die Sonne scheint, oder das Wetter trocken genug ist, dann darf ich noch ein paar Runden rennen, bevor es heimgeht. Meistens hat Herrchen einen kleinen Ball dabei, den er weit weg wirft, damit ich ihn ganz schnell wieder einfangen kann. Dieses Spiel macht uns beiden viel Spaß. Sobald ich den Ball zurückgebracht habe, will Herrchen ihn mir immer aus dem Maul nehmen. Zum Schein halte ich ihn mit den Zähnen ganz fest und lasse den Ball nur ungerne wieder los. Manchmal knurre ich sogar dabei, das gehört zum Spiel und ist nicht böse gemeint. Herrchen versteht mich, das weiß ich ganz genau. Wenn wir mit dem Ball spielen, streichelt er mir zuweilen über den Kopf und lässt mich fühlen wie stolz er darauf ist, dass ich so schnell und zuverlässlich bin.

Menschen sind sehr empfindliche Wesen. Sie können weder richtig bellen, noch beißen, und beim Laufen gehen sie immer ganz langsam, denn sie sind sehr schnell müde. Man darf aber nie den Fehler machen sie zu unterschätzen. Für jede Fähigkeit, die ihnen fehlt, haben sie Hilfsmittel unter Kontrolle, mit denen sie unangreifbar sind.
Eines dieser Hilfsmittel mag ich besonders gerne, sie nennen es Auto.
Es ist eigentlich nur ein Blechkasten, der rundherum Löcher hat, aus denen wir heraussehen, wenn wir drin sitzen. Doch dieses Ding kann ungeheuer schnell rennen.

Sollte es regnen und wir rennen mit dem Auto, dann ist uns das Wetter egal. Dieses Ding lässt keinen Tropfen Wasser auf uns fallen. Ist es erst einmal in Bewegung, dann rast die ganze Welt an uns vorbei.

Wenn ich in unserem Auto sitze, fühle ich mich großartig und bin sehr stolz darauf, dass es zu meinem Rudel gehört.

Seit einiger Zeit fühle ich mich zu Hause unwohl. Es liegt etwas in der Luft, aber ich weiß nicht was es ist. Herrchen und Frauchen benehmen sich so abweisend und kühl, als ob sie mich überhaupt nicht mehr lieb hätten. Jede Bemühung aufmerksam zu sein, wird ignoriert. Anstatt gestreichelt zu werden, ernte ich nur Ablehnung. Die frühere Zuneigung hat sich auf ein Minimum begrenzt. Was kann ich nur tun, damit alles wieder so wird, wie es früher einmal war.
Gassi gehen fällt auch immer kürzer aus. Kaum habe ich mein "Geschäft" erledigt, muss ich zurück ins Haus. Dabei gibt es überall jede Menge zu erschnüffeln. Fremde Gerüche aufzunehmen ist meine Lieblingsbeschäftigung. Ich verstehe nicht, warum Herrchen oder Frauchen sich nicht daran beteiligen wollen. Sie ahnen ja gar nicht, was ihnen alles entgeht.

Es wird gerade Abend und eine stinklangweilige Nacht steht mir wieder bevor. Na ja, dann werde ich halt versuchen zu schlafen. Das ständige herumliegen macht mich sowieso immer müde. Ach, wie war das schön, als ich noch klein war und die Familie nicht aufhören wollte mit mir zu spielen. Doch jetzt? - Na, lassen wir das. Es hat keinen Zweck darüber nachzudenken.
Ein leises Klicken erreicht mein Ohr. Habe ich richtig gehört? Um diese Zeit? Meine Ohrspitzen deuten in Richtung Diele. Dort kam das hoffnungserweckende Geräusch her. Ja, tatsächlich. Herrchen will mit mir Gassi gehen! Freudig stehe ich auf, strecke ausgiebig meine Glieder und bereite mich auf den unerwarteten Ausgang vor. Mein Schwanz klopft rhythmisch und vor Freude hüpfe ich ungeduldig hin und her. Ich habe zwar noch nie erlebt, dass er zu so später Stunde noch mit mir weggehen will, doch die Idee finde ich prima. So etwas können wir ruhig öfter machen.

Wir gehen zum Auto.
Das bedeutet, dass wir nicht nur kurz um den Häuserblock herumlaufen, sondern uns einen längeren Spaziergang gönnen.
Während wir mit dem Auto auf einem Weg entlang rennen, den ganz viele dieser Blechkästen benutzen, steigt meine Erwartung an die Düfte, welche bald auf mich einströmen werden. Sind zu so später Stunde die gleichen Tiere unterwegs wie am Tage? Gleich werde ich es wissen.
Herrchen hat mich doch noch lieb hat. Würde er sonst diesen Ausflug mit mir unternehmen?

Jetzt wird unser Auto langsamer und läuft zu einem ruhigen Platz, ganz in der Nähe der Rennbahn. Ich kann es kaum noch erwarten loszulaufen.
Geschafft, - aussteigen. Meine Rute wedelt energisch hin und her und versetzt Herrchen ein paar Hiebe. Doch solche Kleinigkeiten ignorieren wir gelassen. Jetzt geht's los.
Von wegen!
Er bindet mich an einen Baum fest, der nur wenige Schritte von der Autorennbahn entfernt steht. Ich bin enttäuscht und protestiere mit ein paar kurzen Lauten. Ausgerechnet hier, wo alles fremd ist, will ich nicht angebunden werden! Aber Herrchen reagiert nicht, sondern läuft zum Auto. Deshalb werde ich lauter und zerre mit aller Kraft an der Leine. Doch mein Rudelführer sieht sich noch nicht einmal nach mir um. Hastig steigt er in seinen Blechkasten ein und verschwindet

Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Warum macht er so etwas? Wieso lässt er mich alleine? Wo bin ich eigentlich? Es ist gemein mich anzubinden. Wenn jetzt ein großer Hund vorbeikommt, kann ich mich noch nicht einmal gegen ihn wehren. Auch weglaufen ist unmöglich. Herrchen sollte das eigentlich wissen. Ich ärgere mich über ihn, knurre gefährlich, doch dann beruhige ich mich wieder. Er kommt bestimmt gleich zurück. Wahrscheinlich hat er nur den Ball vergessen, mit dem wir immer spielen.
So was Blödes. Er hätte mich doch im Auto mitnehmen können, wenn er den Ball sucht. Ich hätte das Spielzeug doch viel schneller gefunden als er. Sowie Herrchen da ist, werde ich ihn gehörig ausbellen. Er weiß dann schon, wie ich es meine. Doch momentan kann ich nur warten. Hoffentlich findet er den Ball sofort und muss nicht noch lange suchen.

Es ist bereits stockdunkel geworden und ich sitze hier immer noch alleine herum. Mit der Zeit bekomme ich Angst und einen schrecklichen Verdacht werde ich nicht los. Herrchen wird mich doch nicht alleine gelassen haben, weil er nichts mehr von mir wissen will? Aber das kann nicht sein. Dazu wären Herrchen und Frauchen niemals fähig. Wir sind doch eine Familie, ein Rudel, das zusammen gehört!
Ich bekomme Durst und kann noch nicht einmal nach Wasser suchen. Eine kleine Pfütze würde mir schon genügen. Auch wenn das Wasser nach Erde schmeckte, würde mir das nichts ausmachen. Solange ich nur meinen Durst löschen könnte, wäre ich schon zufrieden.
Ein leises Jaulen entrinnt meiner Kehle, dann nehme meine ganze Kraft zusammen und zerre an der Leine, bis Blut am Halsband herunterläuft.
Die Leine hält. Was kann ich jetzt noch versuchen? Aufrecht stehend belle ich so laut, wie ich noch nie gebellt habe und versuche Aufmerksamkeit zu erregen. He, ihr blöden Autorenner, wird denn keiner von euch mal müde? Warum hört mich denn niemand? Ich bin hier, gleich neben der Rennbahn und brauche eure Hilfe!
Keine Reaktion. Eigentlich habe ich auch keine Hilfe erwartet, doch ich wollte und konnte nichts unversucht lassen. Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als zu warten. Worauf? Ich weiß es nicht.
Warum holt Herrchen mich nicht ab? Bin ich jetzt ausgestoßen?
Mein Hals tut weh und der Durst quält mich unbarmherzig. Ich schließe die Augen und hoffe, dass dieser Albtraum bald zu Ende geht. Das Fell juckt fürchterlich, die Zunge ist ganz dick geworden und mein Herz pocht so heftig, dass ich jeden einzelnen Schlag höre.
Egal wie, ich muss hier weg. Doch so laut ich auch belle, jaule, oder heule, niemand bemerkt mich.
Panik ergreift mich und ich versuche mit aller Gewalt um den Baum herum zu laufen. Mit einem Ruck, der mir schmerzhaft die offene Wunde ins Gedächtnis ruft, wird mein sinnloses Treiben gestoppt. Ich möchte mich setzen, doch inzwischen ist die Leine so kurz geworden, dass sie mir den Atem nimmt, wenn ich sie noch ein bisschen mehr spanne.
Mit ganzer Kraft, springe ich gegen das Hindernis an, drehe mich in der Luft herum und lande unsanft auf den Rücken. Die Leine reißt zwar nicht, doch wenigsten habe ich jetzt wieder etwas mehr Bewegungsfreiheit. Hechelnd sitze ich neben dem Baum und warte. Der Weg für Autos führt direkt an mir vorbei. Sowie eines müde wird und sich ausruhen will, kann ich mich bemerkbar machen. Ich muss nur aufpassen, dass keines wegrennt bevor mich jemand von dem Baum losgebunden hat
.
Es ist hell geworden. Ich fühle mich müde und schwach, wie noch nie zuvor. Alles tut mir weh. Die Beine, der Rücken, auf den ich mit meinem ganzen Gewicht knallte, die Wunde vom Halsband und vor allem meine trockene Kehle. Ich habe Durst. Mächtig, unbarmherzig und verlangend überlagert die Vorstellung an Wasser jeden anderen Gedanken. Wenn Blätter an den Bäumen vom Wind bewegt werden, sehe ich einen fließenden Bach vor mir und wenn die Blechkisten in meiner Nähe vorbeirennen, erinnert mich das Geräusch ihrer runden Pfoten an Steine, die in einen tiefen See platschen. Hoffentlich kommt bald jemand vorbei, denn ich bin schon halb wahnsinnig vor Durst und vor Angst.

Struppi musste noch lange warten, bis ein Wagen der Autobahnmeisterei turnusmäßig vorfuhr. Gerade noch rechtzeitig entdeckten die Angestellten das hilflose Bündel, welches halb verdurstet, völlig verdreckt und total verängstigt neben dem größten Baum des Parkplatzes kauerte. Sein Anblick war so mitleiderregend, dass einer der Männer sich spontan dazu entschloss diesen Hund nicht im Tierheim abzugeben, sondern ihn zu Hause aufzupäppeln.
Heute geht es Struppi gut. Er lebt inmitten einer Familie, die ihn richtig lieb hat und rührend umsorgt. Sein Vertrauen zu den Menschen wurde jedoch so schwer erschüttert, dass es nie wieder so Bedingungslos sein wird, wie es früher einmal war.



Pünktchens Wunsch

Wer glaubt Tiere können sich nicht miteinander unterhalten, der irrt. Zur gemeinsamen Kommunikation benutzen sie nicht nur ihre Stimmen, auch mit ihren gesamten Gesten drücken sie aus, was sie einander mitzuteilen haben.
Meist funktioniert das prima. Es verständigen sich die unterschiedlichsten Tierarten, ohne dass Menschen etwas davon mitbekommen. Hühner unterhalten sich mit Hasen und Spatzen mit Gänsen. Dem kommunikativen Austausch der Tiere sind keine Grenzen gesetzt, wie auch in dieser Geschichte.
Die Begebenheit ereignete sich auf einem großen Bauernhof, auf dem unter anderem Kaninchen, Gänse und natürlich auch Hühner lebten. Die Tiere verständigten sich miteinander zu jeder Gelegenheit. Ob sie nun zum Hof zählten, oder frei lebende Kreaturen waren, spielte keine Rolle. Jeder war begierig darauf immer das Neueste zu erfahren.
Tiere können nämlich unglaublich neugierig sein.

Eines der dort lebenden Kaninchen hieß Pünktchen. Diesen Namen bekam es, weil es einen hellbraunen Fleck mitten auf der Stirn hatte. Auf Pünktchen war der Bauer richtig stolz. Obwohl er nicht wissen konnte woran es lag, hatte er immer den Eindruck, dass Pünktchen ein ganz besonderes Kaninchen war.
Der Bauer wollte, dass seine Tiere sich auf seinem Hof wohlfühlten. Trotz der vorbildlichen Haltung, träumten aber alle davon einmal im Leben etwas anderes zu unternehmen, als immer nur fressen und schlafen. Meistens wünschten sie sich in Freiheit zu leben und der begrenzten Welt des Hofes zu entfliehen. Doch sobald die Tiere solche Wünsche äußerten, wurden sie von den Hausspatzen mit aufgeregtem Gezwitscher zurechtgewiesen. Die Spatzen berichteten dann von enormen Gefahren, welche auf unerfahrene Tiere warteten und dass Hoftiere kaum eine Chance hatten, länger als zwei Wochen in ihrer geliebten Freiheit zu überleben. Außerdem erzählten die Spatzen vom quälenden Hunger, den die Hofbewohner nicht kannten, den aber jedes freilebende Tier zuweilen zu spüren bekam.

Langeweile herrschte auf dem Hof nie. Immer gab es etwas Neues und Interessantes zu berichten.
Eines Tages erheiterte Pünktchen die ganze Gemeinschaft als er erklärte: "Ich wünsche mir einmal Osterhase zu sein."
Für einen kurzen Augenblick lang war es mucksmäuschenstill. Dann, als ob ein tosender Orkan losbrechen würde, setze von allen Seiten her lautes Gelächter ein.
"Pünktchen, der Witz war gut, hast du noch mehr solcher Sachen auf Lager?" Grunzte ein Schwein.
"Um Himmels Willen, siehst du denn nicht, wie sich meine Hennen vor Lachen kaum noch auf der Stange festhalten können," krähte Oskar der Hahn.
Federchen legte sogar ein Ei. Sie hatte sich beim Lachen verschluckt und als sie daraufhin husten musste um wieder frei atmen zu können, war ihr das Ei einfach herausgerutscht.
"Siehst du was du da angerichtet hast?" Schnatterte Federchen vorwurfsvoll Pünktchen an. "Wegen dir habe ich jetzt mitten auf den Weg ein Ei gelegt. Hier kann doch jeder drauf rumtrampeln. Ich muss schleunigst zusehen, wie ich mein Ei in Sicherheit bringe."
"Reg‘ dich nicht so auf," bellte Ben, der Hofhund. "Ich helfe dir. Mit meiner Schnauze rolle ich dein Ei wohin du es haben willst"
"Wenn das mal gut geht" meinte Federchen, doch sie nahm Bens Hilfe gerne an.
Stolz watschelte die Gans vor Ben her, um ihm zu zeigen, an welchen Platz er das Ei rollen sollte. Ben folgte ihr, doch als sich Federchen umdrehte, schrie sie Ben aufgeregt an. "Du blöder Köter hast ja mein Ei ganz vergessen! So etwas leicht zerbrechliches kann man doch nicht alleine auf der Straße liegen lassen! Marsch, setz dich in Bewegung und rolle mein Ei hier herüber. Genau an dieser Stelle will ich es liegen sehen."
"Blöde Gans," brummte Ben. "Da will man nun helfen und wird zum Dank auch noch angeschrieen. Soll sie doch das nächste mal zusehen, wie sie ihr Ei aus der Gefahrenzone bekommt! Ich habe ihr schließlich nicht gesagt, dass sie es mitten auf den Weg legen soll "

Auf dem ganzen Hof herrschte große Aufregung, nachdem Pünktchen seinen Wunsch bekannt gegeben hatte. Nur langsam beruhigten sich die Tiere wieder.
Pünktchen verstand nicht, warum es überall ausgelacht wurde. Seiner Meinung nach sollte jedes Kaninchen den Wunsch hegen, Osterhase zu werden. Eine ehrenvollere Aufgabe konnte sich Pünktchen einfach nicht vorstellen. Wenn eines der Ferkel Glücksschwein werden wollte, dann lachte es ja auch niemand aus. Selbst das Küken, welches zum Ziel hatte Wetterhahn zu werden, genoss Anerkennung und Respekt. Warum nur wurde sein Wunsch nicht akzeptiert?

Unter den Tieren galt die Eule als besonders klug. Aber man konnte sie nur sie nur nachts besuchen. Noch dazu war es sehr gefährlich der Eule einen Besuch abzustatten. Solche, die es wagten die Eule grundlos zu belästigen, mussten dies mit ihrem Leben bezahlen.
Trotzdem nahm das Kaninchen sich vor, in der kommenden Nacht bei der Eule nachzufragen, was an seinem Wunsch so komisch war. Die Demütigungen des vergangenen Tages lagen so schwer auf seinem Herzen, dass die Angst um sein Leben leichter zu ertragen war. Aber dann, je tiefer die Sonne sank und je dunkler es wurde, desto mehr sehnte sich das kleine Kaninchen in seinen schützenden Stall zurück.
Die Tiere der Nacht waren erwacht und machten Geräusche, die Pünktchen vor Furcht zittern ließen. Es war gerade dabei die Flucht zu ergreifen und auf dem schnellsten Weg nach Hause zurück zu hoppeln, als es über sich die kräftigen Flügelschläge der Eule vernahm.
Pünktchen duckte sich, und hörte ein schadenfreudiges: "Zu spät."

Als Pünktchen sich aufrichtete, erblickte er die Eule direkt vor sich auf einen niedrig hängenden Ast sitzend. Sie war ein beeindruckend großer Vogel, mit grauglänzenden Federn und einem dicken, spitz gebogenen Schnabel dem man ansah stark genug zu sein, um gefangene Beute mühelos zu zerreißen.
"Glaubst du denn wirklich, du könntest vor mir fliehen indem du dich duckst? Im gleichen Augenblick, als ich dich erspähte, war es um dich geschehen. Du kannst mir nicht entkommen," belehrte die Eule das kleine Kaninchen.
"Wer will dir entkommen? Ich habe dich extra aufgesucht um dir eine Frage zu stellen."
Pünktchen wusste, jetzt kam es darauf an, das Interesse der Eule zu wecken. Wenn ihm dies gelang, dann würde er sein Leben retten können. Also ließ es sich mutig auf einen Dialog mit der Eule ein.

"Ja, wenn das so ist, wenn du mich gesucht hast, darf ich dich dann zum Essen einladen?" fragte die Eule
"Was hast du denn anzubieten?", fragte Pünktchen keck, obwohl ihm die Angst tief in den Knochen saß und es überhaupt keinen Hunger verspürte.
"Blöde Frage," erwiderte die Eule. "Wenn ich dich zum Essen einlade, dann gibt es natürlich Kaninchenragout, was hast du denn gedacht?"
"Ich weiß nicht ob mir das schmeckt. Kopfsalat wäre mir lieber." Pünktchen unterdrückte den Anflug von Panik, der in ihm aufkam.
Ein lautes ha, ha, ha schallte durch den Wald. Die Eule bog sich vor Lachen. Sie wollte sich mit einem ihrer Flügel den Bauch halten, verlor dabei ihr Gleichgewicht und landete unsanft auf den Boden. Die Beine in die Luft gestreckt, lachte sie noch immer, nur vorsichtiger.
"Dabei hast du bestimmt an Eulenkopfsalat gedacht. Du bist ein urkomischer Typ, weißt du das? So jemand wie dich werde ich nicht verspeisen. Es gibt viel zu wenig Tiere deines Schlags." Dann richtete sich die Eule auf und fragte das Kaninchen welches Problem es dazu veranlasste hatte, sich der großen Gefahr auszusetzen und ihren Rat einzuholen.

Pünktchen erzähle von seinem Wunsch Osterhase zu werden und dass er deswegen überall ausgelacht wurde. Es wollte von der Eule wissen, was an seinem Wunsch so lächerlich sei.
"Mal ganz davon abgesehen, dass du ein Kaninchen bist und kein Hase, gibt es noch mehr Dinge, die deinen Wunsch unmöglich machen. Als Osterhase musst du nämlich lernen wie man Eier legt," antwortete die Eule amüsiert. "Mir ist noch kein Kaninchen begegnet, dass dies kann. Vielleicht lachen dich deine Freunde deshalb aus. Doch selbst wenn du Eier legen könntest, oder sie dir irgendwoher besorgst, ist dein Problem damit noch nicht gelöst. Die Eier müssen auch gekocht und bunt angemalt werden. Ich weiß nicht, wie du das hinkriegen willst. Aber wenn du es schaffen solltest, dann sage mir bitte Bescheid. Ich lerne gerne noch etwas dazu."

Mit hängenden Ohren verabschiedete sich Pünktchen von der weisen Eule. Was es soeben erfahren musste, bedeutete das Ende seines Traums. Sicher, Eier könnte es sich leicht besorgen. Wozu gab es Hühner und Gänse auf dem Hof? Aber die Eier bunt anmalen, das konnte es nicht. Zudem wusste Pünktchen nicht was kochen bedeutete und wozu es gut sein sollte.
Zum ersten Mal in seinem Leben rollten Tränen über sein Gesicht. Es waren Tränen der Hilflosigkeit und der Verabschiedung von seinem Lebenswunsch.

Zu Hause angekommen, verkroch sich Pünktchen in die hinterste Ecke des Kaninchenstalles und versuchte zu schlafen.
Am nächsten Morgen fühlte sich Pünktchen ganz krank. Es blieb in der Ecke sitzen und hatte keine Lust den Stall zu verlassen.
"Das kommt nur davon, weil Pünktchen die Eule besucht hatte," vermuteten seine Freunde. Sorgenvoll fügten sie hinzu, "nun liegt es krank im Stall und muss bestimmt bald sterben. Jeder weiß doch, dass es gefährlich ist zur Eule zu gehen, aber dieser Dickkopf kann ja nicht hören."

Eine Mäusemutter wollte sich nicht damit zufrieden geben, dass Pünktchen im Sterben lag. Für sie war das Kaninchen ein Held. Helden lässt man aber nicht alleine, wenn es ihnen schlecht geht. Man hilft ihnen schell wieder auf die Beine zu kommen. Das war jedenfalls ihre Meinung. Vorsichtig schlich sie sich in den Kannchenstall und fand Pünktchen wie es todtraurig am Boden kauerte. Es war kaum ansprechbar, wollte weder essen noch trinken und hatte auch keine Lust sein Fell zu pflegen. Ganz sanft knabberte die Mäusemutter an Pünktchens Ohr.

"Was ist denn mit dir los," wolle sie wissen. "Gestern warst du noch so lustig, voller Tatendrang und durch nichts zu erschüttern und heute sitzt du da, als hättest du einen Eimer voll Gift gefressen."
"Ich fühle mich auch so, als hätte ich Gift gefressen," antwortete Pünktchen.." Gestern Nacht besuchte ich doch die Eule. Ich wollte von ihr wissen was an meinem Wunsch Osterhase zu werden, so lächerlich sei und ihre Antwort zog mir den Boden unter den Füßen weg. Ich werde niemals Osterhase sein können, diesen Wunsch kann ich mir abschminken. Das macht mich so traurig, ich wünschte, ich wäre nie geboren."
"Na, na," sagte die Mäusemuter." Wer wird denn gleich die Flinte ins Korn werfen? Wenn du Osterhase werden willst, dann kann ich dir vielleicht dabei helfen."
"Du?" Pünktchens Ohren streckten sich auf einmal ganz steif in die Höhe. "Was weißt du denn vom Osterhasen?"
"Mehr jedenfalls als die Eule," antwortete das Mäuschen leicht beleidigt. "Hast du vergessen, dass ich mich Tag für Tag im Haus der Menschen herumtreibe?"
"Hast du dabei auch den Osterhasen gesehen?" Fragte das Kaninchen hoffnungsvoll.
"Das nicht gerade, aber ich weiß wann und wo er seine Eier versteckt." Voller Stolz stellte sich die Mäusemutter vor Pünktchens Gesicht. "Wenn du willst helfe ich dir, dass dein Traum noch in diesem Jahr in Erfüllung geht.

Pünktchen zweifelte an den Möglichkeiten des hilfsbereiten Tierchens. Deshalb fragte es: "Wie willst du aus mir einen Hasen machen der Eier kochen und färben kann? So etwas machen nämlich die echten Osterhasen."
"Du irrst dich, wenn du glaubst der Osterhase mache all diese Dinge selbst," erwiderte die Mäusemutter. "Der Osterhase bringt fertige bemalte Eier unter die Leute und tut so, als hätte er sie hergestellt. Wo er die bunten Eier herbekommt, weiß ich auch nicht. Es ist mir auch egal. Aber ich kann dir helfen, dass du dieses Jahr die Aufgabe des Osterhasen übernehmen kannst. Welche Rolle spielt es da, dass du gar kein Häschen bist? Tu einfach so als ob du der Osterhase wärst. Keiner wird dir das übel nehmen."

Pünktchen wäre der Maus am liebsten um den Hals gefallen."Das ist ja wunderbar, jubelte er. Dann könnte ich all denen, die mich ausgelacht haben beweisen wozu ein Kaninchen fähig ist."
Pünktchen besprach mit der hilfsbereiten Mäusemutter was zu tun sei um in die Rolle des Osterhasen zu schlüpfen. Ihr Vorschlag begeisterte es. Pünktchen war sich sicher, dass der Plan funktionieren würde. Hoch erhobenen Hauptes verließ es den Stall und suchte nach etwas essbarem, denn mit seiner Vorfreude, kam auch sein Hunger wieder zurück.

Kaum gesellte sich Pünktchen zu den anderen, wurde es von den unterschiedlichsten Tieren umringt. Hühner, Schweine und natürlich auch die geschwätzigen Gänse wollten wissen, was das Kaninchen so alles bei der Eule erlebt hatte.
Pünktchen dachte jedoch nicht im Traum daran, die Neugier derjenigen zu befriedigen, die ihn am Tag zuvor noch ausgelacht hatten.
Rache muss sein, dachte es sich und verkündete, "wartet es nur ab, am Ostersonntag werdet ihr's erleben, wie ich zu einem richtigen Osterhase werde." Mehr sagte es nicht.
"Habt ihr das gehört? Pünktchen wird zum Osterhasen. Wer's glaubt wird selig und wer's nicht glaubt, der kommt auch in den Himmel," schnatterte Federchen.
"Du bist eine blöde Gans," brummelte Ben der Hofhund. "Immer musst du über andere herziehen! Pass auf, dass es zu Ostern keinen Gänsebraten gibt. Ich hätte Lust auf ein paar leckere Gänseknochen."
"Das hast du zum Glück nicht zu bestimmen," entsetzte sich Federchen und zog beleidigt von dannen.

Pünktchens Bekanntgabe sorgte für noch größere Aufregung, als zuvor der Wunsch Osterhase zu werden. Einige trauten es ihm zu, andere wiederum nicht. Sie wetteten sogar, ob es die Herausforderung schaffen würde oder nicht. Es gab die unterschiedlichsten Wetteinsätze. Die Gänse verwetteten ihre Daunen, mit denen sich ein jeder seinen Schlafplatz komfortabler ausstatteten konnte, die Hühner verzichteten freiwillig auf einen Teil ihres Futters und Oskar, der Hahn, rupfte sich sogar seine schönsten Schwanzfedern aus nur um an der Wette teilnehmen zu können. Jedes Tier fand etwas anderes, das es verwetten konnte.

Am darauffolgenden Sonntag war es dann soweit. Es gab noch nie einen Ostersonntag, der so ungeduldig von den Tiere des Bauernhofes erwartet wurde, wie dieser. Trotz strengster Bebachtung Pünktchens, gelang es ihm dennoch, sich unbemerkt aus seinem Stall zu schleichen.
Die Mäusemutter wusste natürlich von der Wette und dass alle Tiere das Kaninchen nicht aus den Augen lassen würden. Deshalb ließ sie von ihrer ganzen Verwandtschaft einen Tunnel graben. Dieser führte vom Kaninchenstall aus direkt zu jenem Gebüsch, unter dem der Osterhase eines seiner Nester zu verstecken pflegte. Kaum hatte das Mäuschen das gesuchte Nest entdeckt, eilte sie durch den Geheimgang zu Pünktchen, um ihm Bescheid zu geben. Was danach folgte lag nicht mehr in ihrer Hand.

Zielstrebig zwängte sich Pünktchen durch den Tunnel und befreite sein Fell sorgfältig von eventuell vorhandenen Erdklumpen. Nachdem es unter einem Gebüsch hervorgekrochen war, hielt es Ausschau nach dem Osternest und legte sich vorsichtig hinein. Gewissenhaft achtete es darauf, keines der buntbemalten Eier zu beschädigen, sondern diese behutsam um seinen Körper herum zu legen. So wurde aus Pünktchen ein (fast) echter Osterhase.

Dies dachte auch die Tochter des Bauern, als sie das Nest fand.
"Oh Pappi schau doch mal. Ein richtiger Osterhase! Darf ich ihn behalten?" Während das Mädchen erfreut nach ihrem Vater rief, nahm sie das Kaninchen auf den Arm und streichelte es zärtlich.
Der Bauer erkannte Pünktchen sofort, als er es erblickte. Zwar wunderte er sich, wie das Kaninchen ins Osternest kommen konnte, doch er sagte schmunzelnd zu seiner Tochter:
"Nur sehr wenige Menschen haben das Glück, den Osterhasen sehen zu können. Er ist nämlich sehr scheu. Dir hat er sogar sein Kind anvertraut. Dies ist eine große Ehre. Wir werden dem kleinen Kerl ein schönes Zuhause geben".




Ein Herz für Tiere

Jeden Winter fütterte Herbert frei lebende Vögel mit einer Mischung aus Margarine und Haferflocken. Extra für Meisen legte er auch ein paar Sonnenblumenkerne dazu, denn Meisen fraßen diese Kerne lieber, als das hausgemachte Gemisch. Vom Küchenfenster aus beobachtete er danach das bunte Treiben der Tiere und freute sich darüber, dass so viele verschiedene Vogelarten den von ihm angebotenen Futterplatz aufsuchten. Vor Jahren, als Herbert noch in der Stadt wohnte, sahen alle heimischen Vögel für ihn grau aus. Nun lernte er die unterschiedlichsten Arten kennen. Er entdeckte, dass manche Tiere ein erstaunlich farbenprächtiges Federkleid trugen. Herbert lernte Distelfinke kennen, deren lautes Geschimpfe an ärgerliche Wellensittiche erinnert. Er konnte auf den ersten Anblick Blaumeisen von Kohlmeisen unterscheiden und wenn sich dann noch eine Tannenmeise zu ihnen gesellte, war Herbert ganz begeistert.
Als Vogelliebhaber mochte er Katzen nicht besonders, denn Katzen jagen und töten Vögel. Selbst wenn sie niemals ein von ihnen gefangenes Tier fressen würden, machte ihr Jagdinstinkt sie dennoch zu einer tödlichen Gefahr für Herberts gefiederte Freunde. Doch dies war nicht der einzige Grund, weshalb er Katzen nicht leiden konnte. Es kam ihm oft so vor, als ob diese Tiere sich die Menschen aussuchten, denen sie sich anschlossen. Sie nutzen die Zuneigung ihrer Besitzer und erzogen diese nach ihren Wünschen, nicht umgekehrt.
Vivianne, seine Frau, konnte diese Überzeugung nicht verstehen. Im Gegensatz zu ihrem Mann mochte sie Katzen sehr gerne. Viviane bewunderte die Eigenständigkeit, welche Katzen trotz jahrhundertlanger Domestizierung nicht verloren hatten. Für sie waren Katzen kluge Tiere, die auf Sauberkeit achten und sehr empfänglich für Gefühle sind, die ihnen entgegengebracht werden. Um die Zuneigung einer Katze zu erwerben reichte es nicht aus ihr regelmäßig Futter zu geben. So richtig zahm und verschmust werden diese Tiere erst dann, wenn sie spüren, dass sie das Herz eines Menschen erobern. Dann geben sie in reichlichem Maße jene liebevollen Zärtlichkeiten zurück, die sie zuvor genießen durften. Ihr behagliches schnurren zeigt deutlich, wie sehr ihnen die erwiesenen Aufmerksamkeiten gefallen und wie gerne sie gestreichelt werden.

Herbert und Viviane wohnten in einer kleinen Gemeinde, in der es nicht sehr viele Katzen gab. Wenn dennoch eine in den Gärten umherschlich, dann wusste jeder Einwohner, wo sie Zuhause war.
Eines Tages kam Herbert ins Wohnzimmer und sagte zu seiner Frau, "Ich glaube der Kater unserer Nachbarin ist wieder da. Als ich vorhin unterm Wagen lag um mir den kaputten Auspuff anzusehen, strich er um meine Beine herum."
Herbert wusste, wie sehr sich seine Frau über diese Nachricht freuen würde. Zwei Wochen zuvor berichtete Evelyn, eine Freundin von Viviane, dass ihr Kater, den sie Junior nannte, von seinen nächtlichen Streifzügen nicht mehr zurückgekommen sei. Während sie sprach, fiel es ihr sichtlich schwer die aufkommenden Tränen zurück zu halten. Sie habe ihn überall gesucht vergewisserte Evelyne und nun frage sie in der ganzen Nachbarschaft herum, ob jemand ihren vermissten Herumtreiber gesehen habe. Die Angst, ihr Liebling sei von einem Auto überfahren worden, lag unausgesprochen im Raum. Viviane versuchte Evelyn zu trösten. "Du wirst sehen, in ein paar Tagen steht dein kleiner Stubentiger wieder vor der Tür und hat einen Bärenhunger. Kater sind so. Sie bleiben oft Tage, manchmal sogar wochenlang weg und tauchen dann urplötzlich wieder auf. Mache dich darauf gefasst, dass er ziemlich zerzaust aussieht oder sogar kleinere Verletzungen aufweist, wenn er wieder da ist. Revierkämpfe mit anderen Artgenossen, können unter Umständen blutig ausgehen. Doch du brauchst keine Angst um Junior zu haben, ernsthafte Verletzungen erleiden Kater bei diesen Kämpfen so gut wie nie. Sobald einer von beiden die Flucht ergreift, ist der Kampf vorbei." Die Vorstellung, wie Junior aussehen mag, wenn er heimfindet, ließ Evelyn ihre Sorge vergessen, dass sie ihn nicht mehr lebend wiedersehen würde.
Bereits am nächsten Tag kam Herbert mit dem Kater in seinen Armen zur Tür herein. "Ruf Evelyn an und sage ihr, sie solle ihren Kater bei uns abholen. Ich lasse ihn so lange bei dir, damit er in der Zwischenzeit nicht wieder davonläuft."

Bevor er sich seinem Wagen erneut widmete, gab er ihm noch ein volles Schälchen Milch, die er im Mikrowellenherd leicht angewärmt hatte.
Gierig leckte der Kater das hingestellte Schälchen bis auf den letzten Tropfen aus. Es störte ihn auch nicht beim Trinken gestreichelt zu werden, sondern er zeigte schnurrend, wie sehr es ihm gefiel, von Herbert so liebevoll umsorgt zu werden.
"Man merkt sofort, dass er ein Haustier ist. So gepflegt, so weich, kann kein Fell eines Streuners sein." Nach diesen Worten verließ Herbert das Haus um an seinem Auto weiter reparieren zu können. Die Freude darüber, dass der Ausflug des Katers doch noch ein gutes Ende genommen hatte, konnte man ihm ansehen. Seine ursprüngliche Abneigung gegen Katzen hatte er ganz vergessen, denn der Kater war aus freien Stücken zu ihm gekommen, obwohl Junior ihn bis dahin noch gar nicht kannte. Niemals würde Herbert ein Tier fortjagen, dass seine Hilfe benötigte.

Schelmisch lächelnd rief Viviane ihre Freundin an.
"Auf meinen Schoß sitzt ein junger Mann, der möchte sehnsuchtsvoll wieder nach Hause".
"Wie - was redest du für einen Unsinn?" Fragte Evelyn erstaunt.
"Na Junior ist wieder da. Er sitzt bei mir um wartet darauf, dass du ihn abholst," antwortete Viviane.
Es dauerte keine fünf Minuten, bis Evelyn zur Tür hereinkam. Doch als sie das Tier auf Vivianes Schoß sitzen sah, schüttelte sie bedauernd den Kopf.
"Das ist nicht mein Junior."
Eveline ging zu dem Kater um ihn zu streicheln. Dieser ließ es sich ohne Gegenwehr gefallen von Fremden angefasst zu werden und schnurrte laut vernehmlich.
"Ich habe diesen Kater noch nie in unserer Gegend gesehen, jedoch wird er bestimmt jemanden gehören, der ganz in der Nähe wohnt. Denn dass er ein Haustier ist, sieht man auf den ersten Blick."
Wenig später wurde Viviane von Evelyne herzlich ausgelacht, denn der entlaufene Kater entpuppte sich als weiblich. Weder Herbert noch Viviane war es aufgefallen, dass das ihnen zugelaufene Tier einem anderen Geschlecht angehörte.

Enttäuscht ging Evelyne wieder nach Hause. Kurz danach teilte Viviane ihrem Mann den Irrtum mit, der ihnen unterlaufen war.
Was solle nun mit dem Kätzchen geschehen, fragten sich beide. Da Herbert eigentlich keine Katze als Haustier halten wollte, öffnete er die Haustür und hoffte, dass das Tier wieder nach Hause laufen würde. Doch es ließ sich nicht dazu bewegen die Räume freiwillig zu verlassen und Herbert wollte die Katze nicht mit Gewalt hinauswerfen. Deshalb kaufte er für die nächsten drei Tage Katzenstreu und Dosenfutter. Bis dahin würden sie ihren Besitzer schon gefunden haben - dachten beide.
Als Herbert vom Einkaufen zurückkam und dem Tier Futter gab, stürzte die Katze sich so gierig darauf, als ob sie tagelang nichts mehr gefressen hätte. Es kam der Verdacht auf, sie sei am verhungern und am verdursten gewesen, bevor sie um Herberts Beine strich. Das Katzenhäuschen, welches ihr hingestellt wurde, benutze sie auf Anhieb und machte nicht ein einziges mal daneben. Ihr ganzes Benehmen entsprach dem einer gut erzogenen Hauskatze, die ausschließlich in einer Wohnung gelebt hatte.
Herbert hing Suchmeldungen in der Bürgermeisterei aus, im Lebensmittelmarkt, in der Apotheke und in der örtlichen Schule. Er fragte sogar bei seinem Arzt nach und bei den Gemeindeschwestern, ob sie jemanden kannten, der eine Katze vermisste. Aber alle Bemühungen blieben ohne Erfolg. Er fand niemanden, dem das Tier entlaufen war.

In der Zwischenzeit lernten Herbert und Viviane ihr neues Haustier besser kennen. Mit großer Verwunderung bemerkten sie, dass ihre Katze auf der rechten Seite keine Zähne mehr hatte. Sie war jedoch noch viel zu jung um ihre Zähne von alleine zu verlieren. Etwas Schreckliches musste ihr zugestoßen sein. Voller Mitleid tat Herbert alles, damit sich die Katze sich bei wohl bei ihm fühlte. Es gab ihr den Namen Lady und fühlte sich für ihr Wohlergehen verantwortlich. Lady dankte es ihm auf ihrer ganz eigenen, sanften Weise und ließ ihn nur ungerne aus den Augen. Wenn er dabei war ging sie sogar mit in den Garten hinaus, obwohl sie immer noch Angst davor hatte ins Freie zu gehen. Doch sobald sie ihn nicht mehr sehen konnte, eilte sie sofort ins Haus zurück. Morgens und abends schmuste sie ausgiebig mit Herbert. Lady forderte ihn immer wieder auf, indem sie ihre Pfote auf seine Hand legte und ihren Kopf an seinem Arm rieb.

Lady hatte sich einen Menschen ausgesucht, dem sie sich anschließen wollte. Sie nutzte seine Zuneigung und erzog ihn nach ihren Wünschen, nicht umgekehrt.
Übrigens. Im Winter füttert Herbert die Vögel immer noch. Dass er eine Katze als Haustier hält, ist für ihn kein Widerspruch mehr, denn er liebt alle Tiere.